Die Zeiten, in denen auf der Art Fair junge Kunst zu kleinen Preisen gezeigt wurde, sind schon lange vorbei. Die ehemals alternative Messe hat sich längst als fester Termin im Kalender von Sammlern, Galeristen und Kunstinteressierten etabliert. Vor dem Kölner Staatenhaus, in dem von 1. bis 4. November über 80 Galerien ihr Repertoire zeigen, stehen drei Großplastiken des Ansbacher Künstlers Thomas Röthel.
Seine Spezialität: verformen, was als unverformbar gilt. Riesige Stahlmonolithen werden von ihm im Hochofen angeschmolzen, damit er sie schneiden und biegen kann. Schweres und starres Material gewinnt so eine neue Leichtigkeit und Filigranität. Motto: Nichts ist unmöglich.
Viele der Kunstwerke auf der diesjährigen Art Fair haben den Blickwinkel des Betrachters zum Thema. Bei Alireza Varzandeh, einem iranischen Künstler, der schon seit den frühen 1990ern in Köln lebt, ergibt sich der entspannte Gesamteindruck des "Easy Day" (2012) erst aus der Entfernung. In der Nahperspektive sieht man nur grobe Pinselstriche.
Verschlungene Form, makellose Oberfläche: Wie der unförmige Wachsfaden einer Lavalampe, der plötzlich erkaltet ist, thront die silbern glänzende Plastik "Bloomen" (2011) von Martin Mas im oberen Geschoss der Ausstellungsfläche im Staatenhaus. Auch hier gilt wie bei Thomas Röthel: Schweres Material wirkt leicht und anpassungsfähig.
Ein Star in Öl: Klaus Kinski, streitbare Ikone des deutschen Nachkriegsfilms, nimmt bei der Freiberger Malerin Bettina Moras eine erhabene Leinwandpose ein. Erst bei genauerer Betrachtung sieht man die zahlreichen Alterszeichen - Äderchen, Falten, dünnes Haar, dunkle Augenringe. Das Gemälde zeigt die Brüche von Kinskis besessenem Künstlerleben, ohne ihn zu entstellen.
Die Bronzeplastiken von Hannes Helmke erinnern in ihrer filigranen Silhouette und ihrer zerfurchten Oberfläche an die Werke von Alberto Giacometti. Während aber beim Schweizer Skulpturenmeister der Mensch als Individuum sich selbst überlassen bleibt, dominiert beim Wahl-Kölner Helmke das Zwischenmenschliche: Personen reichen sich die Hand und sind einander zugetan. Sie geben sich Halt.
"You never walk alone" ist auch das Motto von Katharina Dietlinger. Die Dortmunderin macht den sportlichen Höhenflug ihrer Heimatmannschaft zum Thema: Schwarz-gelb leuchtet die Euphorie bis aufs Spielfeld. Fans als gleißender Rückhalt eines Erfolgsteams. Ein Einkaufstipp ganz speziell für BVB-Trainer Jürgen Klopp.
Berenice Darrer zwingt den Betrachter mit ihren Miniaturschaukästen nicht nur zum genauen Hinsehen, sondern dreht dabei auch noch den Spieß um: Aus den winzigen Holzboxen, "Raum I bis V", starren ihm winzige Figuren entgegen, die allesamt Besucher einer Ausstellung sind. Little Brother is watching you.
Einfacher Trick, große Wirkung: Die Porträt-Fotografien von "Lucy Liu" (2012) und "John Malkovich" (2007) hat Maxim Wakultschik auf Folie gezogen, sie nach außen gewölbt und hinter mattiertes Glas gespannt. Die beiden Hollywood-Charakterköpfe erhalten so eine noch unwirklichere Aura, als sie sie ohnehin schon haben.
Der Pfälzer Roger Löcherbach hat ein Prinzip: Er haut seine Kunst aus nur einem einzigen Block. Herauskommt alles andere als grober Holzschnitt. Bei Löcherbach entstehen Figuren mit Botschaft - im wahrsten Sinne: "Art", "Never Sorry" und "Fuck" trägt der chinesische Künstler und Friedensaktivist Ai Weiwei als Schriftzug auf Brust oder Rücken.
Kunst als Gelddruckmaschine: Der Niederländer John Breed hat mit seinen "Golden Dollars" überdimensionierte Druckplatten der US-amerikanischen Währung hergestellt. Zum Fälschen sind die beiden Ungetüme allerdings nicht nur wegen ihres Formats ungeeignet. Denn statt der Signatur von George Washington hat John Breed seine eigene Unterschrift auf der Platte verewigt. Natürlich spiegelverkehrt - falls es doch mal jemand zum Drucken nutzen will.
Beim Hannoveraner Künstler Wolfgang Kessler entsteht aus Pinselstrichen, die mit dem Lineal gezogen wurden, ein zunächst diffuser Eindruck beim Betrachter. Lässt er das Gemälde länger aus der Ferne auf sich wirken, erschließen sich die Motive von "Blauer Raum" (links) und "Kapital II" - zwar nicht konkret, aber als Ahnung. Es wirkt der Reiz des Ungefähren.
Die Gesichter hinter Clownsmasken, die Leiber hinter Nadelstreifen - so hat sich diese Entscheiderrunde gegen die Langeweile gewappnet. Beim Schweizer Künstler Onur Dinc ist es mit Enthusiasmus nicht allzu weit her. Trotzdem hat er sein großformatiges Acrylgemälde "Enthusiasm" genannt. Er weiß: Hier hilft nur Ironie.
Bei Werner Berges wird Pop-Art zum fein gezeichneten Negativabzug in Knallbunt. Sein Trick: Er malt mit Lack-Stiften über eine auf Karton gezogene Filmfolie. Der Effekt: als hätte jemand Charles Wilps legendäre Afri-Cola-Motive in einen Farbtopf getaucht.
Ein Spiel mit Licht und Schatten: Lutz Wagner baut filigrane Drahtgestelle, die er mit einem kleinen Spot von schräg unten ausleuchtet und so eine stark vergrößerte Silhouette erzeugt. "Tape" erinnert wehmütig daran, dass das Kassettenzeitalter den Schatten der Vergangenheit angehört.
Noch ein Spannungsfeld aus Nah und Fern: Steht man direkt vor Konrad Winters "NY Chinatown" (2012), sieht man nur kräftige Farbflecken, die sich wie Blasen von der Leinwand wölben. Von Weitem erkennt man die bunte Geschäftigkeit von New Yorks Chinatown, deren Leuchtreklamen-Nervosität dieser Tage einer Post-Hurrikan-Ernücherterung gewichen sein dürfte.
Ob Tropensturm "Sandy", das Erdbeben von Japan oder 9/11 - Satelliten haben die Welt zu einem globalen Dorf gemacht, in dem internationale Politik und aufsehenerregende Katastrophen live mitverfolgt werden können. Die Spanierin Francesca Martí hat diese Entwicklung in ihrer Mammut-Konstellation "Planet of Fusions" zusammengefasst. Aus unterschiedlichen Satellitenschüsseln starrt das Weltgeschehen mit Obama, Merkel und Co. auf den Betrachter. Martí entwarf die Video-Plastik exklusiv für die diesjährige Art Fair.
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