Extreme Fußballfans, sogenannte Ultras, haben ein ambivalentes Verhältnis zur Gewalt. Auch wenn nicht alle Ultras gewaltbereit sind, sorgen einige von ihnen in den Stadien immer wieder für Ärger. "Ultras außer Kontrolle - Wie kann die Gewalt bei Fußballspielen gestoppt werden?" Dazu diskutieren beim Stadtgespräch aus Köln mit dem Moderatoren Judith Schulte-Loh und Jochen Hilgers: Volker Lange (Polizist), Rainer Mendel (Fanbeauftragter des 1. FC Köln), Jonas Gabler (Fanforscher) und Arnd Zeigler (Stadionsprecher von Werder Bremen und Fernsehmoderator).
Wer ins Stadion geht, hört heute häufig nicht nur begeisterte Fangesänge. Während einige Fans randalieren - und da offenbar auch Spaß dran haben - bemüht sich die Polizei um Ordnung. Familienväter sorgen sich hingegen um die Sicherheit ihrer Kinder, während andere Fans sich von den Sicherheitskräften gegängelt fühlen. Szenen aus deutschen Stadien.
"Unsere Hand ist ausgestreckt zum Dialog", erklärt Volker Lange, als Polizist verantwortlich für die Sicherheit rund um das Kölner Stadion. "Wir versuchen, transparent zu sein. Das haben wir mit dem 1. FC Köln von Anfang an gemacht", so Lange weiter. Die einfachste Art, Ärger mit der Polizei zu vermeiden, sei aber ganz klar: "Keine Straftaten, keine Polizei."
Im Fußball habe es immer Leute gegeben, die den Sport missbrauchen, so Rainer Mendel, Fanbeauftragter des 1. FC Köln. "Das ist eine ganz geringe Anzahl", schränkt er ein und verweist auf die Hooligans, die in den 1980er Jahren für Gewalt im Fußball gesorgt haben. "Und heutzutage werden die Ultras für alles verantwortlich gemacht, was im Stadion passiert. Das ist sicherlich auch nicht richtig." Aber man könne nicht pauschal sagen, dass Ultras außer Kontrolle wären. "Da verwehre ich mich gegen", so Mendel.
Nicht nur die Sicherheitsdienste, auch die Fans selber könnten und sollten ihren Teil für eine gewaltfreie Fankultur beitragen. "Ich würde mir manchmal aus den Reihen der Fans eine größere Abgrenzung gegen die wünschen, die zu solchen Gewalttaten bereit sind", so Fernsehmoderator und Stadionsprecher Arnd Zeigler. "Da deckt man sich teilweise gegenseitig und hält den Mund und redet eben nicht mit der Polizei, weil das zum Ethos der Fanbewegung dazugehört", kritisiert Zeigler. Die Gruppierungen sollten seiner Meinung nach viel deutlicher klarstellen: "Das geht bei uns - und das respektieren wir nicht."
Was unterscheidet eigentlich Ultras von normalen Fußballfans? "Ultras sind auf jeden Fall extreme Fans", erklärt Jonas Gabler, Fanforscher an der Uni Hannover. Im Gegensatz zu anderen Fans organisieren sich Ultras in einer größeren Gruppe. "Die treffen sich regelmäßig, haben häufig eigene Räumlichkeiten", erklärt Gabler und betont aber auch: "Die betätigen sich häufig auch sozial oder karitativ." Damit seien sie häufig auch ein Anlaufpunkt für junge Menschen.
Seit vielen Jahren gibt es bei der Polizei szenekundige Beamte, die mit den Hooligans und Ultras umgehen können. Einer von ihnen sitzt beim Stadtgespräch im Publikum. Gibt es Unterschiede zwischen den Hooligans früher und den heutigen Ultras? "Wir haben mit den Ultras ein Kommunikationsproblem", erklärt der Beamte. Der Grundgedanke der Ultras, ihren Verein zu unterstützen, sei zwar gut. "Allerdings die Ausübung dann widerspricht dem Gesetzgeber dann in gewissen Dingen ein wenig, wo wir dann einschreiten müssen", formuliert er vorsichtig.
Für den Fernsehmoderator und Stadionsprecher Arnd Zeigler müssen in der ganzen Diskussion erst einmal die Begriffe geklärt werden, um nicht ständig aneinander vorbei zu reden. Heute würden viele das Wort "Ultras" mit "Hooligans" gleichsetzen. "Das ist etwas völlig anderes", erklärt Zeigler. Hooligans hätten sich vor 20 Jahren nicht für Fußball interessiert und wollten sich "nur auf die Fresse hauen", so Zeigler. "Ultras sind Fußballfans, Hooligans waren keine", stellt er klar.
Die Hooligans entstammen der 1980er Jahre. Seit wann gibt es aber Ultras in Deutschland? "Die deutsche Ultra-Szene ist relativ jung", erklärt Fanforscher Jonas Gabler. Das Fan-Modell sei erst Mitte der 1990er Jahre aus Italien nach Deutschland gekommen, mit dem Anspruch, die Stimmung in den Stadien zu verbessern. Die Choreographie haben diese Fans zuerst aus Italien übernommen. "Erst mit der Zeit hat sich eine Fankultur entwickelt."
Aber wie sieht die optimale Fankultur aus? Wie viel Leidenschaft braucht der Fußball - und wo ist die Grenze? "Das kippt natürlich dann, wenn es dazu kommt, dass Gesetze nicht mehr beachtet werden", stellt Rainer Mendel, Fanbeauftragter des 1. FC Köln, klar. Auch in den 1980er Jahre habe es immer Fangewalt gegeben. "Aber da hatten wir noch eine andere Zuschauer-Zusammensetzung", erklärt Mendel. In den letzten zehn Jahren sei es gelungen, dass auch Familien und Kinder mit ins Stadion kommen. "Und die müssen sich alle wohlfühlen", so Mendel.
Dabei gehörten Personenkontrollen zwar mit dazu, führt Rainer Mendel weiter aus. "Aber das müsste alles im Verhältnis sein", erklärt er. "Wenn ich jetzt sehe, dass beispielsweise am Wochenende beim Spiel Bayern München gegen Eintracht Frankfurt Zelte aufgebaut werden, wo Personen sich teilweise entkleiden müssen, um Pyrotechnik zu finden, dann ist das für mich schon an einer Grenze, wo ich sage: Da vergeht die Lust am Fußball", beschwert sich Mendel. Man müsse ein gesundes Mittelmaß zwischen Sicherheit und Leidenschaft finden.
"Für Personenkontrollen, für Einlasssituationen ist die Polizei überhaupt nicht zuständig", stellt Polizist Volker Lange klar. Das mache einzig der Verein mit seinen Sicherheitsdienstleistern. Der Verein entscheide auch, ob die Zuschauer in Zelten durchsucht werden oder nicht. "Da haben wir höchstens eine beratende Stimme. Das ist keine polizeiliche Aufgabe", betont Lange.
"Mir fehlt so ein bisschen der Glaube, dass die Menschen, die in Stadien gehen, in den letzten 20 Jahren immer gefährlicher geworden sind", führt Stadionsprecher Arnd Zeigler aus. Schwarze Schafe und gewaltbereite Menschen habe es immer schon gegeben, ohne dass man vor 20 Jahren gesagt hätte: "Wir brauchen Nacktscanner."
"Ich bin 56 Jahre alt und seit ich denken kann 1. FC-Köln-Fan", erklärt ein Zuhörer. Im Laufe der Jahre hätte es auch immer Spaß gemacht, die Kinder mit ins Stadion zu nehmen. Das sei für ihn das Wichtige. "Wie die ganzen Irren da um mich herum heißen, ob Hooligans oder wie auch immer, ist mir scheißegal. Ich möchte ins Stadion kommen, möchte ein schönes Spiel sehen und dann auch wieder friedlich nach Hause gehen."
Wie sehen die Ultras sich eigentlich selber? Die Einstellung vieler Ultras sei: "Wir sind die wichtigsten Fans, ohne uns wäre nichts los", erklärt Arnd Zeigler. "Es gab auch vor den Ultras schon Fankulturen und laute Stadien", erinnert sich Zeigler. "Insofern fände ich es gut, wenn man eine Sichtweise entwickeln könnte: Wir sehen Fußball anders als andere, aber andere haben auch das Recht, ins Stadion zu gehen." Ultras hätten oft die Einstellung, Familien bräuchte man nicht in den Stadien. "Das ist eine Arroganz und eine Distanz, die geschaffen wird im Stadion, die ich nicht möchte", so Zeigler.
Nach einer Stunde endet das Stadtgespräch im Faßbierkeller im Kölner "Gaffel am Dom". "Wir sind, glaube ich, zu dem Schluss gekommen, dass man es differenzierter betrachten muss", fasst Judith Schulte-Loh die Diskussion zusammen. "Jeder Verein muss da einen Weg finden. Und mancher Verein muss vielleicht noch mehr tun, als andere schon machen, damit tatsächlich Fußball, Leidenschaft und Begeisterung im Vordergrund stehen - und nicht Randale."
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