Wie schlimm ist die Lage an NRWs Verkehrsknotenpunkten? WDR.de hat es ausprobiert und ist einmal quer durch Nordrhein-Westfalen gefahren. An einem Freitag Ende Februar. Zu Beginn der Frühlingsferien in den Niederlanden. Landstraßen im Schnee und Autobahnkreuze zur Rushhour gehören zu einer solchen Tour ebenso dazu wie ein Besuch auf einer Raststätte. Und hier und da werfe ich auch einen Blick auf Orte, die sich hinter den Schallschutzwänden links und rechts von meinem Weg befinden.
Die Tour durch Nordrhein-Westfalen startet kurz vor der belgischen Grenze in Monschau. Die Route ist klar: Von hier aus geht's auf schnellstem Weg über die B258 und die Autobahn A44 zur A4. Dann über den Kölner Ring an Köln vorbei auf die A1 in Richtung Dortmund und am erneuerten Kamener Kreuz auf die A2 in Richtung Bielefeld. 285 Kilometer des insgesamt knapp 30.000 Kilometer langen Streckennetzes in NRW liegen vor mir. Knapp drei Stunden Fahrtzeit errechnet das Navigationsgerät – optimistische Prognose an einem solchen Freitag.
Kaum unterwegs, gibt es bereits eine Besonderheit. Die Bundesstraße 258 führt für knappe drei Kilometer über belgisches Hoheitsgebiet. Von hier aus gibt es keinen Anschluss an das belgische Straßennetz. Die Fahrt durch Belgien bemerke ich allerdings nur dank hektischer Kurzmitteilungen des Mobilfunkanbieters.
Auf der Reise durch NRW bin ich heute einer von vielen. Die meisten Menschen, die in den anderen Autos sitzen, sind Pendler. Im vergangenen Jahr waren jeden Tag in NRW mehr als 800.000 Menschen zwischen 25 und 49 Kilometer unterwegs, um zu ihrem Arbeitsplatz zu kommen. Das sind 11,5 Prozent aller Beschäftigten, wie das NRW-Verkehrsministerium ausgerechnet hat.
Die enormen Verkehrsflüsse werden in den Verkehrsleitzentralen der Bezirksregierungen überwacht. Etwa 70 Monitore haben die Spezialisten etwa in der Kölner Leitstelle im Blick und bedienen von hier aus die Leitsysteme auf den Autobahnen, geben Umleitungsempfehlungen oder regeln die erlaubte Höchstgeschwindigkeit. Die erforderlichen Daten erhält die Leitstelle über Messschleifen, die in die Straßen integriert sind.
"Ein Ring, sie zu knechten..." – dieses Zitat aus dem "Herrn der Ringe" schießt mir durch den Kopf, als ich den Kölner Autobahnring passieren muss. Deutlich mehr als 100.000 Autofahrer sind hier pro Tag unterwegs. Durch eine Ausweitung der Autobahn versucht der Landesbetrieb Straßen NRW dem gestiegenen Verkehrsaufkommen Herr zu werden. Im Westen (A1) und Süden (A4) soll der Ring auf sechs und im Osten (A3) auf acht Fahrstreifen ausgebaut werden. 52 Kilometer Autobahn, von denen knapp die Hälfte bereits fertig ist.
Aktuell liegt der Schwerpunkt der Bauarbeiten auf der A1 an der Anschlussstelle Lövenich. Dort wird auf 1,5 Kilometer Länge eine so genannte Einhausung gebaut – die Autobahn bekommt hier ein Dach, um die Anwohner vor Lärm zu schützen. Kostenpunkt: Etwa 150 Millionen Euro. Seit 2007 wird hier gebaggert und planiert. Mit einer Fertigstellung rechnet Straßen NRW nicht vor 2012.
Insgesamt fünf Brücken werden in das neue Bauwerk integriert. Eine davon - sie ist im Hintergrund zu sehen - trägt die Eisenbahnverbindung zwischen Aachen und Köln. Hier quert auch der Regionalexpress RE 1 von Aachen nach Hamm die Autobahn.
Wer nicht im Stau stehen will, hat auch Alternativen: Mehr als 30.000 Menschen nutzen den so genannten NRW-Express täglich – eine echte Pendlerbahn also. Drei Stunden braucht der Zug von Aachen über Köln, Düsseldorf, Duisburg, Essen und Dortmund bis Hamm – wenn alles nach Plan verläuft. Für die Verbindung von Köln ins Ruhrgebiet plant das Land seit langem einen schnelleren Bruder des NRW-Express, den „Rhein-Ruhr-Express“. Wann der realisiert wird, ist allerdings noch offen.
Gefühlt ist auf dem bergigen und kurvigen Teilstück der A1, das mir jetzt bevorsteht, immer eine Baustelle. Aktuell sind es 20,4 Kilometer die seit 2005 zwischen Wermelskirchen und Wuppertal auf sechs Spuren erweitert werden. Zwei von fünf Bauabschnitten sind bereits fertig, an drei Etappen wird noch gebaut. Ein Ende der Bauarbeiten ist für das Jahr 2011 vorgesehen. Bis dahin bleibt dieses Autobahnteilstück den Verkehrsnachrichten wohl noch erhalten.
Nach mehr als der Hälfte der Strecke wird es in Dortmund noch mal Zeit, hinter die Schallschutzwände zu schauen. Ein paar Kilometer waren es von der A1 über die A45 zur Bundesstraße 54. Die erstreckt sich von der niederländischen Grenze bis nach Wiesbaden und kreuzt dabei in Dortmund eine der wichtigsten Verkehrsadern des Ruhrgebiets: Die Bundesstraße 1. Von Aachen aus führt diese Straße bis zur polnischen Grenze – umgeleitet von Braunkohlegebieten, umgewidmet zur Autobahn und umbenannt in "Ruhrschnellweg". Doch die schwarze Eins auf gelbem Grund hat gerade hier in Dortmund Bestand. Allerdings ist die Bezeichnung "Ruhrschnellweg" gerade an diesem Freitag sehr euphemistisch.
Wer der B1 von Dortmund aus Richtung Westen trotz Staus folgt, landet bald auf der A40 und wird dabei gekonnt mit Fußballhistorie am Sekundenschlaf gehindert. Mit innovativen Schallschutzwänden gehen die Straßenbauer dort gegen das Unfallrisiko vor.
Täglich passieren die A40 bis zu 110.000 Autos. Die haben demnächst sechs statt vier Spuren zur Verfügung. Denn auch die A40 wird erweitert. Allerdings gestalten sich die Bauarbeiten wegen der Enge der Trasse sehr schwierig.
Ich mache mich aber wieder auf den Weg in Richtung Bielefeld. Raus aus Dortmund über die B1 und zurück auf die A1 und in RIchtung Kamener Kreuz. 1937 wurde das Autobahnkreuz in Kleeblattform eingeweiht. Hier treffen sich die wichtigen Nord-Süd und Ost-West-Achsen, die durch Nordrhein-Westfalen führen. Vier Jahre lang wurde das Kreuz zuletzt ausgebaut. 81 Millionen Euro kostete der Umbau, der 2009 abgeschlossen wurde. Die Verkehrsplaner erhoffen sich von der Erweiterung – wie so oft – eine Reduzierung der Staugefahr. Das Kamener Kreuz ist das zweitälteste Autobahnkreuz Deutschlands in Kleeblattform und dient der Verbindung der ersten Autobahnen des Landes, der A1 (Nord-Süd-Richtung) und der A2 (Ost-West-Richtung). Es wurde 1937 eingeweiht. Das Kreuz ist ein überaus stark befahrener Verkehrsknotenpunkt. Die meisten Autofahrer kennen es durch die Staumeldungen der Verkehrssender. Es wird täglich von 160.000 Fahrzeugen befahren.
Die Reduzierung des Staus vor dem Kamener Kreuz hat geklappt - aber dahinter geht die Baustelle auf der A2 weiter. Auch hier steht ein sechsspuriger Ausbau auf dem Plan. Nach überstandenem ersten Stau gönne ich mir eine Pause. An den Zapfsäulen ist nicht viel los. Nach dem Tanken und dem Toilettengang drittliebste Beschäftigung auf der Raststätte: der kleine Imbiss. Die Bockwurst mit Brötchen und ein Mineralwasser im Gepäck geht es zur Rast auf dem Parkplatz.
Ich habe mich bei meiner kleinen Pause gut erholt - bei den Brummifahrern kontrollieren das Bundesamt für Güterverkehr (BAG) und die Autobahnpolizei, ob sie ihre Fahr- und Rastzeiten einhalten. Außerdem stehen bei den Kontrollem die Ladungssicherheit und Verkehrstüchtigkeit der Fahrzeuge im Fokus. Allein 2008 kontrollierte das BAG bundesweit knapp 500.000 Fahrzeuge. Das ernüchternde Ergebnis: Es wurden 188.000 Verstöße festgestellt. In mehr als 11.000 Fällen musste das kontrollierte Fahrzeug sogar stillgelegt werden.
Die Polizei führt zusätzlich umfangreiche Geschwindigkeitsüberwachungen auf den Autobahnen durch. Allerdings nicht mit den 49 stationären Anlagen entlang der NRW-Autobahnen - die stehen im Dienst der Kommunen. Für die Polizei steht nach Angaben eines Sprechers die Unfallbekämpfung im Fokus. 2009 stellte die Autobahnpolizei in NRW insgesamt 472.580 Verkehrsverstöße fest. Gut 300.000 davon wegen zu schnellen Fahrens.
Schwerpunkte der Geschwindigkeitskontrollen sind immer dort, wo die Polizei die meisten Gefahren durch zu schnelles Fahren sieht. Zu diesen Streckenabschnitten gehören der Kölner Ring, die Autobahnen rund um Düsseldorf und Duisburg, die Autobahnen im Bereich Recklinghausen und Bad Oeynhausen, Löhne und Warburg sowie die A1 zwischen Leverkusen und Remscheid. Zudem hat die Polizei die gesamte A555 zwischen Köln und Bonn und die A4 zwischen Düren und Kerpen im Blick.
"Sie haben ihren Bestimmungsort erreicht" – Ohne kontrolliert oder geblitzt zu werden, bin ich nach etwas mehr als drei Stunden in Bielefeld angekommen. Inklusive der Pause und dem Ausflug in den Dortmunder Stau eine sehr gute Zeit. Zum Vergleich: Die Fahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln hätte mehr als vier Stunden gedauert. Allerdings wäre nach Berechnungen der Bahn dann meine Kohlendioxid-Bilanz deutlich besser ausgefallen. Bei der Fahrt mit dem Auto habe ich demnach etwa 50 Kilogramm Kohlendioxid produziert. Mit der Bahn wären es gerade einmal 12,5 Kilogramm gewesen.