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Krankenhaushygiene in Deutschland lässt zu wünschen übrig
Mittwoch, 08.02.2012, 19:30 - 20:00 Uhr
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Jährlich sterben mehr Menschen an Krankenhauskeimen als an der Immunschwäche Aids. Vor allem Infektionen mit dem resistenten Bakterium MRSA bereiten Medizinern große Sorgen. Zehntausenden droht nach einer Ansteckung mit Antibiotika-resistenten Keimen wochenlanges Siechtum. Die Ursachen sind vor allem mangelnde Hygiene und ein zu verschwenderischer Umgang mit Antibiotika.
Die MRSA-Keime haben in den letzten Jahren dramatisch zugenommen. Dies ist ein großes Problem, weil Reserveantibiotika fehlen. Gegen MRSA-Keime - also multiresistente Staphylokokken - sind inzwischen verschiedene Antibiotika auf dem Markt. Mit denen können die Keime gut behandelt werden. Doch es gibt auch andere Keime, wie zum Beispiel ESBL. Das sind Keime aus der Familie der Enterobakterien (Enteron = Darm) die Antibiotika inaktivieren. Sie sind gegen die gesamte Antibiotika-Kette resistent.
Nicht jede Infektion entsteht im Krankenhaus. Es gibt Patienten, die bereits infiziert ins Krankenhaus kommen, weil offene Wunden vorhanden sind. Dennoch erkranken jährlich 400 000 bis 600 000 Patienten in Deutschland an Infektionen im Krankenhaus. 40 000 Menschen sterben daran – so die Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH). Studien aus den Vereinigten Staaten beweisen, dass in bestimmten Bereichen bis zu 100 Prozent der Infektionen vermeidbar wären. Etwa Blutbahninfektionen in Folge von Zugängen, die Patienten auf Intensivstationen gelegt bekommen. Auch Lungenentzündungen oder Wundinfektionen ließen sich in Krankenhäusern um mindestens 50 Prozent reduzieren - allein durch hygienische Maßnahmen.
Oftmals ist neben Schlamperei, Ignoranz und Überlastung auch schlichtweg Unwissenheit dafür verantwortlich, dass sich Patienten in der Klinik mit gefährlichen Keimen infizieren. Viele Ärzte oder Pfleger kennen die einfachsten Hygieneregeln nicht - kritisiert die DGKH. So ziehe mancher Arzt zwar sterile Handschuhe an, greife dann aber während des Verbandwechsels gedankenlos in die Tasche, da das Handy klingele - und habe damit schon Keime an den Händen. Andere verzichteten auf einen Mund- und Nasenschutz, wenn sie Venenkatheter legen. Mitunter sei auch nicht bekannt, dass Desinfektionsmittel 30 Sekunden einwirken müssen.
Infektionen müssen nicht sein, wie unsere Nachbarn in den Niederlanden zeigen. Dort ist es dank eines konsequenten Kampfes gegen multiresistente Erreger gelungen, die MRSA-Quote deutlich zu senken. "Search and destroy" heißt das Konzept, demzufolge hier Risikopatienten zuerst isoliert, auf MRSA-Keime untersucht und dann "saniert" werden. Wer aus dem MRSA-Problemgebiet Deutschland einreist, um sich dort behandeln zu lassen, kommt ebenfalls erst einmal in Quarantäne. Auch der Umgang mit Antibiotika ist in Holland anders: Diese werden deutlich zurückhaltender verschrieben - Resistenzen entwickeln sich daher seltener.
In NRW hat der Erfolg der Nachbarn bereits ein Umdenken bewirkt. In der Uniklinik Münster und rund 40 weiteren Krankenhäusern im Münsterland werden seit 2007 alle Risikopatienten per Nasenabstrich auf MRSA untersucht - ganz wie in Holland. Die Infektionen gingen stark zurück. Auch finanziell lohnt sich die Vorsorge. Ein Abstrich kostet ein paar Euro, bei einer Infektion mit MRSA kommen dagegen schnell einige tausend Euro zusammen – von den schlimmen bis tödlichen Konsequenzen für die Patienten ganz zu schweigen.
Stand: 08.02.2012