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Sie befinden sich hier: Studio Essen Vom Pauker zum Dienstleister für Bildung


Thema NRW-Sendung am 08.07.11 aus Essen:

Vom Pauker zum Dienstleister für Bildung

  • Sendetermin Freitag, 08.07.2011, 15:05 - 16:00 Uhr .

Früher war der Schulmeister eine Respektsperson mit weit reichenden Befugnissen. Frechheit der Schüler durfte er mit Stockschlägen oder In-die-Ecke-stellen bestrafen. Ob er gut Wissen vermitteln konnte, war eher zweitrangig. Heute müssen Lehrer neben dem Job, den sie gelernt haben, über weitreichende Managementfähigkeiten verfügen. Sie betreiben Krisenintervention bei Gewalt oder Drogenkonsum auf dem Schulhof. Sie sollen Schüler auf das Berufsleben vorbereiten, häufig ohne Unterstützung der Eltern. Viele Lehrer halten diese Vielfachbelastung nicht durch - die Berufsgruppe ist besonders anfällig für das Burnout-Syndrom. Thema NRW befasst sich mit dem Wandel des Lehrerberufs und spricht mit Paukern, die sich noch an bessere Schulzeiten erinnern.

Ein Tag in Hennef am Gymnasium

Vor dem Lehrerzimmer; Rechte: wdr

Aushang am Lehrerzimmer "In den Pausen bitte nicht klopfen"

Früher haben Lehrer „nur unterrichtet“. Sie wurden respektiert und ernst genommen. Heute müssen sie neben dem Unterricht zum Teil als Manager agieren, Krisen bewältigen und mit nörgelnden Schülern klar kommen. Was viele nicht wissen, nach der Schule fängt die richtige Arbeit an. Abends und in den Ferien sitzen viele Lehrer zuhause am Schreibtisch und korrigieren die Klassenarbeiten oder bereiten den Unterricht vor. Wie ist der Job eines Lehrers wirklich?

Unterricht; Rechte: wdr

Unterrichtsstunde

Es ist Viertel vor acht. Inga Wittbrodt fängt mit der Arbeit an. Die 31-jährige Lehrerin unterrichtet am Hennefer Gymnasium Englisch und Sport. Seit fünf Jahren ist Inga Wittbrodt an dieser Schule. Lehrerin wollte sie schon immer werden, erzählt sie mit einem Lächeln. Doch oft müsse sie auch mehr als den erlernten Beruf leisten, beklagt sich Wittbrodt. Die ersten zwei Stunden hat Inga Wittbrodt zwar keinen Unterricht. Doch sie muss im Lehrerzimmer Vorbereitungen für die Abiturprüfungen und das Schulfest treffen. Danach geht es zur Doppelstunde Englisch Leistungskurs für die Oberstufe. Inga Wittbrodt ist während der gesamten Zeit hochkonzentriert. Diskutiert mit den Schülern auf Englisch über Globalisierung, verteilt Aufgaben und schreibt einige Details an die Tafel. Nach dem Gong geht es ins Lehrerzimmer. Eigentlich hat die 31-Jährige 10 Minuten Pause. Doch davon merkt man nichts. Ständig kommen Kollegen und wollen etwas wissen. Die Fahrt mit dem Bus Zum Hallenbad dauert etwa zehn Minuten. Der Lärmpegel ist fast unerträglich. Inga Wittbrodt wird wo allen Seiten angesprochen. In der Schwimmhalle toben sich die Schüler zunächst aus. Danach lernen sie Rücken-, Brustschwimmen oder das Tauchen.

Es wird den Schulen oft sehr viel zugemutet oder zugetraut, sagt die zweifache Mutter. Doch wir können nicht alles leisten, was von gesellschaftlicher Seite erwartet wird. Und der größte Druck dabei kommt von einem selbst. Am Nachmittag muss Inga Wittbrodt noch an einer Sitzung teilnehmen, bevor sie ihre Kinder um 16 Uhr aus dem Kindergarten abholt. Punkt 19 Uhr, nach dem Abendessen, bringt sie sie dann ins Bett. Danach setzt sie sich wieder an den Schreibtisch. Sie bereitet noch den Unterricht für morgen vor. Dann schaut sie sich noch einen Tanzschritt auf Video an, den eine Gruppe für das Schulfest einstudiert. Es komme selten vor, sagt die Lehrerin, die mit einem Berufssoldaten verheiratet ist, dass sie vor 23 Uhr mit ihrer Arbeit fertig ist. Trotz des langen, anstrengenden Tagesablaufs, habe sie Spaß an ihrem Beruf, sagt sie.

Lehrerberuf im Wandel

Dorothea Stommel; Rechte: wdr

Dorothea Stommel, stellv. Bundesvorsitzende des Verbandes Erziehung und Bildung

„Der Lehrer bietet Unterricht an, der Lehrer ist Berater für Eltern, für Jugendämter, für andere, die an der Erziehung der Kinder mit beteiligt sind. Der Lehrer ist Netzwerker, weil, er muss sich in dem großen Netz, das um die Kinder gesponnen ist, muss er sich einbringen. Der Lehrer ist Erzieher, manchmal ist der Lehrer Sozialarbeiter, und manchmal ist der Lehrer einfach nur jemand, der das Kind annimmt und sagt, hier kannst Du Dich wohlfühlen.“ So sieht Christoph Graffweg, Schulleiter an der Fröbelschule in Bochum-Wattenscheid, das Berufsbild des Lehrers heute.

Hauptschulabschluss an einer Förderschule heißt, Berufs- und Ausbildungschancen beinah gleich null! Christoph Graffweg bereitet seine Schüler deshalb auf das zu erwartende Leben nach Schulschluss vor. Dafür müssen die Schüler lernen mit Hartz IV zu leben. Was bringt man den Schülern da bei?

Stefan Leiwen; Rechte: wdr

WDR-Reporter Stefan Leiwen führte durch die Sendung

„Um dieses Leben zu organisieren, ist ne Menge Wissen erforderlich. Dreisatz, Bruchrechnen, Lesen, die Techniken, die erlernt werden, sind die gleichen wie vor 20, 30 Jahren. Wenn Eltern mir Hartz IV Bescheide vorlegen, um zu gucken, ob die stimmen oder nicht stimmen, dann kann ich allen versprechen, ich kann diese Dinger nicht lesen, weil die so kompliziert aufgebaut sind. Und mit mir geht es anderen auch so, dass sie nicht verstehen, worum es geht. Und ein Ziel von Schule ist, Schülerinnen und Schülern zu vermitteln, worum geht’s.“ Also wird an dieser Schule trainiert, wie die Formulare ausgefüllt werden, wie man mit dem bisschen Geld knapsen muss, wie klein eine Hartz IV- Wohnung ist. Heutzutage ist der Lehrer also auch Manager und Lebensberater.

Anti-Gewalttraining für angehende Lehrer

Wie man mit Gewalt-Situationen umgeht oder Konflikte vermeidet bzw. wie man als Lehrer handelt, wenn?s zu Zoff kommt:, das lernen die meisten Lehramts-Studenten im Studium wohl kaum, obwohl es für den späteren Berufsalltag wichtig sein kann. Auf dem Stundenplan steht?s jedenfalls nicht. Außer bei denen, die sich jetzt extra zum Anti-Gewalt-Trainer bzw. zur Anti-Gewalt-Trainerin ausbilden lassen. Das bundesweite Projekt „Netzwerk Q“ läuft an acht Hochschulen in Deutschland, u. a. an der Bergischen Universität in Wuppertal.

Schulhof; Rechte: wdr

Schüler in der Pause auf dem Schulhof

Tatjana Polotzek studiert in Wuppertal Kunst und Germanistik und will Lehrerin werden und dazu Trainerin für Gewaltprävention und Zivilcourage. Die entsprechenden Blockseminare kann sie in ihr Studium integrieren. Insgesamt drei Semester dauert die Zusatz-Ausbildung. 24 Studierende nehmen in Wuppertal teil. Die Teilnehmer im Projekt sind aus den verschiedensten Fachbereichen. Gemeinsam ist ihnen, dass sie nach dem Projekt einen Teil zu einer Gesellschaft mit weniger Gewalt und mehr Zivilcourage beitragen, sagt einer der Initiatoren, Lothar Jansen: „Zivilcourage heißt, dass wir eben auch Menschen dafür bereit machen wollen, sich mit Konfliktsituationen auseinanderzusetzen und auch mal Partei zu ergreifen. Und alles zusammen ist ja ein Beitrag zur Zivilisierung dieser Gesellschaft und zu ihrem humanen Fortschritt.“

Das Projekt ist eine Kooperation zwischen den Hochschulen und „Arbeit und Leben“: ein Bündnis zwischen VHS und DGB. Es steht für politische Bildung. In den Seminaren testen die Studenten in Rollenspielen, wie sie sich z .B. in bestimmten Konflikt-Situationen fühlen. Tatjana sagt: am Anfang findet man?s oft albern, später machen solche Spiele aber Sinn.

Gewalt auf dem Schulhof; Rechte: wdr

Gewalt auf dem Schulhof

Was zu tun ist, wenn tatsächlich mal geprügelt wird auf dem Schulhof, lernen die Studenten genauso: Beim Rollenspiel „Misch dich ein“ spielt ein Teil der Gruppe eine Prügelei auf dem Schulhof nach. Einer spielt den Prügelnden, ein anderer das Opfer – weitere Teilnehmer die Umherstehenden. Danach wird diskutiert: war das Eingreifen der Nicht-Beteiligten sinnvoll, wie kann es besser gehen, worauf muss dringend geachtet werden, damit die Situation nicht total eskaliert. Erstes Ziel ist aber immer, dass es gar nicht erst soweit kommt, erklärt Tatjana Polotzek.

Im nächsten Semester müssen die Studentinnen und Studenten in kleinen Gruppen selbst ein Konzept für ein Anti-Gewalt-Training entwerfen. Und das ausprobieren, z.B. an einer Schule oder in einer Jugendgruppe. Nur, wer auch den Praxistest besteht, bekommt am Ende das „Anti-Gewalt-Trainer“-Zertifikat. Die Teilnehmer können das Gelernte dann in Zukunft im Lehrer-Job umsetzen oder aber selbst Seminare zum Anti-Gewalt-Training geben. Vieles nützt ihnen aber auch einfach jetzt schon – im Alltag. Bundesweit acht Unis bilden Studierende im Moment zu Anti-Gewalt-Trainern aus. In Wuppertal startet das Projekt nächstes Semester in die Abschlussphase.

Burnout-Prävention

Ausgebrannt; Rechte: wdr

Burnout und seine Folgen

Burn Out bei Lehrern ist kein seltener Einzelfall: Untersuchungen haben ergeben, dass jeder fünfte Lehrer medizinisch relevante Symptome eines Burn Outs zeigt. Warum brennen Lehrer immer mehr aus? Und ist dieses Ausbrennen unausweichlich oder lässt es sich verhindern? Der heutige Arbeitstag eines Lehrers hat sich gewandelt: Lehrer müssen längste nicht nur unterrichten, sondern immer mehr auch die Schüler erziehen und betreuen. Denn die verbringen zum Teil mehr Zeit am Tag in der Schule als mit ihren Eltern.

Dazu kommt, dass die meisten Schulen keine Ganztagsarbeitsplätze sind. Lehrerzimmer sind oft zu voll und zu laut. Korrekturen oder Vorbereitungen sind dort kaum möglich. Stress und Überlastung sind vorprogrammiert. Reinhold Pfeffer, Leiter der Bertold-Brecht-Gesamtschule in Bonn, bemüht sich, an seiner Schule den Stress abzumildern: Genug feste Pausen in den Dienstplänen oder mehrere Lehrerzimmer statt einem großen, lauten Raum. Die Lehrergewerkschaft GEW setzt sich bereits seit über zehn Jahren für bessere Arbeitsbedingungen ein. Im Schulbereich gibt es mittlerweile einen arbeitsmedizinischen Dienst und eine Mobbing-Hotline für Lehrer. Die „Gefährdungsbeurteilung im psychosozialen Bereich“ ist ein Fragebogen, mit dem die Burn Out-Gefahr an Schulen in NRW erfasst werden soll. Dort wo große Gefahr besteht, sollen unter anderem „Moderatoren“ helfen, die Lösungsvorschläge erarbeiten. Das kann ein Ruhrraum sein oder ein Streit zwischen Kollegium und Schulleitung, der geschlichtet wird.

Solche Maßnahmen gegen Burn Out würden GEW und Schulministerium gern ausbauen. Doch es fehlt Geld: Zwei Millionen stehen für den Arbeits- und Gesundheitsschutz der Lehrer in NRW zur Verfügung. Das wird nicht reichen, um die Ideen an allen Schulen umzusetzen.

Lehrer noch mit 69

Immer schwierigere Schüler, viel zu große Klassen und eine Schulreform nach der anderen: Viele Lehrer schaffen es nicht bis ins Rentenalter. Sie werden berufsunfähig, weil sie sich ausgebrannt fühlen. Anders Friedrich Gerlach aus Wilnsdorf bei Siegen. Er ging mit 65 in den Ruhestand, allerdings nur für ein halbes Jahr. Dann kehrte er mit etwas mehr als einer halben Stelle zurück an seine alte Schule - das Evangelische Gymnasium in Siegen - und unterrichtete weiter Englisch und Religion. Erst nach diesem Schuljahr mit fast 69 Jahren will er endgültig aufhören. Wie er so lange durchhielt ? Alles eine Frage der Einstellung.

Lehrerzimmer; Rechte: WDR

Zusammenarbeit im Lehrerzimmer

Die Oberstufenschüler schätzen ihn aus anderen Gründen: Er geht gerade auf die Schüler ein. Die jungen Lehrer, die probieren noch viele Sachen aus. Da macht man mehr Gruppenarbeit. Schüler finden den Wechsel gut, mal bei älteren und mal bei jungen Lehrern Unterricht zu haben , weil es sonst so einseitig wird.

38 Schuljahre heißen auch für Lehrer - immer wieder dazulernen. Aber man muss sich nicht alle fünf Jahre neu erfinden, meint Friedrich Gerlach. Mit dem Computer zum Beispiel konnte er sich nur langsam anfreunden. „Es kommt darauf an, dass der Lehrer glaubwürdig ist und ob er da vorne tolle Geräte hat oder die neusten Ausdrücke kennt, halte ich nicht für so notwendig.“

Unterricht; Rechte: WDR

Unterricht in deutschen Schulen

Friedrich Gerlach wollte schon als Schüler Lehrer werden. Nach dem Studium in Bonn, Tübingen und Oxford und dem Referendariat in Dortmund fing er 1973 am Evangelischen Gymnasium an. Da war der Geist der 68er noch lebendig. „Es waren unruhige Zeiten, Schüler waren aufmüpfig. Ich erinnere mich, dass hier, als die Abiturprüfung gelaufen war, die Schüler ins Sekretariat gingen und dort ihr Abiturzeugnis abholten. Ein Stück Papier wurde da so ein bisschen herablassend gesagt. Aber wie heute schicke Abiturfeiern zu machen, das war damals nicht drin.“ Jede Zeit hatte ihre Besonderheiten und ihre Probleme. Im Laufe der 80er Jahre, da gab es so eine Bewegung no future. Das war wieder so eine große Welle mit der wir zu tun hatten. Wie kriegen wir die Schüler dazu, Sinn in ihrem schulischen Dasein und auch im Lernen zu finden. Warum, wieso, keiner braucht uns, wir haben eh keine Zukunft, keine Arbeitsstellen lautete die Devise.

Chaotischer Unterricht; Rechte: WDR

Chaos im Unterricht - Tendenz steigend

Heute ziehen die Schüler zur Abi-Feier zwar das Kleine Schwarze oder einen Anzug an. Aber trotzdem machen sie es ihren Lehrern nicht leicht. Es ist schwieriger geworden. Aber das hängt möglicherweise nicht mit den Schülern zusammen, sondern mit dem gesellschaftlichen Umfeld. Allein die technische Ausstattung der Schüler. Jeder hat sein Handy, das Leben ist schneller, man kann sich kaum noch konzentrieren. Das bedeutet natürlich für die Schüler, dass man nicht davon ausgehen kann, dass die jetzt eine Dreiviertelstunde zuhören. Friedrich Gerlachs Rezept, trotz allem gesund ins Rentenalter zu kommen: Mehr Pädagoge als Wissenschaftler sein, einkalkulieren, dass Schüler Fachwissen eher langweilig finden.

Die nächste Thema NRW-Sendung kommt am 09.09.11 aus Essen: Schlaf, NRW, schlaf!" - Eine Reise zu Schäfchen, Pillen und Therapeuten

Etwa ein Drittel unseres Lebens „verschlafen“ wir. Doch bis zu 20 Prozent der Menschen leiden unter Schlafstörungen. Treffen kann es jeden. Schichtarbeiter, Akademiker oder Manager. Und oft ist ein gestörter Schlaf auch mitverantwortlich für das Burnout-Syndrom. Der Absatz an Schlafmitteln steigt kontinuierlich. Der andere Weg: mit Techniken aus der Verhaltenstherapie kann Schlaf wieder gelernt werden. In NRW gibt es immer mehr Schlaflabore und Schlaftherapeuten, die Hilfe anbieten. Der Kölner Schlafmediziner Alfred Wiater hat in einer Studie herausgefunden, dass auch bereits jeder fünfte Grundschüler unter Schlafproblemen leidet! Thema NRW legt sich mit ins Bett und fragt nach Schlafgewohnheiten, verrückten Träumen und macht sich auf die Suche nach Schlafwandlern.


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