Stéphane Hessel (93) ist Autor des internationalen Bestsellers "Empört Euch!", einer Streitschrift gegen die Macht des Geldes und für die Menschenrechte. Die Idee zu der Schrift entstand bei einem Treffen mit Freunden aus Zeiten des französischen Widerstands. Man müsse - wie damals im Widerstand - wieder für die Würde des Menschen einstehen, so Hessel im WDR5-Tischgespräch mit Claudia Dammann.
In dieser Protestschrift kritisiert er unter anderem die drohende Zerstörung unseres Planeten, die internationale Diktatur der Finanzmärkte, die immer größere werdende Kluft zwischen Arm und Reich sowie die Missachtung der Menschenrechte. Man müsse an die nun 65 Jahre alten Werte des französischen Widerstandes erinnern und die jüngeren Zeitgenossen ermahnen: "Diese Werte dürft ihr nicht vergessen."
Zuerst hatte Hessel zusammen mit seiner Verlegerin gedacht, das Buch würde nur Franzosen interessieren. Doch dann schien es plötzlich einen Nerv vieler Bürger in ganz Europa getroffen zu haben. Es gebe einen Punkt in allen Ländern, wo man sich empören könne und solle, erklärt Hessel. "Vor allem soll man nicht gleichgültig sein."
Empörung alleine reicht aber nicht: "Wenn man sich nur gegen etwas empört, ohne zu wissen, was man dann tun kann, um es zu verändern - dann hat es wenig Sinn." Deshalb betrachtet Hessel die aktuellen Entwicklungen in Griechenland oder Spanien auch etwas ängstlich. Wichtig sei, die Empörung in Engagement zu verwandeln.
Viele Leser danken ihm, weil das Buch "Empört Euch!" ihnen Mut gegeben hat. "Es gibt natürlich auch solche, die gerade den kleinen Teil meines Büchleins gelesen haben, wo ich über Israel und Palästina spreche." Darin äußert er die Meinung, dass Palästina einen eigenen Staat haben solle. Wenn er dafür kritisiert wird, stellt er klar: "Ich bin ein Liebhaber von Israel und wünsche mir ein friedliches Israel."
Stéphane Hessel hat zwar durch seinen Vater jüdische Wurzeln, ist aber nicht jüdisch erzogen worden. Trotzdem fühlt er sich selbst als Jude. "Ich empfinde mich mit den Juden der Welt im selben Kampf. Ein Kampf für die Errichtung eines Staates Israel und eines Staates, dessen Sicherheit davon abhängt, dass er mit seinen Nachbarn, den Arabern, eine freundschaftliche Beziehung erreicht. Das ist doch die einzige Lösung für Israel."
Das wissen wohl nur wenige: Im Tischgespräch erzählt Hessel, dass die Biographie seiner Eltern einst die Grundlage für den Roman "Jules und Jim" von Henri-Pierre Roché bildete. Dieser befand sich damals mit Hessels Eltern - wie im später verfilmten Roman beschrieben - in einer Dreiecksbeziehung. Vor allem wegen dieser Liebesgeschichte sind Franz und Helen Hessel 1924 von Berlin nach Paris gezogen.
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"Man muss lernen zu bewundern", befindet Stéphane Hessel. Das habe er selber gelernt und bringe es nun auch seinen Kindern und Freunden bei. "Das macht einen zu einem großherzigen Menschen", so Hessel. Menschen, die er bewundere - wie Winston Churchill (Foto) oder Franklin Roosevelt - hätten ihn dazu gebracht, selbst Mut zu zeigen.
Hessel ist seit 1937 französischer Staatsbürger. Im Zweiten Weltkrieg schloss er sich dem französischen Widerstand an. 1944 wurde er von der Gestapo verhaftet und in ein Konzentrationslager deportiert. Einer Exekution konnte er nur deshalb entkommen, weil er die Identität eines an Typhus gestorbenen Häftlings annahm, der unter seinem Namen verbrannt wurde. Die Flucht gelang ihm schließlich aus dem Zug bei der Deportation nach Bergen-Belsen.
Das Schlimmste in den Konzentrationslagern sei die Kälte gewesen, erinnert sich Hessel. "Da hat man sehr gelitten." Geholfen hat ihm dabei die Poesie, das Aufsagen und Teilen von Gedichten. Noch heute könne er über 100 Gedichte auswendig aufsagen, verrät Hessel später Tischgespräch-Autorin Claudia Dammann.
"Verliebt zu sein ist etwas, was einen sehr gut erhält", verrät der 93-Jährige. Er sei mehrere Male in seinem Leben tief verliebt gewesen. "Dieses Lieben ist etwas, was einen stark macht im Herzen." Ein Musikstück, das er sich für das Tischgespräch wünschte, war "Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt" von Marlene Dietrich.
Nach dem Krieg arbeitet Stéphane Hessel im diplomatischen Dienst Frankreichs. So ist er auch Mitglied der französischen Delegation bei der Ausarbeitung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. An die Abstimmung erinnert er sich heute noch. Am Ende votierten 48 von 56 Mitgliedsstatten der UNO für die Erklärung, der Rest enthielt sich. "Das war natürlich für mich ein außerordentlich schöner Moment."
"Ich bin kein religiöser Mensch, aber ich habe eine besondere Beziehung mit dem Göttlichen. Das ist für mich ein Schutz gegen Übel." So wie in Friedrich Hölderlins "Da ich ein Knabe war ..." empfindet Hessel, "dass das Göttliche einem gutmütig zusieht." Man sei im Blick der Gottheit ein beschütztes Wesen, schließt Stéphane Hessel.
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