"Unser Thema heute ist von immenser Tragweite für unsere Gesellschaft", erklärt Stadtgespräch-Moderator Matthias Bongard zu Beginn der Veranstaltung. Zur "Inklusion" diskutieren mit ihm und den Zuhörern Sylvia Löhrmann (Schulministerin NRW), Heinz Dingerdissen (pensionierter Studienrat), Wilfried Steinert (Schulleiter und Verfechter der Idee "Schule für alle") und Jochen-Peter Wirths (Landeselternverband sprachbehinderter Kinder).
Vereinfacht gesagt bedeute Inklusion, dass alle Kinder in einer Schule leben und lernen, erklärt Matthias Bongard. So soll es selbstverständlich sein, dass auch Kinder mit Behinderungen, die vorher an einer Förderschule unterrichtet wurden, nun auf eine Regelschule gehen. Doch dieses Ziel ist umstritten, die Ansichten hierzu gehen weit auseinander.
"Der Auftrag, dass wir unser Schulsystem umbauen sollen und müssen, der ist ja dadurch gegeben, dass die Bundesregierung die UN-Behindertenrechtskonvention unterzeichnet hat", so Schulministerin Sylvia Löhrmann. Es gehe bei dem Thema nicht mehr um das "Ob", sondern nur noch um das "Wie".
Doch bei dem "Wie" scheiden sich die Geister - auch im Publikum des Stadtgesprächs. Die behinderte Tochter eines Zuhörers geht auf eine Regelschule, in eine integrative Klasse. Dort sei Mobbing ein großes Thema. "Sie wirkt normal, aber sie kann sich halt nicht so gut konzentrieren", erklärt der Zuhörer. Wenn sie beispielsweise bei Facebook was schreibe und das nicht nach ordentlicher Rechtschreibung aussehe, dann werde sie häufig gemobbt.
Ein weiterer Zuhörer ist zwar für die Inklusion, aber "für eine Inklusion mit Augenmaß". Er fordert eine Öffnung der Förderschulen. "Denn dort sind alle Voraussetzungen vorhanden, um vernünftigen Unterricht zu gestalten, der unseren Kindern entgegen kommt - auch den Regelschülern."
Wir müssten potenzialorientiert auf die Kinder schauen und nicht mehr defizitorientiert, ist sich Ministerin Löhrmann sicher. Das Schulsystem habe eine Tradition, Gleiches zusammenzupacken, so Löhrmann weiter. "Und die Inklusion sagt Nein, Vielfalt gehört ins Klassenzimmer. Alle Kinder haben ein Recht, zusammen zu lernen."
"Das klingt alles wunderbar", gibt Jochen-Peter Wirths vom Landeselternverband sprachbehinderter Kinder zu. Er habe aber in Gesprächen mit Eltern und Lehrer die große Sorge festgestellt, dass ab dem kommenden Schuljahr Kinder in den Regelschulen behinderte Kinder auftauchen, die Regelschulen aber gar nicht in der Lage wären, diese Kinder intensiv zu fördern.
"Wir reden von etwa 140.000 Kindern im Verhältnis zu 2,8 Millionen Kindern", erklärt Schulministerin Löhrmann. "Die Vorstellung, dass jetzt in jeder Regelschule auf auf einmal 20 bis 30 Prozent Kinder mit Behinderung alles durcheinanderbringen, möchte ich angesichts dieser Relation vielleicht doch etwas dämpfen, die Sorge."
Man müsse - im Gegensatz zu früher - mehr darauf schauen: "Was braucht dieses Kind", erklärt Schulleiter Wilfried Steinert. Bisher habe man geschaut, ob ein Kind schulfähig ist und es dann auf eine passende Schule gewiesen, entweder Förderschule oder Regelschule. Jetzt müsste bei der Schuleingansguntersuchung eigentlich gefragt werden: "Was muss die Schule tun, damit dieses Kind an dieser Schule die optimalen Lernbedingungen bekommt", so Steinert.
Heinz Dingerdissen, Mitglied des Schulausschusses des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe, möchte nicht, dass beim Thema Inklusion die Förderschulen auf der Strecke bleiben. Ein relativ neues Schlagwort der Pädagogik laute "individuelle Förderung", so Dingerdissen. "Das sehe ich beim Anlauf und beim vielfachen Verständnis von Inklusion baden gehen. Da geht es nicht mehr um individuelle Förderung, sondern in erste Linie um Gleichmacherei", kritisiert der pensionierte Pädagoge.
"Individuelle Förderung heißt nicht Gleichmacherei", wehrt sich Sylvia Löhrmann. "Aber alle Kinder sollen die gleichen Zugangschancen haben." Und ein wichtiger Leitsatz der Behindertenbewegung sei: "Man ist nicht behindert, sondern man wird behindert."
Wilfried Steinert ist Verfechter der Idee "Schule für alle". Auf seiner Schule lernen behinderte und nichtbehinderte Kinder zusammen. Erlernte Sozialkompetenz ist ihm dabei wichtiger als Notendruck. Ihn habe ein Unternehmer einmal angesprochen und erklärt: "Das wünsche ich mir eigentlich von Schulabgängern. Dass sie in der Lage sind, ein Projekt zu gestalten." Wenn Schüler ein Projekt verstanden hätten, wäre es ihm lieber, als wenn sie nur korrekte Berechnungen ausführen können.
Schulministerin Löhrmann pflichtet Wilfried Steinert bei: "Wir leben in Deutschland von dem Glauben: Je einheitlicher die Gruppe ist, umso besser ist das Ergebnis." Das Gegenteil sei aber bewiesen, erklärt Schulministerin Löhrmann. Gemischte Milieus seien besser für die Lernentwicklung der Kinder mit als auch der Kinder ohne Behinderungen. Und sie betont: "Wir werden doch aber keine Eltern zwingen."
Eine Zuhörerin hat im Jahr 2008 als Behinderte ihr Abitur an einer Regelschule gemacht. "Es ist durchaus möglich, dass man als behinderter Mensch einen ganz normalen Schulabschluss schafft", erklärt sie. Die Frage sei vielmehr: Wie geht die Gesellschaft damit um? Im Moment sei es so, dass die Behinderten in der Gesellschaft noch nicht akzeptiert würden.
Er könne alle Eltern nur ermutigen, den Weg in die Inklusion zu wählen, so Schulleiter Wilfried Steinert. Er selbst habe 12 Kinder groß gezogen, davon acht Pflegekinder, die die unterschiedlichsten Förderbedarfe hatten. "Und die haben davon profitiert", so Steinert. Eines seiner Pflegekinder, der eigentlich auf einer Sonderschule gelandet wäre, hätte sogar gerade seinen Bachelor in Sonderpädagogik mit einem sehr guten Ergebnis gemacht.
"Ich will noch einmal sehr deutlich sagen, dass es nicht darum geht, von heute auf morgen ein System etwa wie in Skandinavien hier in Deutschland auf Knopfdruck zu schaffen." Das sei eine Generationenaufgabe, erklärt Sylvia Löhrmann. Hier müsse Sorgfalt vor Schnelligkeit gehen, um alle Leute mitzunehmen.
"Die Diskussion hat gezeigt, dass sie in etwa verläuft zwischen ideologischen Grabenkämpfen, der finanziellen Machbarkeit und auch vielen persönlichen Ängsten", fasst Stadtgespräch-Moderator Mattias Bongard die einstündige Diskussion im Phoenix-Gymnasium in Dortmund-Hörde zusammen.
Diese Seite speichern oder weiterempfehlen