Auf dem Weg nach Afghanistan: Als junge Studentin bereiste Yvonne von Schweinitz, die heute in Essen lebt, 1953 Afghanistan. Schon die erste Etappe mit dem Auto durch den nahen Osten über Syrien nach Persien war alles andere, als bequem. Damals gab es kaum Hotels und Gästehäuser entlang der Strecke, weshalb im Auto oder unter freiem Himmel übernachtet wurde. Wegen der abenteuerlichen Bedingungen brach die Hälfte der Gruppe die Reise bereits in Syrien ab. Die Ausstellung "Gesichter Afghanistans - Erfahrung einer alten Welt" mit Fotos von Yvonne von Schweinitz im Museum für Kunst und Kulturgeschichte in Dortmund soll seit Freitag (25.01.2013) Interesse wecken an Land und Leuten am Hindukusch.
Yvonne von Schweinitz wollte den Journalisten Hans von Meiss-Teuffen auf seiner Erkundungstour durch Afghanistan begleiten und freute sich darauf, das Land kennen zu lernen. Allerdings fehlte ihr dafür noch das notwendige Einreisevisum. In der britischen Botschaft in Teheran traf sie den afghanischen Kulturattaché Abdul Ghafur Brechna. Er ermöglichte der jungen Studentin den Grenzübertritt in das benachbarte Afghanistan.
"Der afghanischen Kulturattaché in Teheran gab mir lediglich einen Zettel mit einem Stempel als Visum" erinnert sich Yvonne von Schweinitz, "das reichte aus, um die Grenze zu passieren. Denn die afghanischen Zöllner konnten nicht lesen und wussten nur, dass ordnungsgemäße Papiere immer einen Stempel hatten."
Das Land besteht zum größten Teil aus Gebirge. Weniger als 10 Prozent der Fläche liegen unterhalb von 600 Meter Höhe. Nur 6 Prozent der Landesfläche sind nutzbar. Trotzdem arbeiten damals wie heute 67 Prozent der Bevölkerung in der Landwirtschaft.
Die Nomadinnen lieben ihre Freiheit und lehnen jede Einschränkung ab. Deshalb wehren sie sich bis heute gegen das Tragen der Burka. Die Säuglinge leiden oft an Augenentzündungen wegen fehlender Hygiene. "Ich habe damals extra Augentropfen eingepackt, um sie den Kindern zu verabreichen. Daraufhin hatte sich schnell rumgesprochen, dass es eine Europäerin gäbe, die heilen könnte", erzählt Yvonne von Schweinitz. Damals wie heute verzeichnet das Land die höchste Mutter-Kind Sterblichkeit der Welt. Jedes Jahr sterben 24.000 Frauen durch eine Entbindung und jedes vierte Kind erlebt nicht das fünfte Lebensjahr wegen fehlender medizinischer Versorgung.
Im Gegensatz zu den Nomadinnen tragen die Frauen in der Stadt schon immer die Burka zum Schutz vor Übergriffen. Eine Tradition, die von anderen Volksgruppen wie beispielsweise Mongolen und Tadschiken nicht geteilt wird. Nur wenige Frauen wagen sich ohne männliche Begleitung auf die Straße.
Der Minarett-Turm erinnert an glanzvollere Zeiten. Mit seiner günstigen Lage an den Handelsrouten zwischen Persien, Indien, China und Europa profitierte die gesamte Provinz im Westen Afghanistans von Geschäften mit Metallwaren. Die Stadt Herat, das sogenannte Florenz Klein-Asiens war bekannt für Bronzen mit kunstvollen Einlegearbeiten und Verzierungen.
Die Paschtunen bilden mit 42 Prozent die größte Gruppe der Bevölkerung des ethnischen Schmelztiegels. Schon die Herrscher des Landes waren traditionell immer Paschtunen, ihre Sprache gilt als Amtssprache. Die Afghanische Nationalhymne wird in Paschtu gesungen.
"Der Kajakai-Staudamm ist 1953 fertig geworden und wir haben die erste Flutung miterlebt", ein Schauspiel, das Yvonne von Schweinitz bis heute nicht vergessen hat. Er staute den Fluss Hilmand Rud und sicherte die Trinkwasserversorgung sowie die Bewässerung der Agrarflächen im fruchtbarsten Flusstal Afghanistans. Im Krieg zerstörten die Russen den Kjakai Damm. An seinem Wiederaufbau sind auch deutsche Ingenieure beteiligt.
In Afghanistan leben rund 5 Millionen Nomaden unterschiedlicher Stämme. Diese Nomadinnen hat Yvonne von Schweinitz in ihren Zelten besucht, die Kinder gewaschen, Brot gebacken: "Da hab ich gelernt, wie funktional Fladenbrot ist. Es ersetzt den Teller, weil man Gemüse und Fleisch darin einpacken kann und einfach in die Teigtasche reinbeißt und so braucht man auch kein Besteck."
Das Babur-Denkmal in Kandahar erinnert mit seinen Inschriften an den Gründer des gleichnamigen Fürstentums. Babur war ein kultivierter Mensch und Liebhaber der feinen Künste. Er legte in Kandahar und Kabul Gärten an, von denen allerdings nur noch Überreste an bessere Zeiten erinnern.
Als Briefschreiber hatte man in Kabul 1953 sein Auskommen. Auch heute noch können etwa 70 Prozent der Afghanen nicht lesen und schreiben. Mit ausländischer Hilfe wurden nach dem Ende des Taliban-Regimes 2001 zahlreiche Schulen gebaut, um Kindern und Jugendlichen Zugang zur Bildung ermöglichen.
Während des Aufenthalts der beiden Europäer in Kabul kam es zu den unterschiedlichsten Begegnungen. Dichtung und Lieder, Musik und Literatur, Riten und Bräuche sind in Afghanistan immer eng mit einander verbunden. Musiziert wurde mit Instrumenten aus Holz, Harz, Fell, Darm, Pflanzenfasern und Elfenbein, die an der Seidenstraße auch gehandelt wurden.
Die Teestuben an den Straßen waren immer ein beliebtes Ziel. "Den Tee können sie überall trinken, der ist ja immer mit abgekochtem Wasser zubereitet und macht deshalb auch nicht krank. Zudem wurde der Tee häufig mit Kardamon gewürzt und schmeckte sehr gut. Auf der ganzen Reise war ich nicht einmal krank, weil ich mich an die Regeln gehalten habe und nichts Rohes gegessen habe." Yvonne von Schweinitz verbrachte drei Monate in Kabul, um das Leben rund um die Dreimillionen-Metropole und Hauptstadt kennen zu lernen.
Waschen und Tränken der Pferde ist für den Kutscher ein Arbeitsgang. "Man fuhr lieber mit der Kutsche, als mit dem Bus, wegen des kühlenden Fahrtwindes", erzählt die heute ältere Dame. Kabul wird mit Wasser des gleichnamigen Flusses versorgt, verfügt über ein eigenes Kanalsystem und spiegelt die ethnische und sprachliche Vielfalt des Landes wieder. Die Bedeutung der Stadt ist auf die Nähe des Khyber-Passes zurückzuführen, eine der wichtigsten Verbindungen zwischen Afghanistan, Pakistan und Indien.
Die Budda-Statuen im Tal von Bamiyan entstanden im 6. Jahrhundert n. Chr. und wurden in den Fels gemeißelt. Bis zum 10. Jahrhundert etwa, war die Region buddistisch und Sitz mehrerer Klöster. 1953 hat Yvonne von Schweinitz die Felsstatuen besichtigt.
"Die größte Buddastatue war 53 Meter hoch, eine Wendeltreppe im Inneren des Buddas konnte man bis in den Kopf der Statue gelangen und hatte einen wunderbaren Ausblick", ein unvergesslicher Moment für Yvonne von Schweinitz. Im März 2001 wurde das kulturelle Erbe von den Taliban zerstört. In den Felshöhlen, wo einst bis zu 5.000 Mönche wohnten, leben heute viele Hazara, ein Volksstamm Afghanistans mit mongolischen Wurzeln und schiitischer Konfession.
"Die Einheimischen waren sehr erstaunt, auf der Strasse nach Jalalabad Europäer zu treffen", erzählt Yvonne von Schweinitz, "trotzdem waren die sehr neugierig, denn die hatten anscheinend noch nie eine junge Frau in einem einfachen Sommerkleid gesehen. Aber da ich nie Schwierigkeiten hatte, auf die Menschen zuzugehen, ließen die sich immer fotografieren". Die Straße von Kabul nach Jalalabad schlängelt über Berge und Pässe, durch Felsen und Täler und ist "schon eine ziemliche Strapaze". Man brauchte etwa für 170 Kilometer acht Stunden mit dem Auto.
Mit der Ausstellung möchte Yvonne von Schweinitz für Hilfsprojekte in Afghanistan werben. Ein Land, das derzeit nach Angaben des Auswärtigen Amtes nicht bereist werden kann – anders als noch vor 60 Jahren, als „der Hippie Trail“ von Europa nach Südostasien durch Afghanistan führte und Yvonne von Schweinitz das Glück hatte, Land und Leute kennen zu lernen und Verständnis anmahnt, für die unterschiedlichen Kulturen Asiens.
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