Eine Expertenrunde auf dem Podium und ein Publikum mit Fragen und Anregungen - in der neuen Reihe "WDR=Kultur=Gut" wird öffentlich über Kultur geredet. Der Hintergrund: Die geplanten Veränderungen am WDR 3-Programm hatten im Vorfeld eine kontrovers geführte Debatte ausgelöst, bei der Kulturschaffende um die Zukunft des Kulturradios füchteten. Diese Diskussion greift der WDR nun in der neuen Reihe auf. Die Auftaktveranstaltung in der Duisburger Mercatorhalle widmete sich der Zukunft des Kulturradios. Auf dem Podium saßen sechs Menschen vom Fach, die mindestens eines einte - die Liebe zum Radio: Andreas Weber (Programmdirektor des Deutschlandradios), Henry C. Brinker (Kulturmanager), Uwe Schulz (Moderator), Monika Piel (WDR-Intendantin), Christoph Höppner (Generalsekretär des Deutschen Musikrats) und Mercedes Bunz (Medienexpertin).
"Natürlich hat dieses Gespräch eine lange Vorgeschichte. Denn die Frage, was Kultur im Radio ist, ist so alt wie der öffentlich-rechtliche Rundfunk und so jung, wie jeder neue Höreindruck, den wir vom Kulturpogramm haben", leitete Moderator Uwe Schulz die Gesprächsrunde ein. So sei die Auseinandersetzung ebenfalls Teil der Radiokultur." Sein Versprechen: "Kein Anstoß, der heute hier erfolgt, wird verloren gehen. WDR 3 sendet nicht nur, WDR 3 empfängt auch - das ist die Idee dieser Gesprächsreihe."
Und dann ging es mitten hinein in die Diskussion: "Radio ist selbst Kultur. Es ist etwas, das uns anregt. Deshalb ist dieser Streit um das Kulturradio auch gut. Das zeigt doch nur, dass wir es in der digitalen Welt nicht ad acta legen wollen und besorgt sind, dass es keinen neuen Ort hat", so Mercedes Bunz. Das Radio werde sich aber ändern, prophezeite die Medienexpertin: Künftig würden Sendemedien eher dann abgerufen, wenn der Nutzer sie brauche.
"Innerhalb des Gesamtprogrammes laufen wir mit dem Kulturprogramm manchmal Gefahr in einem Elfenbeinturm festzustecken", kritisierte Christian Höppner. "Eine Vernetzung zu anderen Programmangeboten ist essenziell." Es müssten viel mehr Kulturnachrichten erscheinen. "Nichts gegen Sport, aber das Verhältnis von Kulturnachrichten und Sportnachrichten stimmt nicht."
Wo bleibt denn da das Querdenken, die Gegenkultur, wollte Uwe Schulz wissen und bekam Antworten von Kulturmanager Henry C. Brinker: "Das Radio hat eine große Macht. Es verbreitet Meinung, die strittig ist, und dann müssen wir selber Positionen beziehen und uns eigene Gedanken machen. Ich würde mir wünschen, dass der WDR mehr Streit anfängt. Heiner Geißler hat mal gesagt: 'Wer in der Politik wahrgenommen werden will, muss Streit anfangen.' Lasst uns mit Kultur Streit anfangen." Dazu gehöre auch, Dinge zu tun, ohne auf die Quote zu schielen und auf die Mehrheitsmeinung zu gucken.
"Die Balance von Nachfrage decken und Nachfrage wecken stimmt generell nicht", so Christian Höppner. "Öffentlich-rechtliches Radio hat die Aufgabe, unerwartete Begegnungen zu schaffen." Das kulturelle Erbe sei unterrepräsentiert. Mercedes Bunz sieht aber noch eine andere Gefahr: Früher habe man Angst gehabt, dass Kultur institutionalisiert werde. "Heute wird die Kultur von einer ganz neuen Seite bedroht, nämlich von der Ökonomie."
Henry Brinker machte aber noch ein ganz anderes Problem aus, das lange vor der Einschaltquote beginnt. "Radio ist kein Reparaturbetrieb der Gesellschaft", so der Kulturmanager. Wenn sich Gesellschaft in ihrer Breite von Kultur abwende, dann könne Radio aus Kulturverweigerern keine Kulturnutzer machen. "Die Beste Werbung für ein Leben mit Musik ist das Schlaflied der Mutter."
Ein hochwertiges Kulturradio könnten heute nur öffentlich-rechtliche Sender anbieten, weil die das Gebührenprivileg hätten, ist sich WDR-Chefin Monika Piel sicher. "WDR 3 hat keinen Quotendruck, aber wir müssen auch gehört werden. Fünf Prozent der Menschen in Deutschland sagen, dass sie kulturinteressiert sind. Unser Ehrgeiz bei WDR 3 wäre, die Hälfte dieser fünf Prozent zu erwischen." Rund 200.000 Hörer habe WDR3 täglich. Zum Vergleich hätten Programme wie WDR 2 oder 1Live hingegen über drei Millionen Hörer am Tag. "Alle, die sich mit Hochkultur beschäftigten, müssen versuchen, auch ein nachwachsendes Publikum zu bekommen, ohne die, die mit dem Angebot zufrieden sind, zu verlieren." Dennoch müsse Kultur nicht immer wirtschaftlichen Nutzen haben. "Kultur ist ein Wert an sich und muss sich nicht in Euro und Cent messen."
"Ist es nicht gerade typisch für Kulturprogramme, nicht mehrheitsfähig zu sein?", fragte Moderator Uwe Schulz in die Runde. "Wenn dies das Ziel ist, wird es problematisch", entgegnete Andreas-Peter Weber, Programmdirektor des Deutschlandradios. "Personen durch Kultur zu verändern, ist eine Herausforderung, aber wir müssen im Blick haben, ob wir dann noch auf einer Ebene mit unseren Hörern sind." Muss man also mehrheitsfähig sein, um den Auftrag zu erfüllen? "In der Gesamtheit müssen wir alle erreichen, aber nicht mit jedem Programm", so Monika Piel.
In der zweiten Hälfte des Podiumgespräches mischte dann auch das Publikum mit. So meldete sich zum Beispiel Petra Gärtner aus Essen zu Wort: "Ich höre seit 50 Jahren Radio und die größte Lust beim Radiohören ist eigentlich die Überraschung. Ich gehe ja auch nicht ins Restaurant, um mich mit dem Koch über Rezepte auszutauschen, sondern ich denke: Koch, du sollst mich überraschen."
"Ich halte diese Sendung für dringend erforderlich, wenn sie auch fast zu spät kommt", findet Zuhörer Klaus Schofs aus Kalkar und wünscht sich darüber hinaus mehr Vernetzung innerhalb der Sparten. Sein Vorschlag: Auf WDR 3, zwei oder drei gute Moderatoren von 1 Live etablieren, um sie in einem neuen Format experimentelle Musik vorstellen lassen.
"Wenn wir uns berühren lassen durch Sendungen, dann findet in uns Kultur statt", findet Zuhörer Stefan Emondts. Dialog von Kulturradio mit seinen Hörern sei Grundauftrag, nicht der Quote, sondern der Kultur wegen. Das sieht auch Fachmann Henry Brinker ähnlich. "Je stärker sich die digitale Welt entwickelt in ihrer grenzenlosen Repräsentierbarkeit, desto größer wird die Sehnsucht des Publikums nach wirklichen Erlebnissen, nach Begrenztheit. Da kann Radio Momente schaffen. Aber wenn die Urerlebnisse fehlen, kann es auch nicht zu Bindungskraft eines Mediums kommen."
"Sie haben mich bei der kulturellen Vielfalt an der Seite", bekräftigte WDR-Intendantin Monika Piel am Ende der Podiumsdiskussion. "Es war die erste Sendung, aber ich möchte noch sehr viel mehr hören."
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