Für die WDR-Redakteurin Gabriele Gillen war es ein besonderer Termin: Helmut Schmidt gibt nur sehr selten Interviews - und ganz besonders selten Radio-Interviews. Im WDR 5 Tischgespräch sprach der Altkanzler mit ihr über moralisches Handeln - und dass es dafür in der Politk oft abzuwägen gilt: "Um moralisch einwandfrei zu handeln, müssen Sie eine ganze Reihe von Voraussetzungen berücksichtigen."
1939, mit 20 Jahren, wurde Helmut Schmidt Soldat. Heute wundert er sich, wie leichtfertig manche politische Führer darüber entscheiden, ihre Truppen in einen fremden Konflikt zu schicken: "Sie wissen gar nicht, wie schrecklich Krieg ist, denn sie sind ja gar nicht durch die Scheiße gegangen."
In der Nazizeit lebte Schmidts Familie in ständiger Angst vor Verfolgung, denn sein Vater war ein so genannter Halbjude. Es gelang ihnen, dies vor den Behörden zu verbergen. "Wir haben ein bisschen Papiere gefälscht und sind damit durchgekommen, Gott sei Dank."
Die elektronischen Medien verleiten zur Oberflächlichkeit der Information, findet der Altkanzler. Vor 200 Jahren hätten sich die Leute noch lange Briefe geschrieben, heute schickten sie sich nur noch kurze E-Mails. Auch Bücher würden nur noch zum Verschenken gekauft. Als Schüler ...
... lieh er sich aus den öffentlichen Bücherhallen in Hamburg oft Bücher aus, vor allem die europäischen Klassiker. Auch wenn er nicht alles verstanden habe, sei doch etwas hängengeblieben, erzählt er. Später habe ihm dieses Wissen geholfen, Zusammenhänge schneller einzuordnen - auch in der Politik.
Als Kind besuchte Schmidt eine Reformschule. Hier wurde großer Wert auf Musik, Kunst und Theater gelegt. Die Wissensvermittlung dagegen sei "etwas dürftig" gewesen. Entscheidend war es, die großen und kleinen musischen Talente der Schüler zu fördern.
Schmidts Großeltern wohnten ärmlich. Sie teilten sich mit drei anderen Familien ein Plumpsklo und hatten kein fließend Wasser. Beim zehnjährigen Schmidt habe dies den Gedanken ausgelöst, "es müsste mehr Gerechtigkeit geben auf der Welt. Es ist ungerecht, dass Menschen so leben müssen."
Seit 1983 ist Schmidt Mitherausgeber der "Zeit". Höhepunkt der Woche: Die Redaktionskonferenz am Freitag: "Sie zwingt mich, mich auseinanderzusetzen mit den Gedanken von Leuten, die zum Teil 60 Jahre jünger sind als ich."
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Mit Nachfolger Helmut Kohl verbindet Helmut Schmidt nicht viel. Im Gegensatz zu Kohl habe er sich nie als Volkserzieher verstanden, sagt Schmidt. Das habe Kohl als seine Aufgabe gesehen - "hat er aber auch nicht hingekriegt".
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