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Sie befinden sich hier: > WDR.de > Gesundheit > Ein Knick in der Optik mit Folgen


Brille trotz Adleraugen?

Ärzte und Optiker uneins über "Winkelfehlsichtigkeit"

Von Dorothee Bürkle

Daniel K. hat hervorragende Augen und trägt trotzdem eine Brille. Sie hat Prismengläser, die das Licht in einem bestimmten Winkel in seine Auge leiten. Daniel kann damit besser lesen und schreiben. Augenärzte warnen jedoch genau vor solchen Brillen.

Daniel Kuipers; Rechte: WDR/BürkleBild vergrößern

Daniel mit Brille

"Mama, ich brauche meine Brille. Wir müssen auf einem Bein stehen, das geht nicht ohne", so stürmte Daniel vergangene Woche aus der Judohalle auf seine Mutter zu. Seit vier Wochen trägt der Neunjährige eine Brille. Ohne sie, so die Beobachtung seiner Mutter, kann er nicht räumlich sehen und hat nur einen eingeschränkten Gleichgewichtssinn.

Daniel ist ein aufgeweckter, wissbegieriger Junge. Aber als er mit sechs Jahren in die Schule kam, wurde er schnell zum "Problemkind". Von Anfang an tat er sich schwer beim Schreiben. Seine Buchstaben hüpften kreuz und quer, waren mal über, mal unter der Linie. Weder seine Mutter, noch die Lehrer oder Schulpsychologen konnten das erklären.

Und das schulische Versagen hatte Folgen: "Daniel versuchte seine Probleme zu kompensieren, er wurde zum Klassenkasper und zunehmend aggressiver", erinnert sich seine Mutter. Immer wieder hatte sie den Verdacht, dass Daniel nicht richtig sehen kann. Aber auch der fünfte Augenarzt, den sie mit ihrem Sohn aufsuchte, bestätigte ihr, dass Daniel hervorragend sehen kann. Der Schulpsychologe stellte den Erziehungsstil der alleinerziehenden Mutter in Frage und die Lehrerin riet der Mutter, Daniel ein gängiges Mittel für Kinder mit einer Aufmerksamkeits-Hyperaktivitäts-Störung verschreiben zu lassen.

Daniel hat einen Knick in der Optik

Diktat mit und ohne Fehler; Rechte: dpaBild vergrößern

"Buchstaben verschwinden einfach"

Daniels Mutter ließ ihren Sohn schließlich bei Brigitte Effner von der Initiative Winkelfehlsichtigkeit Köln/Bonn testen. Diese stellte fest, dass seine Augen nicht optimal zusammen arbeiten. Sie stehen so, dass es ihm schwer fällt, die Bilder im Kopf übereinander zu lagern und ein räumliches Bild aufzubauen. "Winkelfehlsichtigkeit" nennen Optiker diesen Befund, Mediziner sprechen von einer "assoziierten Heterophorie". Brigitte Effner: "Eine Bildüberlagerung ist zwar möglich, aber nur wenn der Augenmuskel stark angespannt ist und das Bild richtig einstellt. Auf die Dauer ist das Sehen so unglaublich anstrengend."

Ihre Erfahrung ist, dass Kinder mit einer solchen Fehlstellung beim Schreiben nach spätestens 20 Minuten zappelig werden. Sie vertauschen Buchstaben oder können einzelne gar nicht mehr sehen. Ein speziell ausgebildeter Optiker passte Daniel eine Brille mit Prismengläsern an, die das einfallende Licht leicht abgelenkt in seine Augen leiten und die Fehlstellung seiner Augen ausgleichen.

Augenärzte warnen vor Prismengläsern

Untersuchung beim Augenarzt; Rechte: dpaBild vergrößern

"Winkelfehlsichtigkeit ist keine Diagnose"

Auf eine "assoziierte Heterophorie" untersuchen die meisten Augenärzte in Deutschland nicht. Ihrer Ansicht nach ist das keine Diagnose, sondern ein Kunstprodukt der Augenoptiker. Außerdem halten sie auch die Methode, mit der Optiker eine "Winkelfehlsichtigkeit" feststellen, für wissenschaftlich nicht fundiert. Georg Eckert vom Verband der Augenärzte in Deutschland: "Diese ganz leichte Abweichung der Augenstellung haben 80 Prozent aller Menschen. So wie jeder Mensch auch nicht exakt zwei gleiche Arme oder Beine hat. Für Optiker ist das eine gute Möglichkeit, teure Prismengläser an Menschen zu verkaufen, die gar keine Brille brauchen."

Eckert und viele Augenärzte warnen eindringlich vor dem Tragen einer solchen Brille und weisen darauf hin, dass die leichte Fehlstellung dadurch zunehmen kann. Die Brillenträger brauchen dann nach und nach stärkere Prismengläser. Immer wieder sei am Ende die Fehlstellung der Augen so groß, dass sie mit Prismengläsern nur noch schwer zu korrigieren sei. In diesem Fall werde eine Operation am Augenmuskel nötig um die Augen wieder in die richtige Stellung zu bringen.

"Sonderschulen sind voll mit winkelfehlsichtigen Kindern"

Fritz Gorzny ist einer der wenigen Augenärzte, der bei starker "assoziierter Heterophorie" operiert. Vor über zehn Jahren ist der Koblenzer Augenarzt in der Zusammenarbeit mit einem Optiker auf die Problematik gestoßen: "Eine solche Operation war damals wider die ärztliche Kunst und ich habe den Patienten angeboten, dass ich die OP im Notfall wieder rückgängig machen kann." Doch das war nie notwendig und Gorzny hat nach eigenen Angaben bis heute über 500 Patienten operiert.

Schnell wurde dem Augenarzt klar, dass er mit dieser Behandlungsmethode ein krassen Außenseiter in seiner Zunft war: "Ich habe meine Kollegen auf meine Erkenntnisse aufmerksam gemacht und erntete Schweigen." Als Hauptgrund dafür nennt Gorzny einen berufspolitischen Konflikt zwischen Optikern und Augenärzten: "Mit der Untersuchung auf Winkelfehlsichtigkeit greifen die Optiker in die Domäne der Augenärzte, vor allem aber in die der Sehschullehrerinnen ein."

Um in diesem Konflikt endlich Klarheit zu schaffen, regte der heute pensionierte Augenarzt mit einigen Kollegen eine erste wissenschaftliche Studie an. Diese soll, so hofft er, bald im Transferzentrum für Neurowissenschaften und Lernen in Ulm durchgeführt wird. Ob sich Optiker oder Augenärzte um die Fehlstellungen im Auge kümmern, ist Gorzny gleichgültig. Wichtig ist ihm, dass mehr Menschen von der Problematik erfahren und mit einer Therapie für ihr Leben profitieren: "Meine Erfahrung hat gezeigt, dass es Winkelfehlsichtigkeit tatsächlich gibt. Und ich bin überzeugt, die Sonderschulen sind voll mit Kindern, die aufgrund von Winkelfehlsichtigkeit leistungsgeschwächt sind."

Zwischen Sonderschule und Gymnasium

Daniel Kuipers; Rechte: WDR/BürkleBild vergrößern

Daniel hofft auf Besserung dank Brille

Ein Besuch der Sonderschule war bei Daniel zwischenzeitlich auch im Gespräch. Mittlerweile würde ihn seine Lehrerin aufgrund seiner intellektuellen Fähigkeiten am liebsten auf dem Gymnasium sehen. Daniel hat jetzt am Ende der vierten Klasse eine Gymnasialempfehlung mit Einschränkung.

Denn Lehrerin und Mutter sind sich einig, dass Daniel viel nachholen muss und in einer Gymnasialklasse mit 30 Kindern kaum eine Chance hat. Seine Mutter überlegt, ihn auf einem Internat anzumelden, wo er intensiv gefördert wird. Sie hofft, dass Daniel mehr Spaß an der Schule findet: "Seine Hausaufgaben macht er in der Zwischenzeit schneller, weil er sich besser konzentrieren kann. Ich habe den Eindruck, dass es für ihn nicht mehr so energiefordend ist." In ein paar Jahren, wünscht sie sich, kann er vielleicht ein normales Gymnasium besuchen.

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Stand: 16.04.2007, 06:00 Uhr



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