Tausende Menschen müssen wegen des Braunkohlebergaus ihre Heimat verlassen. Über die Zukunft der Energie und das Geschäft mit der Kohle diskutieren in Immerath (neu) Harry Voigtsberger (SPD, NRW- Wirtschafts- und Energieminister), Dr. Johannes Lambertz (Vorstandsvorsitzender RWE Power), Dirk Jansen (BUND-Geschäftsleiter für Umwelt- und Naturschutzpolitik), Jörg Marksteiner (WDR-Wirtschafts- und Energieexperte) und die Moderatoren Judith Schulte-Loh und Thomas Wenkert.
Auch der Ort Immerath fiel dem Braunkohletagebau zum Opfer. "1.000 Menschen mussten sich auf die Suche machen nach einem neuen Zuhause, 300 wohnen jetzt bereits in Immerath (neu) - ein Ort frisch aus dem Boden gestampft", so Stadtgespräch-Moderatorin Judith Schulte-Loh. Und fertig ist der Ort noch lange nicht, ganz im Gegenteil: Die Sendung musste im Rohbau des neuen Kaisersaals aufgezeichnet werden.
Der Ausstieg aus der Atomenergie hat nach Aussage von NRW-Energieminister Harry Voigtsberger zur Folge, dass man bis zu dem Zeitpunkt, zu dem man sich weitgehend mit regenerativer Energie versorgen kann, die fossilen Brennstofe noch weiter benötigt. Die Braunkohle sei deshalb sogar heute "ein Stück weit wichtiger geworden", so der Minister.
"Die Kernenergie hat in Deutschland aktuell im vergangenen Jahr 23 Prozent Anteil an der Stromerzeugung gehabt", erläutert Johannes Lambertz, Vorstandsvorsitzender von RWE Power. Wenn man diesen Anteil bis zum Ausstiegsjahr 2022 kompensieren wolle, dann müssten die erneuerbaren Energien sich bis dahin mehr als verdoppeln. "Ich gestehe gerne zu, die Braunkohle ist an der Stelle auch eine Brückentechnologie, die wir brauchen, bis wir das Ganze erreicht haben."
Die meisten Menschen wüssten gar nicht, dass die Braunkohle der Energieträger ist, der den meisten Strom erzeugt, so WDR-Energieexperte Jörg Marksteiner. "Ich denke, die Braunkohle hat sich da in der Vergangenheit auch ganz gut verstecken können hinter der Atomkraft als großem Feinbild." Nun müsse sich die Braunkohle ganz neue Fragen gefallen lassen müssen, so Marksteiner.
Die Stromerzeugung ist aber nur ein Aspekt in der Diskussion um die Braunkohle. Dirk Jansen, BUND-Geschäftsleiter für Umwelt- und Naturschutzpolitik, bezieht auch Fragen des Umweltschutzes mit in die Diskussion ein: "Wer es mit dem Klimaschutz ernst meint, der muss aus der Braunkohle aussteigen." Braunkohle sei der Klimakiller Nummer eins in Deutschland, speziell in NRW.
"Es gibt natürlich noch viele andere weitere gute Gründe, aus der Braunkohle auszusteigen", führt Dirk Jansen weiter aus: Der Braunkohletagebau sei der "größtdenkbare Eingriff in Natur, Landschaft und auch soziale Strukturen." Mit der Gewinnung der Braunkohle seien viele Kollateral- und Ewigkeitsschäden verbunden.
Die Sorgen und Nöte der umgesiedelten Immenrather könne er gut verstehen, erläutert der RWE Power-Vorstandsvorsitzende Johannes Lambertz. Er selber wohne im Gebiet des Tagebaus Hambach und werde auch mit seiner Familie umgesiedelt. "Für mich ist das relativ einfach, weil ich - das können Sie sagen - Geld genug habe. Aber ich wohne in diesem Ort schon seit Ewigkeiten, ich bin da geboren." Deshalb wisse er, welche Härten das seien, so Lambertz an die Immenrather gerichtet.
Johannes Rau habe den Menschen in der Region einmal versprochen: Wenn "Garzweiler II" realisiert werden sollte, würde er zu den Menschen gehen und es ihnen erklären. Doch von Johannes Rau bis Hannelore Kraft sei kein Ministerpräsident gekommen, bedauert ein von der Umsiedlung betroffener Bürger. Da die Landesregierung für RWE stets ein offenes Ohr habe, hätten es die Bürger verdient, dass auch mit ihnen über die Umsiedlung gesprochen werde. "Wir möchten mit Würde umsiedeln."
Pastor Günter Salentin begleitet in einigen Orten von der Umsiedlung betroffene Menschen. "Ich habe viele Tränen erlebt, auch viel Wut und Zorn bei den Menschen, die einfach feststellen: So einfach ist es nicht, alles aufgeben zu müssen."
Doch nicht nur die Umsiedlung macht den Menschen in der Region zu schaffen, sie haben auch Sorgen um ihre Gesundheit. Die Feinstaub-Grenzwerte beim Tagebau Hambach würden nun bereits am 35. Tag überschritten, empört sich ein Zuhörer. Damit sei die Gesundheit der Bürger gefährdet. "Was tun Sie, um uns vor Feinstaub und Radioaktivität zu schützen", möchte der Zuhörer vom RWE Power-Vorstandsvorsitzenden wissen.
Das Feinstaubaufkommen in der Region rund um die RWE-Anlagen sei nur zu 15 bis 20 Prozent auf die RWE-Anlagen zurückzuführen, erklärt RWE Power-Manager Lambertz. Die restlichen 80 Prozent seien nicht darauf zurückzuführen. RWE versuche aber mit verschiedenen Maßnahmen zu verhindern, dass Staub aufgewirbelt wird.
Dennoch: "Die Tagebaue sind die dominierende regionale Quelle für Feinstaubemission", so Dirk Jansen vom BUND. Und damit gehe auch von diesen Feinstaubemissionen eine tödliche Gefahr aus. Insofern sei er froh, dass RWE das Problem nun angehe. Allerdings seien viele weitere Probleme - wie etwa die Radioaktivität - noch ungelöst.
Eine Zuhörerin wohnt in der Nähe des Kraftwerks Frimmersdorf. Ihr Mann sei als einer von vielen unter anderem Opfer der Braunkohlestromgewinnung geworden. "Das ist unerträglich. Man kann das einfach nicht mehr hinnehmen", beklagt sie sich.
Nach Ansicht von NRW-Energieminister Harry Voigtsberger wird die Braunkohle in ihrer Bedeutung zwar abnehmen - aber das werde noch dauern. Doch kommen wir bis dahin mit den aktuell genehmigten Tagebau-Projekten aus? "Die Landesregierung geht nicht davon aus, dass wir neue Tagebaue benötigen", erklärt Voigtsberger auf Nachfrage von WDR-Energieexperte Jörg Marksteiner.
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Nach einer Stunde endet das WDR 5-Stadtgespräch aus dem Rohbau des Kaisersaals in Immerath (neu) zum Thema "Verheizte Heimat oder Zukunftsenergie? Braunkohle in NRW".
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