Als kurz nach sechs Uhr die ersten Prognosen veröffentlicht werden, geht ein Raunen durch den Bielefelder Ratssaal. Viele Besucher sind erstaunt. Nur in einer Ecke herrscht großer Jubel. Dort stehen die Anhänger der "Linken".
"Ich finde das Ergebnis etwas enttäuschend", sagt Marianne Rosenberg. Für die Bielefelder war es aber abzusehen. Gedanken macht sie sich über den Trend weiter nach 'links': "Ich habe auch mit mir gerungen, ob ich es mal versuchen sollte. Den Gysi finde ich ganz gut. In Deutschland fehlen ansonsten Politiker mit Charisma." Enttäuscht ist Marianne Rosenberg von der geringen Wahlbeteiligung.
"Für die Linke ist es ein gutes Ergebnis, aber 'schwarz-gelb' wird dem Land weh tun. Die Leute werden die Einschnitte merken", sagt Ralf Formanski, der für die Linken in einer Bielefelder Bezirksvertretung sitzt.
"Ich habe damit nicht gerechnet, ich hatte gedacht, dass es knapper wird", sagt Michael Christen, der zur Wahlpartie in den Bielefelder Ratssaal gekommen ist. Er ist froh, dass es vermutlich keine große Koalition geben wird: "Jetzt muss eine Seite was bringen. Nun haben wir wieder die Chance, eine Richtung zu wählen und auch wieder abzuwählen."
"Ich bin für Bürokratieabbau, Steuer- und Abgabensenkung und hoffe, dass die Wirtschaft angekurbelt wird", sagt Helmut Menke. Dementsprechend ist er mit dem Ausgang der Wahl zufrieden: "Der Staat soll nicht immer mit der Verteilermentalität unser Geld ausgeben", meint der Bielefelder. Bedenken hat er nur, dass die Wahlversprechen der Parteien auch eingehalten werden.
"Das Ergebnis der Wahl überrascht mich schon, die niedrige Wahlbeteiligung allerdings gar nicht", sagt Natalie Kraskowski aus Essen. "Ich glaube, gerade junge Leute gehen immer weniger wählen. Viele verstehen die Politik nicht, wenn Politiker nur im Fachjargon reden. Es gibt aber auch immer noch Menschen, die finden, dass Wählen nichts bringt."
"Ich finde es eigentlich gar nicht schlecht, dass die kleinen Parteien immer größer werden und dass sich auch wieder mal neue Parteien bilden. Das bringt frischen Wind und Innovation in die Politik", so die erste Reaktion von Florian Kusnierek, als er am Sonntagabend von den ersten Hochrechnungen hört.
"Schwarz-Gelb – das ist schade", sagt Antonio Corica aus Essen sichtlich enttäuscht. "Da werden die kleinen Leute noch kleiner gemacht." Jetzt habe er Angst, dass der Kündigungsschutz gelockert werde. Das Ergebnis sei einfach ein Sympathiebonus für Angela Merkel. "Wirtschaftlich könnte uns Schwarz-Gelb vielleicht nach vorne bringen", mutmaßt hingegen Hannelore Corica. "Die SPD hat sich selbst viel verdorben."
"Ich habe mit Schwarz-Gelb gerechnet, es mir aber nicht gewünscht", sagt der Michael Bennemann, der sich über das Ergebnis der Linken freut. "Ein Willy Brandt oder ein Helmut Schmidt kommt eben nicht mehr. Und die FDP hat viel aufgeräumt." Auch für die geringe Wahlbeteiligung hat der Essener eine Erklärung. "Das ist die Armut. Die Leute haben keine Lust mehr zu wählen."
"Die Anspannung ist noch längst nicht vorbei." Der Steinfurter Wahlkreisleiter Wolfgang Balke ist bereits seit Stunden im Auftrag eines geordneten Wahlablaufs unterwegs. Etwa 330.000 Stimmzettel wurden ausgegeben. In der Gemeinde Emsdetten gab es am Nachmittag etwas Durcheinander, da einige falsche Stimmzettel rausgegeben wurde. "Ansonsten blieb bislang alles ruhig." Seine eigene politische Meinung behält er für sich. "In meiner amtlichen Funktion muss ich neutral sein."
"Stolpern und Hinfallen kann jedem passieren, nur das Aufstehen darf man nicht vergessen!" SPD-Politiker Jürgen Cosse nimmt das Ergebnis sportlich und versucht, Haltung zu bewahren. Doch seine Enttäuschung ist nicht zu übersehen.
"Alles richtig gemacht!", so der Kommentar der Linken-Politiker Andrea Helling und Norbert Fluchtmann. Ihre Kandidatin aus Steinfurt wird mit größter Wahrscheinlichkeit in den Bundestag einziehen. "Das ist klasse. Super ist auch, dass die Rechten im Münsterland keine Chance bekommen haben." Dennoch halten sie es für bitter, dass das Münsterland komplett schwarz gewählt hat.
Viktoria Hammon, 64, hörte das Ergebnis der Bundestagswahl im Düsseldorfer Rathaus. "Für die SPD ist das sehr, sehr bitter. Aber auf dem Tiefpunkt können die Sozialdemokraten wieder Kraft schöpfen", sagt die selbstständige Anti-Stress-Trainerin. "Wenn SPD und Linke in der Opposition zusammenarbeiten, gibt es wieder Zündstoff - die Politik ist ja mit der großen Koalition eingeschlafen."
Anke Müller, 44, und Dietmar Wolf, 51, sind vom Ausgang nicht überrascht. "Eine schwarz-gelbe Regierung ist das Übelste, was wir gebrauchen können", sagt Wolf. "Ich sehe neue Atomkraftwerke entstehen und Kohlekraftwerke. Ich sehe auch Steuererhöhungen und Sozialabbau. Das wird ein Rückschritt in uralte Zeiten." Müller ergänzt: "Das Ergebnis ist sehr unerfreulich, aber immerhin konnten die Grünen dazu gewinnen."
Katrin Zwingmann, 29, und Christian Osburg, 31, feiern den Sieg der FDP. "Wir wussten, es wird knapp - jetzt sind wir positiv überrascht, wie viel die FDP geholt hat." Beide wollen, dass es dem Mittelstand gut geht. "Die schwarz-rote Koalition war eine Zweckgemeinschaft, CDU/CSU und FDP sind zwei Gefährten, die zusammen passen", sagt Osburg. Er wird in den nächsten Jahren in den schwiegerelterlichen Betrieb einsteigen: "Wenn wir als nächste Generation das Unternehmen übernehmen, will ich keine Erbschaftssteuer zahlen."
Der 27-jährige Philipp Schneider und der 24-jährige Nils Michel halten nichts vom Wahlergebnis: "Wir haben immer noch die CDU/CSU und jetzt noch die FDP oben drauf." Sie freuen sich aber, dass die Piratenpartei rund zwei Prozent der Stimmen holte. "Was in der Politik in Bezug auf das Internet abgeht, ist besorgniserregend. Da ist jeder Surfer ein Kinderschänder und das Internet ein angeblich rechtsfreier Raum", sagt Schneider, der selbst Berater in der IT-Branche ist.
Klaus S. und Rüdiger S. aus Siegen wollten ihre richtigen Namen nicht nennen, aber zusammen aufs Foto. Auch politisch scheinen sie einer Meinung zu sein. Beide sind vom Ausgang der Wahl positiv überrascht und erhoffen sich mehr liberalen Einfluss in der nächsten Legislaturperiode. Was das für sie heißt? Klaus S.: "Keine Regulierung der Managergehälter, Erhöhung der Steuerfreibeträge, kein Mindestlohn – das geht auch mit geregelter Tarifautonomie."
Dale King ist Amerikaner, lebt seit 33 Jahren in Deutschland und findet es schade, dass er nicht mitentscheiden darf. Mit Kanzlerin Merkel sei er nicht unzufrieden, sagt der Wahl-Siegener und fügt hinzu: "Auch wenn das nicht meine Partei ist". King glaubt, dass eine schwarz-gelbe Regierung wieder in die Atomenergie einsteigen wird. Zu befürchten sei auch, dass die Arbeitnehmerrechte weiter beschnitten werden.