Als Reliquie verehrt, als Trophäe gesammelt oder als Modeaccessoire getragen - Totenschädel erzählen immer auch Geschichten über die Lebenden. Mit der Sonderausstellung "Schädelkult" taucht das Museum für Archäologie in Herne tief hinein in die Geschichte um Ahnenverehrung, Kopfjagd und Voodoo und nimmt Besucher dabei mit auf die Reise durch die Kontinente.
Der Kopf galt von jeher als Zentrum des Denkens, der spirituellen Kraft und der Persönlichkeit. Kein Wunder also, dass der Schädel in der Menschheitsgeschichte immer eine wichtige Rolle spielte - als Trophäe, als Andenken, als Macht- oder Liebessymbol. Über 300 Exponate haben die Ausstellungsmacher in Herne zusammengetragen - von der tibetanischen Schädeltrommel bis zum peruanischen Schrumpfkopf.
Auch eine der ältesten Schädelöffnungen Westfalens ist in Herne zu sehen. Gefunden wurde dieser Kopf in einem über 5.400 Jahre alten Steinkammergrab in Warburg/Kreis Höxter. Er gehörte einem Mann aus der Jungsteinzeit, der sich einem chirurgischen Eingriff unterziehen musste, wie das trapezförmige Loch in der Schädeldecke verrät. "Schädelöffnungen mit Feuersteinschabern waren keine Seltenheit. So behandelte man zum Beispiel Hirnhautentzündungen", erklärt Chefarchäologe Michael Rind. "Mit einer Computertomografie ließ sich feststellen, dass der Knochen nach dem Eingriff wieder verheilte." Der Mann hatte das Prozedere also überlebt.
Von europäischer Schädelverehrung zeugen kunstvoll bemalte und beschriftete Schädel, die in sogenannten Beinhäusern aufbewahrt wurden. Der Grund: Häufig mussten Gräber auf kleinen Friedhöfen nach einer Frist von sieben Jahren aus Platzmangel geräumt werden. Die nicht verwesten Knochen - wie Oberschenkel oder Schädel - wurden danach gesäubert und in den Beinhäusern untergebracht. Damit man wusste, welcher Schädel wem gehörte, wurde er beschriftet. In Teilen Österreichs und Süddeutschlands war dieses Brauchtum noch bis in die 1980er Jahre üblich.
Ahnenverehrung in Neuguinea: Beim Volk der Asmat gilt der Schädel Verstorbener als Überbringer von Lebenskraft. Damit die Kraft der Ahnen auf die Familienmitglieder übergeht, wird der Schädel überall hin mitgenommen und dient nachts als Kopfkissen.
Diesen tätowierten und mumifizierten Schädel brachte James Cook 1771 von Neuseeland mit nach Europa. Er soll ihn mit einer Leinenunterhose bezahlt haben. Die dauerhafte Körperverzierung - bei den neuseeländischen Maori "Ta Moko" genannt - entstand durch Wegschaben der Haut und erzählt etwas über Herkunft und Stellung des Trägers.
Dieser reich verzierte Schädel stammt aus Mexiko und ist eine Rarität. Weltweit gibt es nur noch acht solcher mit türkisen Mosaiksteinchen verzierten Köpfe. Vermutlich ist er rund 1.500 Jahre alt. Die Türkisarbeiten waren eine Spezialität des mexikanischen Indianervolks der Mixteken.
Eine Schädeltrophäe aus Nordost-Indien: Die an den Seiten befestigten Rinderhörner sollten den Schädel taub machen, sodass er das Rufen seiner Angehörigen nicht hören kann. Auch auf anderen Kontinenten hatten solche Kopftrophäen von Feinden rituelle Bedeutung. Für verschiedene Völker galt das Abschneiden des Kopfes als Zeichen des Triumphs über den Gegner. So fand man bei den Kelten Schädel, in die zusätzlich riesige Nägel getrieben wurden. Auch sie sind in Herne zu sehen.
Ein anderer Kult, der von der Rache des getöteten Feindes bewahren sollte, stammt von Jivaro-Indianern aus dem tropischen Regenwald nahe den Anden. Sie fertigten nach strengen Ritualen Schrumpfköpfe an, indem sie den Schädeln die Haut abzogen, sie wieder zusammennähten und so lange mit heißem Sand befüllten, bis sie schrumpften. Irgendwann entdeckten Europäer diese Tradition als kurioses Souvenir und brachten die Miniaturschädel von ihren Entdeckungsreisen mit. Als die Nachfrage stieg, plünderten Nicht-Jivaros ganze Friedhöfe, um neue Schrumpfköpfe zu produzieren.
Angetrieben von Religion, Aberglaube oder Tradition - überall auf der Welt haben die Menschen ihre ganz eigene Art, mit den sterblichen Überresten umzugehen. Für den Schädelkult früherer Zeiten hat die Herner Projektleiterin Constanze Döhrer allerdings auch eine ganz einfache Erklärung: "Es gab damals noch keine Fotos, da musste der Schädel selbst als Andenken funktionieren."
Mystischer Schädel: Zu den populärsten Schädelkult-Objekten gehören die Kristallschädel. Insgesamt 13 von ihnen sollen auf der Welt existieren. Der Mythos besagt, dass sie den Weltuntergang verhindern könnten, den der Maya-Kalender für den 21. Dezember 2012 prophezeit. Längst haben Forscher herausgefunden, dass die berühmten Bergkristallschädel nicht aus dem Sonnenreich der Maya stammen, sondern womöglich aus dem rheinland-pfälzischen Idar-Oberstein. Man hatte an ihnen Schleifspuren von drehenden Metallrädern gefunden. "So etwas hatten die Maya nicht", erklärt Ausstellungsinitiator Wilfried Rosendahl. Dafür aber sei Idar-Oberstein das Weltzentrum für diese Schleifkunst gewesen. Der Kopf in Herne ist übrigens eine Nachbildung.
An einer kreativen Antwort auf einen bestimmten Schädelkult versuchte sich der polnische Künstler Peter Fuss. Sein Schädel aus Strasssteinen mit Zahnlücke sollte ein Seitenhieb auf eine 75-Millionen-Dollar-Skulptur seines Kollegen Damien Hirst sein. Der hatte 2007 einen Schädel aus lupenreinen Diamanten kreiert und ihn "For the Love of God" genannt. Peter Fuss fand das so absurd, dass er sein Billig-Imitat dagegensetzte und es "For the Laugh of God" nannte.
Zuckersüße Totenschädel gibt es hingegen in Mexiko. Dort wird Ende Oktober der "Dia de los Muertos" (Tag der Toten) begangen, einer der wichtigsten Feiertage. Den unverkrampften Umgang mit dem Tod bezeugen Zuckerfiguren in Form von Totenschädeln, die überall in den Straßen und Geschäften zu finden sind. Auch auf dieses farbenprächtige Volksfest wirft die Ausstellung einen Blick. Die Schau "Schädelkult" ist noch bis zum 14. April 2013 in Herne zu sehen.
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