Die neue Präsidentin des NRW-Landtags, Carina Gödecke (SPD) fordert einen Dresscode von den Abgeordneten, um ein "Mindestmaß an Seriosität" zu gewährleisten. Schwarzes T-Shirt unter einem roten Blazer mit modisch zusammengekruscheltem Kragen ist wohl okay - damit trat sie selbst am 31.05.2012 ans Rednerpult. So ein Zufall aber auch, dass sie die Parteifarbe trägt.
Auch Piraten tragen ihre Gesinnungsfarbe im Parlament, jedoch mit dem Fehler, den Pulli über einem unseriösen weißen Hemd in gebügelter Optik zu tragen. Das geht gar nicht! Die Farbe weiß ist jedoch seriös genug.
Denn weißes T-Shirt unter Lederjacke, wie 2006 von Gödecke im Landtag getragen, ist hingegen wieder in Ordnung.
Hüte und Kopftücher aller Art hält die Präsidentin nach Medienberichten für unangebracht. Betroffen wäre davon Andrea Milz, Abgeordnete der CDU.
Nach eigenen Angaben hat sie "mehr als 330 selbstgenadelte Pullis und Zubehör" in ihrem begehbaren Kleiderschrank. Einen Teil davon hat sie bereits im Plenum getragen.
Nicht näher ausgeführt ist, ob das "Hut- und Kopftuch-Verbot" der Präsidentin auch Tücher betrifft, die quasi eine Etage tiefer sitzen. 1995 entschied sich der grüne Abgeordneten Hisham Hammad im NRW-Landtag, das Palästinensertuch in der westlichen Protesthaltung des lässigen Halsgewickels zu tragen.
Immer für eine Provokation gut war der Kleiderstil der Grünen. Bei diesem Bilddokument aus dem Jahr 1988, das Jürgen Trittin im niedersächsischen Landtag zeigt, sind wir froh, dass es nur in Schwarz-Weiß überliefert ist. "Casino Niedersachsen" ließ Trittin übrigens eigens für eine Landtagssondersitzung anfertigen.
Aber bekanntlich wechseln mit den Ämtern und der Zeit auch Mode der Grünen: Aus dem Turnschuh-Umweltminister Joschka Fischer wurde der Anzug-Außenminister, der dem Brioni-Kanzler Schröder modisch in nichts nachstand.
Vielleicht braucht man in Kleiderfragen einfach einen längeren Atem. Als 1970 die SPD-Abgeordnete Lenelotte von Bothmer als erste Frau im Bundestag im Hosenanzug erschien, sahen die Herren Abgeordneten die Würde des Hauses und der Frau verletzt. Heute ist der Hosenanzug die würdevolle Standard-Uniform der Kanzlerin.
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Und schließlich muss niemand befürchten, dass mit einem Dresscode kein Spielraum mehr ist für Individualität: Man beachte nur die unterschiedlichen Breiten der Streifen in den Krawatten des Bundeskabinetts von 2005!
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