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Sie befinden sich hier: > WDR.de > Freizeit > Interview mit Uwe Rosenberg - Spiele-Erfinder aus Leidenschaft


Spiele-Erfinder aus Leidenschaft

Auszeichnung für Brettspiel "Agricola"

Sie lieben Gesellschaftsspiele? Dann geht es Ihnen wie Uwe Rosenberg. Mit dem Unterschied, dass der Gütersloher seine Leidenschaft zum Beruf gemacht hat. Am Mittwoch (22.10.08) erhielt der Spiele-Erfinder für sein Werk "Agricola" in Essen den Deutschen Spielepreis.

Spieleautor Uwe Rosenberg mit seinem Gesellschaftsspiel Agricola; Rechte: ddpBild vergrößern

Uwe Rosenberg mit seinem Spiel Agricola

Bereits als Schüler hat er sein erstes Spiel erfunden, auf rund 300 ist die Zahl inzwischen angewachsen - etwa 30 davon haben es in die Läden geschafft. Mit seiner neuesten Idee, dem Brettspiel "Agricola", räumt der 38-Jährige in diesem Jahr einen Preis nach dem anderen ab.

Am Mittwochabend (22.10.08) bekommt Rosenberg für sein komplexes Strategiespiel im Vorfeld der Essener Spielemesse den "Deutschen Spielepreis" verliehen. "Agricola" versetzt bis zu fünf Mitspieler ins 17. Jahrhundert, wo sie sich als Bauern um Ackerbau und Viehzucht kümmern müssen. Wenn die Familie wohl genährt und der Hof gut in Schuss ist, winkt nach zwei bis drei Stunden der Sieg.

WDR.de: Wie beginnt der ideale Arbeitstag eines Spiele-Erfinders? Mit einer guten Idee unter der Dusche?

Uwe Rosenberg: Die Idee unter der Dusche oder an der Bushaltestelle, wenn man die Seele ein wenig baumeln lässt, gibt es in der Tat. Allerdings erst dann, wenn der Entwicklungsprozess bereits läuft und man in solchen Augenblicken dann plötzlich auf die lang gesuchte Lösung kommt.

Die Idee für ein neues Spiel kommt mir eher dann, wenn ich andere Spiele spiele. Dann gefällt mir irgendetwas nicht richtig und ich überlege, wie ich es besser machen könnte. An dieser Stelle setze ich dann an und spinne den Gedanken weiter.

WDR.de: Und wie sind sie auf "Agricola" gekommen?

Rosenberg: Am Anfang stand eine grobe Idee, die schon seit der Spielemesse 2005 in meinem Kopf rumspukte. Damals lernte ich das Spiel "Caylus" kennen, das damals der absolute Renner war und auch mich in seinen Bann gezogen hatte. Nach der Messe habe ich es dann zwei Wochen lang jeden Abend gespielt. Aber ein zentrales Detail hätte ich gerne anders gehabt. Und nach jedem Spieleabend habe ich am darauf folgenden Tag über diesen anderen Ansatz nachgedacht. Neben zwei weiteren Spielen, die mich inspiriert haben, ist "Calyus" also eine der Säulen für "Agricola".

WDR.de: Wie viel Zeit haben Sie denn in die Entwicklung des Spiels investiert?

Spieleautor Uwe Rosenberg mit seinem Gesellschaftsspiel Agricola; Rechte: WDR/RosenbergBild vergrößern

500 Stunden lang hat Rosenberg selbst getestet

Rosenberg: Soviel, dass mich wohl niemand fair dafür bezahlt hätte. Alleine das Testen summiert sich auf über 500 Stunden pro Person - wir haben zu viert oder fünft rund 200 Partien durchgespielt. Einen Monat lang habe ich außerdem am Schreibtisch verbracht. Plus die Zeit, die ich redaktionell mit dem Spiel bis zur Veröffentlichung beschäftigt war.

WDR.de: Das klingt nicht unbedingt danach, als wenn man vom Spielerfinden leben kann?

Rosenberg: Mit dem Kartenspiel "Bohnanza" habe ich zum Glück schon zu Studentenzeiten ein Spiel entwickelt, dass sich seit 1997 über zwei Millionen Mal verkauft hat. Was bedeutet, dass es quasi auf ewig im Markt etabliert ist und dadurch für ein durchaus beruhigendes Grundeinkommen sorgt. Ohne diese Sicherheit hätte ich auf Dauer nicht die Ruhe gehabt, weiterzumachen.

WDR.de: Sie haben Statistik studiert. Sind mathematische Fähigkeiten für einen Spieleautor wichtiger als eine blühende Fantasie?

Rosenberg: Strukturiert und logisch denken zu können, erleichtert das Spiele erfinden tatsächlich. Aber die Tatsache, dass ich Statistik studiert habe, bringt mir heute gar nichts mehr. Anders herum hat mir aber meine Spiele-Leidenschaft beim Studium geholfen: Meine Diplomarbeit habe ich über das Memoryspiel geschrieben.

WDR.de: Wie wichtig ist der Spaßfaktor bei Ihrer Arbeit?

Spieleautor Uwe Rosenberg mit seinem Gesellschaftsspiel Agricola; Rechte: WDR/RosenbergBild vergrößern

"Eigentlich habe ich es für mich selbst erfunden"

Rosenberg: Wenn ich selbst nicht unheimlich gerne spielen würde, wäre "Agricola" ganz anders geworden. Eigentlich habe ich es für mich selbst erfunden. Trotz des enormen Zeitaufwands hat mir die Arbeit daran soviel Spaß gemacht, dass ich mir während des Entwicklungsprozesses immer noch mehr Karten ausgedacht habe - am Ende waren es über 300. Und auch das Bauernhof-Universum hat im Verlauf immer noch größere Ausmaße angenommen. Das Ergebnis ist derart vielschichtig, dass es fast mit einem Computerspiel vergleichbar ist, wo es neben der großen Geschichte ja auch immer viele Kleinigkeiten gibt, auf die man klicken kann. Bei "Agricola" entwickelt sich jede Partie in eine andere Richtung.

WDR.de: Viele prämierte Spiele der vergangenen Jahre, wie zum Beispiel "Die Siedler von Catan", haben sich zu echten Klassikern entwickelt. Doch der Großteil der Neuerscheinungen verschwindet schon nach kurzer Zeit wieder vom Markt: Was machen viele Spieleentwickler falsch?

Rosenberg: Man muss ein Spiel auf zweierlei Weise spielen können: Es muss eine gewisse Spieltiefe haben. Ich muss es aber auch spielen können, wenn ich erschöpft nach Hause komme und nur noch ein wenig "rumdödeln" will. Wenn es beide Ansprüche erfüllt, hat es das Zeug zum Klassiker. Oft ist es leider so, dass es entweder umso anstrengender wird, je größer die Spieltiefe ist. Oder es ist so einfach, dass die Komplexität völlig fehlt. Und warum soll ich ein Spiel erneut aus dem Schrank holen, bei dem ich mich bereits in der 10. Partie nicht weiter verbessern kann? Die meisten Spiele verschwinden zu Recht schon bald wieder vom Markt.

WDR.de: Trotz Computerspielen, Playstation und Co gibt es einen eher größer werdenden Markt für anspruchsvolle Gesellschaftsspiele. Werden wir auch noch in 50 Jahren in die Rolle eines strategisch agierenden Bauernhofbesitzers schlüpfen?

Rosenberg: Ich vermute sogar noch öfter als heute. Denn wir leben in einer Gesellschaft, in der viele immer mehr Freizeit zur Verfügung haben. Was hinzu kommt: Mittlerweile muss man sich bei vielen Neuerscheinungen nicht mehr durch seitenlange Spieleregeln durchquälen, stattdessen gibt es im Internet ein verständliches Erklärvideo. Und nicht zuletzt ist inzwischen der Alltag vieler Menschen so sehr vom Computer geprägt, dass sie nicht noch am Abend davor hängen wollen.

Das Gespräch führte Stefan Domke

Stand: 22.10.2008, 06:00 Uhr



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