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"Unschuldige Hexen wenigstens moralisch rehabilitieren"
Samstag, 28.01.2012, 19:30 - 20:00 Uhr
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In vielen Städten durchforsten Historiker und geschichtlich interessierte Laien die Archive auf der Suche nach Hexen und Zauberern. Einer von ihnen ist der Theologe Hartmut Hegeler aus Unna. Seit zehn Jahren beschäftigt sich der evangelische Pfarrer im Ruhestand mit der Zeit der Hexenverfolgung. Tausende Frauen, aber auch Männer und Kinder, wurden in Deutschland vor allem im 16. und 17. Jahrhundert als Hexen und Zauberer hingerichtet. Hegeler will dafür sorgen, dass die Opfer moralisch rehabilitiert werden. Der Theologe stellte Nachforschungen über Anton Praetorius an, der im späten 16. Jahrhundert gegen Hexenverfolgung kämpfte. 2002 veröffentlichte er ein Buch über den weitgehend unbekannten evangelischen Pfarrer. Jetzt beschäftigt sich Hegeler mit den Opfern der Hexenprozesse, sucht ihre Prozessakten und forscht nach ihren Gräbern.
Auch Johann Wolfgang von Goethe bemühte im "Faust" im berühmten "Hexeneinmaleins" den Hexenglauben: Du musst verstehn! Aus Eins mach Zehn, und Zwei lass gehn und Drei mach gleich - so bist du reich! Verlier die Vier! Aus Fünf und Sechs - so sagt die Hex - mach Sieben und Acht: Dann ist's vollbracht. Und Neun ist Eins und Zehn ist keins. Das ist das Hexen-Einmaleins! Das "Hexen-Einmaleins" im "Faust" ist keine sinnlose Zahlen- und Wortspielerei, denn es handelt sich um die Anleitung zum Ausfüllen eines magischen Hexen-Quadrats. Goethes Hexen-Spruch ist nur ein Beispiel, wie Hexen in Literatur und Kunst über Jahrhunderte präsent waren. Denn - wer kennt sie nicht, die böse Hexe bei Hänsel und Gretel?
Früher galten vor allem Frauen, die rothaarig waren, Warzen hatten, oder Menschen heilten, sehr schnell als Hexen. Ihnen wurde unterstellt, mit dem Teufel im Bunde zu sein. Die Kirche spielte dabei eine tragende Rolle – der Inquisition fielen sehr viele Frauen aber auch Männer zum Opfer. Voraus ging ein Kirchenprozess, in dem die Beschuldigten "peinlich" befragt – also der Folter unterworfen – wurden. Diese Tortur überlebten nicht viele – sie wurden auf Scheiterhaufen verbrannt oder starben bei der so genannten "Hexenprobe" - wie die berühmte Agnes Bernauer. Sie war die erste Ehefrau des bayerischen Herzogs Albrecht III. Durch diese nicht standesgemäße Verbindung geriet Albrecht in Konflikt mit seinem Vater, der Agnes Bernauer 1435 der Zauberei bezichtigte und in der Donau ertränken ließ. Er ließ sie gefesselt in einen Sack einnähen. Hätte sie sich befreien können, wäre dies ein Beweis für ihre Unschuld gewesen.
Doch der Glaube an Hexen ist auch heute noch gegenwärtig. Moderne Hexen allerdings beschäftigen sich eher mit Esoterik, als mit schwarzer Magie. Doch ab und zu gibt es Berichte wie diese: Frau in Indien der Hexerei bezichtigt und verspeist – so die Überschrift eines Berichtes aus dem Jahr 2011. In einem indischen Dorf wurde eine 45-Jährige von einer aufgebrachten Menschenmenge erschlagen, zerschnitten und gegessen. Die Frau wurde der Hexerei beschuldigt. Eine aufgebrachte Menge habe die 45-Jährige erschlagen, dann ihren Körper in Stücke geschnitten, über einem Feuer gebraten und verspeist. Der 16 Jahre alte Sohn des Opfers habe die Tat bei der Polizei angezeigt. Der Glaube an Hexerei ist nach Ansicht von Experten noch unter den Angehörigen aller Religionen Indiens, auch unter Christen, verbreitet. Vor allem in ländlichen Regionen sei die Jagd auf angebliche Hexen noch weit verbreitet. Ähnliche Berichte gibt es auch aus Schwarzafrika. Für Pfarrer Hartmut Hegeler hat der Hexenglaube aktuelle Bedeutung, denn die Mechanismen, die zu Hexenprozessen geführt hätten, gebe es noch immer, sagt der 65-Jährige. Die Suche nach Sündenböcken und das Streuen von Gerüchten nenne man heute eben Mobbing – so Hegeler.
Stand: 28.01.2012