WDR 3 Migranten des Wortschatzes
Heute: 'Tee' von Rolf Bernhard Essig und Gudrun Schury (aus der Sendung Mosaik vom 12.02.2010)
Tee
A: Essig, B: Bogen
A:
Für seine Beliebtheit spricht schon, wie häufig er in deutschen Redensarten vorkommt.
B:
Abwarten und Tee trinken! Einen im Tee haben. Tee nach China tragen. Einen Tee geben. Seinen Tee bekommen. Du kannst mir mal Tee kochen! Der Tee muss ziehen, der Kaffee darf sich setzen.
A:
Und vor zweihundert Jahren war der Tee eine Umschreibung fŸr den bŸrgerlichen Salon. Dort traf man sich zu Musik, Literatur und mehr oder weniger klugen GesprŠchen. Eine Eheanbahnungsbšrse konnte das natŸrlich auch sein. Heinrich Heine beschrieb einen solchen Salon ironisch in einem Gedicht:
B:
Sie sa§en und tranken am Teetisch,
Und sprachen von Liebe viel.
Die Herren, die waren Šsthetisch,
Die Damen von zartem GefŸhl.
A:
Seit knapp vierhundert Jahren sind der Tee und das Wort bei uns heimisch geworden. Die asiatischen Handelskompanien der NiederlŠnder waren dafŸr verantwortlich, und sie sagten auch „thee“, schrieben ihn nur mit „th“. Die bekanntesten Teetrinker wohnen in England und nennen ihn „tea“. In Frankreich hei§t er „thŽ“, in Spanien „te“, und auch in Schweden.
Das klingt doch alles sehr Šhnlich. Kein Wunder, denn der Tee wurde aus China eingefŸhrt. Im SŸdchinesischen aber hei§t er „te“. So weit, so klar. Doch wissen Sie, wie er im Russischen, im Georgischen, im Tschechischen, im TŸrkischen und in manchen indischen Sprachen hei§t?
B:
„caj“?
A:
Seltsam. Allerdings gibt es eine einfache ErklŠrung. Im Hochchinesischen hei§t der Tee:
B:
Ch‡.
A:
Die meisten Všlker, die den Tee direkt oder indirekt Ÿber den Seeweg aus den sŸdchinesischen HŠfen bekamen, nannten ihn nach dem sŸdchinesischen Wort „te“. Die anderen aber, die den Tee direkt oder indirekt Ÿber den Landweg bekamen, nannten ihn nach dem hochchinesischen Wort „ch‡“.
Bevor wir das wussten, versuchten wir einmal verzweifelt, in Italien schwarzen Tee zu bestellen, und verlangten nach:
B:
Te nero.
A:
VerstŠndnisloses Staunen war die Antwort. Da wir nur © WDR 2010 [
mehr]