Ab Freitag (28.05.10) wird es auch in Deutschland zu kaufen sein: das iPad. Zehntausende Käufer fiebern bereits diesem Termin entgegen - obwohl Kritiker monieren, das neue Wunderding sei nicht Fisch und nicht Fleisch. Wie erklärt sich der Apple-Kult?
Nicht ganz DIN A 4 groß, nur ein flacher, glatter Bildschirm, mehr nicht: Das neue iPad wird schon deshalb als Revolution gefeiert, weil es das Äußere eines Computers auf ein absolutes Minimum reduziert. Der Bildschirm ist gleichzeitig Tastatur, über Berührungen gibt der Nutzer Befehle ein. In den USA, wo das iPad Ostern auf den Markt kam, waren nach 28 Tagen bereits eine Million Geräte verkauft. Hierzulande war es bisher nur einigen Testern vorbehalten, die "Wunderflunder" in Gebrauch zu nehmen. Die sind sich jedoch einig: Ein wirklicher Fortschritt sei das iPad nicht. Aber darum gehe es auch nicht, sagt Stephan Grünewald, der am Kölner Rheingold-Institut auch über Marken-Kult forscht.
WDR.de: Den Berichten zufolge ist das iPad nichts so richtig: weder Telefon noch Computer noch Musikanlage. Warum wollen es trotzdem alle haben?
Stephan Grünewald: Das zeigt zunächst, dass mitunter der Mythos die Realität toppen kann: Mit dem iPad, ähnlich wie vorher mit dem iPhone, geht eine ungeheure Verheißung einher, die fast einem Wunderglauben gleicht: Als könnten wir uns die Welt quasi mit eigenem Fingerzeig erschließen. Ich gehe mit meinem Finger auf die Bildfläche und kann mir spielerisch Einblicke verschaffen, Zusammenhänge öffnen, Dinge vergrößern und wieder verschwinden lassen. Das gibt uns gerade heutzutage, wo wir uns oft ohnmächtig globalen Entwicklungen ausgesetzt sehen, ein ungeheures Machtgefühl. Und für dieses Machtgefühl sind wir sogar bereit, einiges zu zahlen.
WDR.de: Was genau verkörpern die Produkte von Apple in den Augen der Käufer? Warum muss es ein Apple sein?
Grünewald: Apple hat es als Marke meisterhaft verstanden, diesen eigenen Mythos der Gottgleichheit zu versinnbildlichen. Das geht ja schon mit dem Symbol der Firma los: Der Apfel - ein Verweis auf den Sündenfall im Paradies. Da wollten die Menschen ja schon vom Baum der Erkenntnis naschen und in den Apfel beißen, der ihnen versagt war. Und dieses Versprechen, sich Welten, Erkenntnisse, Reiche zu erschließen, die eigentlich den Göttern vorbehalten sind, das hat Apple konsequent zu seinem Markencredo erklärt. Dazu gehört natürlich, dass sich der Firmengründer Steve Jobs wie ein Gottvater gebärdet, der ab und zu mal auf die Welt herabscheint und seine frohen Botschaften verkündet. Er ist für die Käufer eine mythische Gestalt, die andere an seiner Erleuchtung und Handlungspotenz teilhaben lässt.
WDR.de: Computer der Marke Apple sahen aber nun mal immer schon besser aus als die ollen grauen Kisten anderer Hersteller. Welche Rolle spielt das Design?
Grünewald: Das geht natürlich Hand in Hand. Das gesteigerte Sein, das die Produkte versprechen, geht einher mit einem gesteigerten, aber auch sehr einfachen Design. Diese Geräte suggerieren: Wir sind nicht mehr in einer klobigen Arbeitswelt, sondern die Produkte schmiegen sich an unser Wohnumfeld an, sie verschmelzen quasi mit unserer Handfläche oder mit unseren Nutzerwünschen. Dadurch kriegen sie natürlich auch eine sehr demonstrative Note: Sie werden zum Statussymbol, zum Ausweis einer technologischen Avantgarde.
WDR.de: Definition über Marken und Labels scheint heutzutage wichtiger denn je. Andererseits steht auch die persönliche Freiheit des Einzelnen heute so sehr im Vordergrund wie nie zuvor. Wie passt das zusammen?
Grünewald: Bei Apple steht ja tatsächlich diese Freiheitsphilosphie der Gottgleichheit im Vordergrund: Ich befreie mich von all dem komplizierten Reglement, mit dem früher die Computerwelt verbunden war. Ich gewinne Freiheit, weil ich diese Geräte spielerisch, intuitiv nutzen kann. Dass man dann auch wieder Sklave seiner eigenen Freiheitswünsche und Statusbesessenheit wird, das wird gerne ausgeblendet. Andererseits: Durch die Preise, gerade jetzt beim iPad und iPhone, durch die Vertragsbindung an die Telekom, sind es ja keine totalen Massenprodukte, sondern sie sind einer Elite vorbehalten, die sie sich leisten kann. Gerade viele jüngere Konsumenten konnten sich diese Produkte bisher nicht leisten.
WDR.de: Und noch ein Blick in eine andere Richtung: Für viele Zeitungsverlage birgt das iPad die große Hoffnung, ihre Zeitungen endlich in einer Online-Version bringen zu können, für die der Nutzer bezahlen muss. Bild, Stern und viele andere halten bereits iPad-Versionen ihrer Blätter parat. Wird es viele Menschen geben, die sich ein iPad zu kaufen, um Zeitung zu lesen?
Grünewald: Ich glaube nicht, dass die Nutzer das iPad kaufen werden, um damit Zeitung zu lesen. Sie werden es kaufen und in ihren Alltag integrieren. Im Vordergrund wird bei den Käufern dieser Omnipotenzanspruch stehen: Ich erweitere meine Wirkungskreise. Diesen Anspruch könnte sich letztlich auch ein Zeitungsverlag zunutze machen: Dass ich, ohne zum Kiosk gehen zu müssen, Tag und Nacht meine Zeitungswelt eröffnen kann.
WDR.de: Was bin ich in Zukunft ohne iPad?
Grünewald: Das ist wie immer mit den Verheißungen: Wir hoffen, uns zu Großem aufschwingen zu können, und merken am Ende, dass wir doch noch gemeine Erdenwesen mit all unseren Behinderungen und Widersprüchen sind. Das ist auch gut so, denn gerade unsere Begrenztheit hält uns am Leben, bringt uns in Entwicklung und lässt uns träumen. Das heißt, nach dem iPad werden wir sehnlichst darauf warten, dass in zwei, drei Jahren ein neues Wunderding auf die Welt herabfällt, das uns dann der Gottgleichheit wieder ein bisschen näher bringt.
Das Gespräch führte Nina Magoley.
Ansturm auf das iPad bleibt aus [WDR aktuell]
Was taugt die Wunder-Flunder?
iPad im TestStand: 27.05.2010, 02:00 Uhr
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