Wie viel Windkraft braucht NRW, wie viel Windkraft verträgt das Land? Darüber diskutieren NRW-Umweltminister Johannes Remmel (Grüne), Lutz Lienenkämper (stellv. CDU-Fraktionsvorsitzender im Landtag), Dr. Manfred Nelting (Facharzt für psychosomatische Medizin), Jürgen Döschner (WDR-Energieexperte) und Michael Guse (Initiative "Gegenwind 21"), zusammen mit den Moderatoren Matthias Bongard und Klaus Tewes.
NRW ist - was den Bau von Windenergieanlagen betrifft - deutlich zurückgeblieben, erklärt NRW-Umweltminister Johannes Remmel. "Wir haben aktuell einen Anteil von drei Prozent am Stromverbrauch in der Windenergieerzeugung und müssen da deutlich mehr tun", so der Minister. Deshalb müsse das Land die Beschränkungen wie etwa die Höhenbegrenzung, die bisher im Windenergie-Erlass vorhanden waren, beseitigen.
Doch gerade dieser Windenergie-Erlass stößt auf Kritik. Michael Guse von der Siegener Initiative "Gegenwind 21" bemängelt eine fehlende Abstandsregelung im Erlass. Das führe zu einem "absolutem Wildwuchs" beim Bau von Windenergie-Anlagen, so Guse. Er kämpft mit seiner Initiative gegen den "Industriewindpark Rabenhainer Höhe" (hier in einer Fotomontage der Bürgerinitiative).
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Auch Lutz Lienenkämper, stellvertretender CDU-Fraktionsvorsitzender im Landtag, hätte sich gewünscht, dass die Abstände der Windkraftanlagen von der Wohnbebauung vom Land vernünftig vorgeschrieben worden wären, "damit wir Menschen schützen und gleichzeitig Windenergie machen können", so Lienenkämper.
Den richtigen Blick auf die Menschen, auf die Bürger, fordert auch WDR-Energieexperte Jürgen Döschner. So würden im Windschatten der Energiewende auch massiv Bürgerrechte eingeschränkt, u.a. bei der Planung von Stromtrassen. "Weder bei den Stromtrassen noch bei Windkraftanlagen oder anderen Anlagen dürfen Bürgerrechte, darf Naturschutz auf der Strecke bleiben", fordert Döschner.
"Windenergie macht krank" - diese Aussage ist zumindest aus ärztlicher Sicht nicht gesichert. Das erläutert Dr. Manfred Nelting, Facharzt für psychosomatische Medizin. Eines scheint aber klar: Es kommt für den Menschen auf die Abstände zu den Windenergieanlagen an. Grundsätzlich müsse auf dem Gebiet aber noch viel geforscht werden, so der Mediziner.
In zehn oder 20 Jahren könne man durch diese Forschungsergebnisse auch tatsächlich schlauer sein, führt NRW-Umweltminister Johannes Remmel an. Aber Argumente, die jetzt nichts helfen, dürften nicht die Diskussion bestimmen, die jetzt notwendigerweise geführt werden müsse. "Die Energiewende kann in der Tat nur gelingen, wenn wir so was wie ein Gemeinschaftswerk hinkriegen", so Remmel.
Auch wenn Dr. Nelting aus medizinischer Sicht nicht bestätigen kann, dass Windkraftanlagen krankmachen - Michael Guse von der Initiative "Gegenwind 21" ist da ganz anderer Meinung, Er hat ein Windrad 590 Meter hinter seinem Haus stehen und ist sich sicher: "Es macht krank, definitiv."
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Auch eine Zuhörerin im Saal des Medien- und Kulturzentrum Lyz erklärt mit Nachdruck, dass das Windrad in ihrer Umgebung sie krankgemacht hätte. Sie leide unter Migräne, Verspannungen im Kiefer und Panikattacken. Wenn der Windpark nun noch erweitert werden sollte, "dann ist das für mich das Ende", so die Zuhörerin.
Aber warum werden Menschen durch Windräder krank? Ein Grund könnte Infraschall sein, erläutert Dr. Manfred Nelting. Dieser Schall kann vom menschlichen Ohr kaum wahrgenommen werden, könnte aber Auswirkungen auf den menschlichen Körper haben. Nur weil er nicht gehört wird oder es nicht vibriert, könne man den Infraschall nicht als harmlos abtun, so der Mediziner.
Man müsse dabei aber auch erwähnen, dass Waschmaschinen, Heizungspumpen oder auch Automotoren Infraschall emittieren, wendet Sebastian Schäfer ein. So wäre der Infraschallpegel im Inneren eines Autos um ein Vielfaches höher als das, was eine Windkraftanlage im Nahbereich emittiert, erklärt Schäfer, der einen Bürgerwindpark in Siegen plant.
Die gestörte Gesundheit der Bürger ist aber nicht das einzige Motiv der Windrad-Gegner. "Natürlich verlieren die Immobilien an Wert, wenn Windparks in der Nähe gebaut werden. Das ist natürlich auch ein Argument", gibt Michael Guse von der Initiative "Gegenwind 21" zu. "Auf der Gegenseite werden ja auch Geschäfte gemacht."
"Wir können natürlich hingehen und bauen jetzt nur noch Windparks in der Nordsee", wirft WDR-Umweltexperte Jürgen Döschner in die Diskussion. Dann müsse man aber große Stromtrassen von Nord nach Süd bauen. Und schon stünden wieder Bürgerinitiativen auf der Straße, die das nicht wollen. Er neige er dazu, den Strom da zu erzeugen, wo er verbraucht wird, so Döschner. Dafür müsse man aber seine eigenen Interessen auch mal etwas zurückstellen.
"Den einfachen Weg, den gibt es nicht", kann Matthias Kynast bestätigen. Er betreibt selber Bürgerwindräder und könne nur allen empfehlen, nicht immer nur dagegen zu sein. "Machen Sie was dafür, setzen Sie sich ein; Photovoltaik, Biomasse - es gibt genug." Aber auch dabei werde man feststellen: Es gibt überall Gegner, Ärger und Auseinandersetzungen.
"Wir erleben gerade erst die Anfänge dessen, was die Verknappung und Verteuerung von Energie für uns, für unser Leben, unseren Lebensstandard, unsere Lebensgewohnheiten bedeutet", so Energieexperte Jürgen Döschner. Das Problem der Energieversorgung ist seiner Meinung nach die große Frage des 21. Jahrhunderts.
Nach einer Stunde endet das WDR 5-Stadtgespräch im Siegener Medien- und Kulturzentrum Lyz. Stadtgespräch-Moderator Matthias Bongard fällt es schwer, ein Fazit zu ziehen. "Es gibt keine falsche Windenergie, es gibt nur falsche Standorte", vielleicht könne man sich darauf einigen, so Bongard.
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