Hans Werner Henze, einer der berühmtesten deutschen Komponisten der Gegenwart, ist tot. Er starb am Samstag (26.10.2012) im Alter von 86 Jahren in Dresden. Er sei einer der "wirkungsvollsten Komponisten unserer Zeit" gewesen, urteilt sein Musikverlag, ein Mann mit "grenzenloser musikalischer Phantasie".
"Ich wollte eigentlich aufhören mit dem Schreiben von Musik", sagte Hans Werner Henze in einem Interview, als er 80 wurde. "Aber ich habe keine interessantere Tagesbeschäftigung. Nachtbeschäftigung auch nicht."
Henze ist einer der meistgespielten zeitgenössischen Komponisten in Deutschland. Dabei war er lange ein Außenseiter.
Deutschland nach dem Krieg: Der junge Henze, geboren in Gütersloh, macht Musik, die ganz anders ist als der Trend. Viele seiner Komponisten-Kollegen haben sich der so genannten "seriellen Musik" verschrieben, einer Kompositionstechnik, die nach strengen Regeln funktioniert. Henze mag es lieber offen, frei.
Seine künstlerische Luft zum Atmen findet er in Italien, wo er seit 1953 lebte. Das gesellschaftliche Klima im Adenauer-Deutschland und die mangelnde Bereitschaft, die Nazizeit aufzuarbeiten, enttäuschten ihn.
In den 1960er Jahren engagierte sich Henze politisch. Er arbeitet für den Sozialistischen Deutschen Studentenbund SDS, nimmt den vom Attentat genesenden Rudi Dutschke in sein Haus auf. Auch seine Kunst wird radikaler. 1968 gerät in Hamburg die Uraufführung von "Floß der Medusa" zum Skandal: Einige Sänger des RIAS Kammerchors weigern sich, unter einer roten Fahne zu singen. Hans Werner Henze verlässt fluchtartig die Uraufführung.
"Ihr Geist half meiner Schwachheit auf", sagt Henze über Ingeborg Bachmann. Mit der österreichischen Schriftstellerin verband ihn eine tiefe künstlerische Freundschaft. Ihre Libretti "Der junge Lord" und "Der Prinz von Homburg" gehören zu Henzes bekanntesten Bühnenwerken.
Henze sucht den Kontakt zu anderen Schriftstellern. Unter anderem arbeitet er mit Hans Magnus Enzensberger (Bild), Grete Weil und W. H. Auden.
Dem Abonnenten-Publikum ist er oftmals zu schrill und den Konservativen zu links. Henze bei einem Künstlerempfang 1965: In der vorderen Reihe Schauspielerin Agnes Fink, Schriftstellerin Ingeborg Bachmann und Rut Brandt, dahinter Bernhard Wicki und Fritz Kortner, beide Schauspieler und Regisseur, Hans Werner Henze, Schriftsteller Günter Grass, Bundeskanzler Willy Brandt (SPD) und sein Parteifreund, der Berliner Wirtschaftssenator Karl Schiller.
Von Anfang an ist Henze ein Komponist, der sich intensiv um den Nachwuchs kümmert. In Montepulciano, nahe seiner italienischen Heimat, gründet er 1976 das "Canitere Internazionale d'Arte", ein Festival zur Verbreitung Neuer Musik. 1988 ruft er die Münchner Biennale ins Leben, 1980 bis 10991 ist er Professor für Komposition an der Kölner Musikhochschule.
In seiner Schaffenswut lässt Henze kaum eine Gattung aus. Seine große Liebe ist das Musiktheater, er schreibt über 20 Opern wie "Gisela! oder der merk- und denkwürdige Weg des Glücks" aus dem Jahr 2010.
Dazu kommen Ballette, Solokonzerte, Kammer- und Filmmusik. Sein Werkverzeichnis umfasst mehr als 100 Seiten.
Im Jahre 2011 wurde Henze der Deutsche Musikautorenpreis für sein Lebenswerk verliehen. Als die Semperoper in Dresden ihre Spielzeit 2012/2013 mit seiner Antikriegsoper "Wir erreichen den Fluss" eröffnete, kam er persönlich zur Premiere - und wurde stürmisch gefeiert. Es war die letzte große Würdigung eines großen deutschen Komponisten.
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