Der Titel "Vor dem Gesetz" klingt einerseits furchtbar technisch, andererseits macht er Mut, denn er beinhaltet den Gedanken, dass vor dem Gesetz alle gleich sind. Die Skulpturen, die ab Samstag (17.12.2011) im Museum Ludwig zu sehen sind, spiegeln die Frage wider, was die Würde des Menschen eigentlich bedeutet. Zeitgenössische Exponate stehen dabei modernen Klassikern der Nachkriegszeit gegenüber. Ohne Frage ersteres: der "Gefesselte Prometheus". Wie keine andere Figur der Mythologie steht der griechische Held für Mut, Einfallsreichtum und Selbstlosigkeit. Doch sein Aufbegehren gegen die Obrigkeit kommt ihn teuer zu stehen. Zeus legt ihn zeitlebens in Ketten. Die Bronzeplastik von Gerhard Marcks (1889-1981) stammt aus dem Jahr 1948.
Wie "ein Schlag mit einem Baseballschläger in den Nacken" will der US-amerikanische Künstler Bruce Nauman (*1941) mit seinen Werken schockieren. In "Carousel" (1988) hinterlassen Tierkadaver in endloser Umdrehung eine Schleifspur auf dem Boden.
Beim New Yorker Künstler George Segal (1924-2000) bleibt der Mensch farblos, scheint zur Kontaktaufnahme nicht in der Lage. Es findet nur ein Nebeneinander, kein Miteinander mehr statt. Was genau die Personen entfremdet hat, lässt "The Restaurant Window" von 1967 offen.
In sich gekehrt, gedankenverloren, vielleicht gebrochen, aber doch erhaben thront dieser Jüngling von Wilhelm Lehmbruck (1881-1919) auf seinem Podest. Was die Ausstellungsstücke eint, ist laut Co-Kurator Thomas D. Trummer, dass sie keinen Kontakt zum Besucher aufnehmen. Man muss sich den Zugang zu ihnen erarbeiten.
Er ist gerade gewachsen, sein Wipfel treibt gleichmäßig Äste - und trotzdem ist dieser "Tree" von Zoe Leonard (*1961) mausetot. Bei genauerer Betrachtung wird er durch Metallgelenke und Wandhalterungen gestützt. Die Skulptur drückt die Verzweiflung aus, mit der die Menschheit ihre Umwelt aufrecht erhalten will.
Ein einzelner Fuß, wie bei Alberto Giacometti (1901-1966) üblich mit verfremdeten Proportionen: die Gliedmaße filigran, der Fuß klobig, andererseits aber auch stark genug, um Halt zu bieten. Der Mensch steht hier auf wackligen Beinen, ist ein eher schwaches Wesen. Aber letztlich doch kräftig genug, um am Leben zu bleiben.
Überlebensgroß und mit grimmiger Miene schaut "Vater Staat" von Thomas Schütte (*1954) über den Besucher hinweg. Seine stolze Haltung drückt Autorität aus, gleichzeitig scheint er aber handlungsunfähig, weil er entweder gar keine Arme hat oder sie in der Robe gefesselt sind.
Seit fast zehn Jahren arbeitet Andreas Siekmann bereits an seiner über zwei Räume verteilten Großinstallation "Die Exklusive - zur Politik des ausgeschlossenen Vierten". Der Normalbürger ist hier nur Betrachter. Der Gedanke, dass er keinen Einfluss mehr hat, obwohl er in der Überzahl ist, entspricht dem Schlachtruf "Wir sind die 99 Prozent" der diesjährigen Occupy-Bewegung.
Gezeigt werden in Siekmanns Bildercollage Momente wie Polizeieinsätze, Massendemonstrationen oder vermeintlicher Fortschritt. Dahinter steckt der Gedanke, dass diese Bilder sowohl von Nichtregierungsorganisationen zu Aufklärungszwecken als auch von Staaten und Regimen zur Einschüchterung genutzt werden können.
Verbindungsglied dieser beiden bildgewaltigen Räume ist diese Durchreiche, in der das Spektakel Staatssystem sich in einem winzigen Kinderkarussell wiederfindet. Alles dreht sich, niemand kann es aufhalten.
Im Raum daneben wieder die ästhetische Nüchternheit eines modernen Klassikers: Noch ist er nicht gefallen, dieser Krieger von Henry Moore (1898-1986), aber er ist im Fallen begriffen. Der Mensch in seinem vielleicht existenziellsten Moment: kurz vor dem Tod.
Schlichtes Bauholz, gestapelt zu einem kompakten Turm. "Timber Piece" von Carl Andre (*1935) spiegelt die bloße Schaffenskraft des Menschen wider. Sein Tun muss weder funktional noch kreativ sein. Und trotzdem ist er in der Lage, Dinge für die Nachwelt zu hinterlassen. Mit der Ausstellung "Vor dem Gesetz" verabschiedet sich Kasper König als Direktor des Kölner Museum Ludwig, sie ist bis 22. April 2012 zu sehen.
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