Wenn 1.400 Aussteller aus 70 Ländern zur Süßwarenmesse nach Köln reisen und Schokoladen-, Back- und Zuckerwaren, aber auch Snacks zum Knabbern, mitbringen, wird es bunt. Süßigkeiten wollen Augen und Gaumen gefallen. Aber welche Rolle spielen Gesundheitsaspekte?
Um das zu klären, begleitet uns Monika Vogelpohl, Ernährungsexpertin der Verbraucherzentrale NRW, mit auf die Messe. Schnell wird klar, um verschiedene Bio- oder Fairtrade-Siegel zu entdecken, ist genaues Hinsehen gefragt. Monika Vogelpohl wird auf eine Auswahl Schokoladen aufmerksam. Am Verkauf einer Tafel verdient ein Kakaobauer so viel, dass er einen neuen Kakao-Setzling pflanzen kann, erklärt Christoph Huber von der Vertreiberfirma.
Diese Schokoladen haben einen Kakaoanteil von 50 bis 70 Prozent und dazu Bioqualität. Das Besondere: In jeder Tafel steckt bis zu einer Tasse Tee. Ja, Tee. Von Erdbeer Roibusch über grünen zu Chai Tee in insgesamt 12 Sorten. Nachhaltig und bio soll das Produkt also sein - aber auch gesund? Je etwa ein Drittel der Tafel besteht aus Zucker und Fett. Naschen kann man vielleicht mit reinem Gewissen, zunehmen wird man bei übermäßigem Konsum aber auch von dieser Edelschokolade.
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Süße Sünden warten hier an allen Ecken. Pralinen mit neuartigen Füllungen wie Gin oder verschiedenen auch mal pikanten Würzungen - in klassischem Gewand und ohne falsche Versprechungen. Süß ist das, gesund aber noch lange nicht. Sehenswertes gibt es im Bereich Schokolade aber dennoch.
Wie etwa dieses Schokogebäck in Salamiform. Der Schokoladen-Keks-Schichtkuchen ist hierzulande auch unter dem Namen "Kalter Hund" bekannt, diese Neuinterpretation in Form und Gestalt kommt aus Italien.
Gleich daneben warten Nougattorten."Die Himbeeren helfen da auch nicht mehr", sagt die Ernährungsexpertin kopfschüttelnd. Nein, die wenigen Vitamine, die in den schockgefrosteten Beeren noch erhalten sein mögen, können wohl kaum die Kalorienbilanz aufwiegen. Wunderbar sehen diese Meisterwerke der Konditorenkunst trotzdem aus.
Dann eben schnell ein leichtes Schokofondue to go? Leicht ist hier nur die Zubereitung. Die in einem Steinbecher abgefüllte Schokoladenmischung lässt sich in Mikrowelle oder im Wasserbad erwärmen. Wer mag, kann dann munter Obst tunken. Angeboten werden am zugehörigen Messestand Weintrauben. Allein die sind mit etwa 300 Kalorien pro 100 Gramm wahre Zuckerbomben. Monika Vogelpohl mag das garnicht mehr kommentieren.
Auch beim Anblick dieser neuen Kaugummi-Minz-Schokolade schwindet die Hoffnung auf eine gute Bewertung der Ernährungsexpertin. Etwas gruselig ist die Vorstellung von dem Zusammenspiel der gummiartigen Minzmasse mit der Schokolade sowieso. Eine Geschmacksprobe muss ausfallen, die Bubble-Mint-Chocolate ist hinter Glas, ausgestellt im "Newcomerbereich".
Ebenso diese Kaugummi-Variationen zum Essen und Spielen. Kindern gefällt's bestimmt, ihren Eltern wahrscheinlich weniger, wenn diese den Anspruch haben, ihren Sprösslingen eine gesunde Ernährung beizubringen. Und die enthält allzu selten pinke und türkise Objekte.
Endlich wird es interessant. Diese belgischen Waffeln enthalten keinen Zucker, zumindest einige Sorten nicht. Dafür aber Süßungsmittel wie Maltit und den Süßstoff und Geschmacksverstärker Acesulfam-K, der 200 mal süßer als Zucker wirkt.
Das steht in einem handlichen Register, das Monika Vogelpohl mitgebracht hat. Wie bei vielen Süßstoffen gilt: "Kann bei übermäßigem Verzehr abführend wirken." Also auch hier: Nur in Maßen Waffeln naschen. Die Ernährungsberaterin lässt sich von der Werbung auf der Verpackungsvorderseite grundsätzlich nicht blenden, sie prüft zuerst die Inhaltsstoffe - wie hier im Vorbeigehen bei Blaubeer-Pralinen.
Dieser "Bio-Lakritz" aus Finnland soll nur vier Inhaltsstoffe haben: "Melassesirup, Weizenmehl, Süßholzextrakt, natürliches Aroma (Anisöl)" steht auf der Packung. Melasse entsteht als Nebenprodukt bei der Zuckergewinnung aus Zuckerrohr. Gereicht wird der Lakritz am Messestand mit Rotwein-Pröbchen. Monika Vogelpohl schmeckt die Sorte "Blaubeer" am besten. Gegen die Zutaten hat sie konkret nichts einzuwenden. Eine nahezu gesunde Nascherei also?
Vielleicht bietet "Fruitsnacking" noch mehr. "Fruitsnacking" will eine britisch-amerikanische Firma als Trend erkannt haben. Bislang produzierte man Früchte, die Hersteller von Müsliriegeln oder Backwaren weiterverarbeiten konnten: Fruchtstückchen, Flakes, Stäbchen oder Pasten. Die Stückchen sollen nun, ummantelt von Schokolade, auch als Snack konsumiert werden. Eine Süßigkeit, besser als Weingummi mit künstlichen Farb- oder Aromastoffen. Die Extra-Schokolade verhagelt aber die positive Bilanz.
Zugegebenermaßen sehen diese kegelförmigen Objekte nicht wirklich gesund aus. Dafür aber interessant. Der belgische Hersteller mag über die Inhaltsstoffe aber nicht viel verraten. Gummi arabicum - eine Alternative zu Gelatine ohne tierische Produkte - und Himbeeren seien enthalten, nähere Angaben gebe es nur passwortverschüsselt auf der Unternehmenswebsite. Nur einen Biss entfernt ist die dunkellila glänzende Geleemasse, die von einer wachsartigen Schicht ummantelt ist. Lecker ist das nicht. Monika Vogelpohl hat einen Blick auf eine Verpackung erhascht. Neben zwei natürlichen Farbstoffen sind dort auch Aromen aufgeführt, "natürlich" sind diese offenbar nicht.
Der Ernährungsexpertin fällt auf, dass kaum Produkte mit Stevia-Süßung angeboten werden. Die südamerikanische Staudenpflanze, die in geringen Mengen seit Ende 2011 in der EU als Zuckeralternative zugelassen ist, hat es offenbar noch nicht auf den Markt geschafft. Auf Nachfrage präsentieren die zwei Süßwarenplatzhirsche Katjes und Haribo auf ihren Messeständen jeweils Hustenbonbons mit Stevia. Man warte noch ab, wie die Verbraucher reagierten. Neu bei Haribo sind mit Pflanzenkohle gefärbte Pandabären (Bild), bei Katjes gelatinefreie "Grün-Ohr-Hasen". Vegetarier-freundliche Produkte würden immer stärker nachgefragt, heißte es bei Katjes.
Auch Knabbereien werden auf der ISM angeboten. Wie sieht es hier mit den Alternativen zu den 0815-Chips aus, kann man "gesund" knabbern? Diese Chips einer amerikanischen Firma werden nicht frittiert. "We call it popping" ("Wir nennen es Popping"), beschreibt der Vertreter am Messestand die Herstellungsweise. Beim Backen werden die verschiedenen Chipssorten durch zwei Platten gedrückt und erhalten so ihre Form. Die Knabbereien bestehen in der Basis aus Kartoffeln, Reis und Mais sowie Kartoffel-Soja, haben angeblich bis zu 70% weniger Fett als herkömmliche Chips. Das klingt vielversprechend, schmeckt sogar gut, müsste allerdings im Hinblick auf die Würzung noch einmal geprüft werden.
Zu der Aussage "Das ist ein gesunder Snack", mag sich Monika Vogelpohl nicht hinreißen lassen. Diese Snackidee eines britischen Herstellers interessiert sie am Ende dennoch. Die "Mixed Roots" sind zum Knabbern, enthalten aber keine Kartoffeln, sondern Wurzelgemüse: Karotte, Pastinake und rote Bete. All das ist glutenfrei, aber frittiert. "Das Gemüse ist sehr saugstark", muss der Vertreiber am Stand zugeben. Heißt: Pastinake und Co. saugen beim Frittieren sogar noch mehr Fett auf als Kartoffeln.
Monika Vogelpohl nickt auf dieses Geständnis hin. Als gebe es ihn wirklich nicht, "den gesunden Snack". Und wie schmeckt es? "Die rote Bete sehr würzig, nicht schlecht." Der gesamte Inhalt wird auf der Packungsrückseite mit 500 Kalorien beziffert. Etwa 2.000 bis 3.000 Kalorien Tagesbedarf hat ein normalgewichtiger Mensch, der nicht zufällig Extremsportler ist.
Wie also ist die Bilanz? Monika Vogelpohl: "Ich habe zunehmend das 'Fairtrade'-Label entdeckt, Bio und Natürlichkeit sind weiterhin große Themen bei den Herstellern. Offensiv werben damit aber die wenigsten. Es gibt noch sehr wenige mit Stevia gesüßte Produkte. Wer zuckerfreie Süßigkeiten kauft, sollte an die zum Teil abführende Nebenwirkung der Süßungsmittel denken. Je intensiver eine Süßigkeit oder ein Snack verarbeitet ist, desto weniger gesund ist er im Allgemeinen." Die süßen und salzigen Waren auf der Süßwarenmesse ISM (27. - 30. Januar) darf leider nur das Fachpublikum sehen und probieren.
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