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02.11.2017, 23.55 - 00.40 Uhr | WDR Fernsehen

Menschen hautnah: Fast wie Familie

Leben unter Frauen
Ein Film von Konstanze Burkard

Fast wie Familie

Sendung vom 02.11.2017

02.11.2017, 23.55 - 00.40 Uhr | WDR Fernsehen

  • Stereo
  • HD

Gunda S. ist auf dem Weg in ein neues Leben. Mit 75 Jahren. Denn sie hat einen Traum - und dafür ist sie bereit ihr Zuhause aufzugeben. Dreißig Jahre lang hat Gunda in ihrer Wohnung gelebt. Alleine. Sie kennt es nicht anders.
Als junges Mädchen war sie oft krank, die Pubertät habe sie verpasst, sagt sie selbst. Wie es ist, in einer Beziehung zu leben, hat sie nie erfahren. Ihr Beruf als Psychiaterin bedeutete ihr viel - und ihre Eigenständigkeit. "Es war das ganze Ehesystem, das mir nicht so liegt."
Doch für ihren letzten Lebensabschnitt wünscht sich Gunda mehr Nähe zu anderen Menschen. Und weniger Einsamkeit. "Und jetzt krieg ich eine Familie. Ich find das schön."

Lisa M. ist zwanzig Jahre jünger. Auch sie gibt ihr bisheriges Leben auf - ein zweites Mal: Mit ihrem Mann, ihren zwei Töchtern und den Schwiegereltern hatte sie 20 Jahre lang in einer Großfamilie gelebt, als sie sich in einen anderen Mann verliebt. Doch ihr neuer Lebensgefährte stirbt unerwartet. Noch einmal ihr Glück in einer Beziehung zu finden, daran glaubt Lisa heute nicht mehr.

Gundas und Lisas neue Familie sollen jetzt die "Beginen" werden - ihr Zuhause der Kölner Beginenhof. Ein gemeinsames Haus für 27 Frauen. Die "Beginen" haben ihre Wurzeln im Mittelalter. Damals taten sich Frauen, die weder heiraten noch ins Kloster gehen wollten, in spirituellen Gemeinschaften zusammen: selbstbestimmt, unter Frauen, wirtschaftlich autark und sozial engagiert. Ein Modell, das Jahrhunderte später offenbar wieder äußerst attraktiv erscheint. Denn Beginenhöfe sprießen in ganz Deutschland aus dem Boden. Die Kölnerinnen haben eine Genossenschaft gegründet und über fünf Millionen Euro gesammelt, um einen Hof mit 27 Wohnungen zu bauen. In Eigenregie. Männer dürfen weder Anteile an der Genossenschaft erwerben - noch einziehen.

Und dann, im Dezember 2013 ist es soweit. Die ersten Frauen beziehen ihre Wohnungen im gerade fertiggestellten neuen Beginenhof - am äußersten Stadtrand von Köln, mitten im größten Neubaugebiet. Auch Gunda. Kann ihr Traum hier wahr werden?
Lisas Erwartungen an die Gemeinschaft sind weniger hoch. Vielleicht, weil sie ein Familienleben gehabt hat und sich auch heute noch ein großer Teil ihres Lebens außerhalb des Hofes abspielt. Sie akzeptiert schnell, dass es selbst um den Standort einer Wäschespinne oder des neuen Gartenhauses hartnäckige Diskussionen gibt. Gunda tut sich da schwerer...

"Menschen hautnah" begleitet drei Frauen über ein Jahr lang bei ihrem Sprung ins Ungewisse. Bewährt sich der tolerante Lebensentwurf der Beginen im Alltag? Wie kommen Frauen, die zum Teil jahrzehntelang alleine gelebt haben, mit der plötzlichen Nähe und sozialen Kontrolle einer Frauengemeinschaft zurecht? Kann das Leben unter Frauen eine Familie ersetzen?