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Geht jetzt der Wahlkrampf los? - WDR4. Schönes bleibt.

Zur Sache vom 17.08.2009

Geht jetzt der Wahlkrampf los?

Sechs Wochen vor der Bundestagswahl wird der Ton rauer. Unter dem Druck schwacher Umfragewerte greift die SPD die Bundeskanzlerin Angela Merkel nun persönlich an. SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier warf ihr Unehrlichkeit bei den in Aussicht gestellten Steuersenkungen vor.

Und SPD-Chef Franz Müntefering behauptet, Angela Merkel interessiere sich nur für ihre Karriere, die große Zahl der Arbeitslosen in Deutschland sei ihr egal.

Die CDU nannte die Angriffe unsinnig. Der hessische Ministerpräsident Roland Koch wies sie sogar als „unanständig“ zurück.

Darf man im Wahlkampf Unsinn verbreiten? Ja klar, das war doch noch nie anders. Darf man im Wahlkampf den Gegner beschimpfen? Aber sicher doch, wann denn sonst? Dürfen Politiker im Wahlkampf unehrlich sein? Je nun, warum sollten sie ausgerechnet im Wahlkampf damit aufhören? Darf man im Wahlkampf unanständig sein? Darf man auch – Franz-Josef Strauß und Herbert Wehner, auch die hochverehrten Altkanzler Adenauer und Schmidt-Schnauze haben damit Bierzelte und Sporthallen zum Kochen gebracht und die Gegner zur erwünschten Weißglut.

Mit dem Wahlkampf ist es wie mit der Satire. Auf die Frage, was die dürfen, heißt die Antwort kurz und schmerzlos: Alles. Eine Zensur findet nicht statt. Aber trotzdem gibt es im Wahlkampf einen Zensor. Den Wähler. Der entscheidet, was ankommt und was nicht, der entscheidet nicht nur über Pläne und Programme, Form und Format, Versagen und Versprechen, er entscheidet auch souverän und unwiderruflich über Unsinn, Unehrlichkeit und mangelnden Anstand.

Und der Wähler kann das. Er ist nämlich, jedenfalls in seiner Gesamtheit, gar nicht so blöd, wie manche Politiker derzeit wieder glauben – mal hoffen, mal befürchten. Um mit dem legendären Fußballtrainer Trappatoni zu sprechen: Ein Wähler ist nicht ein Idiot! Ein Wähler sehen, was passieren in Platz. Er sieht also, dass der SPD-Vorsitzende Müntefering Foul und Fehlpass zugleich begeht, wenn er über die Kanzlerin Merkel sagt, der seien die Arbeitslosen in Deutschland egal. Das ist so offensichtlich unsinnig, so komplett absurd, so unehrlich und unanständig, dass nicht die Kanzlerin getroffen wird, sondern Müntefering selber und auch seine Partei. Falls er die Bemerkung ernst meint, hat er keine Ahnung, keine Urteilskraft. Wenn er sie nicht ernst meint, versucht er die Wähler in unterster Schublade zu veralbern.

Alles, was aus dieser Bemerkung folgt, fällt auf die SPD zurück. Wenn der Vorsitzende so die Kontrolle verliert und die Urteilskraft, wie verzweifelt muss die Lage dann sein? Wenn der oberste Wahlkämpfer einen solchen Stümperfehler macht, wie steht es um seine viel gerühmten Kampagne-Fähigkeiten? Nicht zum Besten. Aber das war noch nie viel anders. Den Europa-Wahlkampf mit den komischen Finanzhaien und Dumping-Löhnen hat die Müntefering-Mannschaft vergeigt, und das meiste, was sich an Ruhmreichem um Müntefering rankt, ist Legende, hat also sowieso nie gestimmt. Mit seiner großartigen Parteireform in Nordrhein-Westfalen hat er die hiesige SPD kaputt gemacht; die erfolgreichen Wahlkämpfe hat nicht er gewonnen, sondern raffinierte Politiker wie Johannes Rau, genialische, blutleckende Wahlkämpfer wie Gerd Schröder. Müntefering ist ein blutleerer Apparatschik, der sich in der NRW-SPD auch einen entsprechend netten Namen gemacht hatte: „Der Stalinist aus dem Sauerland“.

Braucht ihn die SPD in diesem Wahlkampf ein letztes Mal, um so weit runterzukommen, dass sie von ganz unten endlich wieder neu beginnen kann? Ist das Münteferings Mission? Wenn das so ist, dann macht er es nun doch richtig. Dann weiter so.


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