Zutritt (vorläufig) verboten: Die große Halle der Bonner Bundeskunst- und Ausstellungshalle gehörte bis Donnerstagmorgen (29.11.2012) dem Team, das die "Schätze der Weltkulturen" aus dem British Museum in die Vitrinen brachte. Für Lichtdesigner, Maler, Vitrinenbauer, Papier-, Holz- und Metall-Restauratoren vier Wochen harte Arbeit hinter den Kulissen...
... auch wenn es sich beschaulich anlässt. Die Halle, in der die Schätze präsentiert werden sollen, wird vorbereitet, die runden Wände werden aufgebaut und blau, violett und erbsengrün bemalt. Aber das ist nur die Ruhe vor dem Sturm.
Zum Durchatmen ist Ausstellungsleiterin Katharina Chrubasik schon vorher kaum gekommen. Ein Projekt wie dieses zu verantworten heißt vor allem: viel Papierkram, Tausende von Mails und unzählige Telefonate. Denn auch wenn die Bonner es diesmal nur mit einem Leihgeber und gut 200 Exponaten zu tun haben: Die Londoner sind anspruchsvoll, wollen genau wissen, wie und wo ihre Schätze untergebracht werden. Raumklima, Lichtstärke, Farbe der Podeste: Detailfragen, die Zeit kosten. Aber dann, drei Wochen vor der Eröffnung, der Anruf aus London: Die LKW kommen! Die heiße Phase beginnt.
In vier Speziallastern werden tonnenschwere Transportkisten über den Kanal und durch den Feierabendverkehr nach Bonn geschafft. Inhalt: Kunstwerke aus der ganzen Welt - von daumenklein bis überlebensgroß, Millionen oder nur wenige Jahre alt, aus kostbarem Gold, aus Holz oder einfachen Bindfäden.
Eine Stunde pro LKW brauchen die starken Briten zum Ausladen. Dann ist ihre Arbeit getan, morgen geht es wieder nach England. Zurück bleiben fünf Dutzend Kisten und die Mitarbeiter des British Museums, die den Transport überwacht haben. Jetzt sollen sie mit ihren deutschen Kollegen prüfen, ob die kostbaren Stücke die Reise gut überstanden haben. Ein Muss, allein schon wegen der Versicherungen.
War dieser Fleck vorher schon da? Schuppe für Schuppe, von den Fühlern bis zur Schwanzflosse nehmen Lindsay Breaks und David Noden den "Okimono" ins Visier. Japanische Waffenschmiede haben den beweglichen Fisch aus Eisen einst hergestellt, als eine Art Fingerübung in Friedenszeiten. Die deutschen Restauratoren sind hingerissen: "Wenn ihr den nicht mehr haben wollt..." Aber die Briten wissen, welchen Schatz sie in Händen halten.
Ob Eingeweidebehälter aus Alabaster mit Tierkopfdeckeln, der südamerikanische "Kipu", eine Art tragbares Rechnungsbuch aus Baumwollfäden, oder eine römische Wandmalerei: Die Mitarbeiter gehen routiniert, aber sehr ehrfürchtig mit den Exponaten um. Und die Begeisterung über jedes neue Stück, das wieder ans Tageslicht kommt, ist ansteckend.
Trotzdem sind sie froh über jedes Objekt, das endlich an seinem Platz in der Halle steht. Zehn Tage haben sie noch, um die Listen abzuarbeiten, die Leihgaben zu untersuchen und aufzustellen.
Wo was stehen soll, hat ein Architekt ausgetüftelt, der auch die "Hülle" für die Ausstellung entworfen hat: Eine Art British Museum im Kleinen, mit Kabinetten für jeden Erdteil und einem runden Raum in der Mitte. Für die künftigen Besucher der "Kontemplationsraum", für die Mitarbeiter die eigentliche Schaltzentrale.
Denn hier stehen die Ordner mit den Untersuchungsprotokollen - sozusagen im Auge des Sturms. Ringsherum wird gesaugt und gehämmert, gebohrt und getackert. Und mittendrin kurvt mit lautem Warnsignal eine Hebebühne umher, unterwegs von Europa nach Ozeanien.
Chefrestauratorin Ulrike Klein hat dafür weder Augen noch Ohren. Sie steht im Raum "Afrika" und muss die ägyptische Totenmaske auf mögliche Schäden untersuchen. Dass gerade hinter ihrem Rücken mit schwerem Gerät gearbeitet wird, nimmt sie kaum zur Kenntnis.
700 Kilo wiegt die Statue der Katzengöttin Sekhmet, und es braucht sechs Männer, um sie millimetergenau auf ihren Platz zu hieven. Ganz vorsichtig anheben, dabei das Podest stückchenweise unterschieben - ein Kraftakt, der Nerven kostet. Aber sie fällt nicht...
... und das Podest passt auch, wie vom Architekten geplant. "Sehr gut sieht das aus", sagt ein Bonner und hebt erleichtert den Daumen, "brilliant", bestätigt David Noden. Aber dann schnell weiter, rüber nach Ozeanien, wo ein hölzener Türpfosten auf dem Boden liegt: "Doorpost?" "Doorpost!"
Hauruck, und schon steht die riesige Schnitzerei. Weil der Nachschub gerade stockt, leistet sich David Noden eine kurze Handypause. Es ist eh bald Feierabend, und in Asien stehen schon drei Buddhas, im Nahen Osten einige Stelen, und eine Seidenbörse aus dem Besitz Elisabeths I. hat auch ihren Platz gefunden. Morgen geht es weiter, Stück für Stück und Vitrine für Vitrine.
Das ist der Moment, auf den Martin Leetz gewartet hat: Wenn die gleißenden Arbeitslichter erloschen sind, kann er seine Leuchten hoch oben am Dach positionieren. Sekhmet soll aus dem schützenden Museums-Dämmerlicht heraus erstrahlen - geheimnisvoll und gut sichtbar zugleich. Leetz bewegt die Leuchte daumenbreit hin und her - perfekt. Dann fährt er die Hebebühne wieder runter und löscht das Licht. Sekhmet bleibt im Dunkeln zurück, zusammen mit den Mumien, dem ozeanischen Türpfosten und Elisabeths Seidentäschchen.
Mit stoischer Ruhe blicken die Statuen auf das Chaos. Das hat sich in den vergangenen Tagen schon gelichtet: Die meisten Kisten sind ausgepackt, die vielen Glasscheiben geputzt und die Wandtafeln aufgeklebt. Aber es gibt ein Problem: Die kleinen Vitrinenpodeste für die Münzen und den Schmuck sind immer noch nicht da, die Schaukästen können nicht befüllt werden. Und damit kommt der ganze Zeitplan ins Rutschen.
Martin Leetz ist schon ganz nervös deswegen. Ein halbes Tausend Lichtquellen muss er im Raum und in den Vitrinen einrichten, die Exponate von allen Seiten richtig ausleuchten. Aber ohne Podeste keine Stücke, ohne Stücke kein Licht. So kommt er nicht weiter.
Als die Podeste endlich kommen, bricht routinierte Hektik aus. "Hier ist es wie im Bienenkorb", heißt es warnend. Überall wird gleichzeitig gearbeitet, die Kollegen ziehen von Kabinett zu Kabinett, mit Spezialwerkzeug, großen Lampen und immer neuen Handschuhen. Mittendrin, zwischen Hämmern, Bohrer und Zangen, stehen die Schätze. Wer Zeit hat, kommt vorbei und bestaunt sie. Nur um den Holzkopf vorne machen alle einen Bogen: Die Menschenhaare am Kinn finden auch die Profis gruselig.
Improvisieren, diskutieren, telefonieren: Nur noch zehn Tage bis zur Eröffnung. Für kleine Fachsimpeleien ist aber immer Zeit, für unvermutete Entdeckungen auch. "Was ist das?!", stutzt Ausstellungsleiterin Katharina Chrubasik vor einer Vitrine. Eine griechische Vase mit Symbolen, die sie nicht kennt? Da muss sie sofort nachschauen - und legt sogar das Handy aus der Hand.
Zwei Tage vor der Eröffnung steht die Ausstellung. Die Vitrinen sind eingerichtet, das Licht gesetzt - und die meisten Londoner Kollegen wieder abgereist. Die Führer haben gerade einen Zwei-Stunden-Crash-Kurs durch die Ausstellung hinter sich gebracht. Jetzt haben sie die Schätze ganz für sich allein - noch.
Ab Freitag (29.11.2012) können die Besucher das Ergebnis all der Mühe in der Bonner Kunst- und Ausstellungshalle besichtigen. Die Schau "Schätze der Weltkulturen" ist dort bis zum 4. April 2013 zu sehen. Und Projektmanagerin Katharina Chrubasik und ihr Team? Planen schon die nächste Ausstellung - mit tausenden von Mails und unzähligen Telefonaten.
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