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Dienstag, 09.02.2010

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Seit 22 Jahren immun gegen Aids

Langzeitüberlebende helfen bei der Suche nach neuen Therapien

Von Stefanie Hallberg

Anke Müller* ist HIV-positiv, seit mindestens 22 Jahren. Aids1 hat die Bonnerin bislang aber nicht, sie scheint gegen die tödliche Krankheit immun zu sein. Ihr Blut ist daher für Forscher wertvoll, um neue Therapien und einen Impfstoff zu entwickeln.

"Anke Müller" in der immunologischen Ambulanz; Rechte: WDR/hallbergBild vergrößern

HIV positiv seit 22 Jahren

Seit 1985 weiß Anke Müller*, dass sie HIV -positiv ist. Das Ergebnis des Tests, den es damals noch nicht lange gab, traf die Bonnerin wie ein Schlag. Umso mehr, weil sie eine Tochter hatte, die nur wenige Monate alt war, aber, wie sich herausstellte, glücklicherweise nicht infiziert. "Damals war die Atmosphäre in der Bevölkerung von Panik bestimmt", erinnert sich die heute 48-Jährige. Niemand habe sie behandeln wollen. Ärzte hätten ihr geraten, die Tochter zur Adoption freizugeben. Die Angst vor dem Verlust des Kindes war schlimmer als die vor dem frühen Tod, der unausweichlich schien. "Aber erstaunlicherweise lebte ich weiter und habe immer noch hervorragende Immunwerte", sagt sie.

Sicherheit gibt es nicht

Prof. Jürgen Rockstroh am Telefon; Rechte: WDR/hallbergBild vergrößern

Rockstroh: Seit 1989 im HIV-Bereich tätig

Anke Müller gehört zu den so genannten Long-Term Non Progressors, den Langzeitüberlebenden. Weniger als ein Prozent der HIV-Positiven falle in diese Gruppe, erklärt Professor Jürgen Rockstroh, Aids-Experte in der immunologischen Ambulanz der Uniklinik Bonn. "Diese Menschen schaffen aus sich heraus, was wir bei vielen Patienten noch nicht einmal mit Medikamenten erreichen: dass ihr Immunsystem über Jahre die Kontrolle über die tödlichen Viren behält." In Sicherheit wiegt das Anke Müller nicht. Sie hält ihren Zustand für eine "augenblickliche Glücksache" und erzählt von einem Bekannten, der kürzlich verstorben ist. "Dem ging es lange genauso gut wie mir, bis dann ganz plötzlich die Zahl der T-Helferzellen2 rapide abnahm."

Zahl der Viren unterhalb der Nachweisgrenze

Prof. Jürgen Rockstroh und "Anke Müller"; Rechte: WDR/hallbergBild vergrößern

Gute Nachricht: Die Viruslast ist gering

"Keiner kann ausschließen, dass das Immunsystem irgendwann die Kontrolle über die Krankheit verliert", sagt Rockstroh. Denn im Alter nehmen die Abwehrkräfte ab, insbesondere, wenn altersbedingte Krankheiten wie Diabetes auftreten. "Es gibt noch große Fragezeichen, weil unsere Erfahrungen mit HIV-Positiven nur über einen Zeitraum von 25 Jahren reichen." Alle drei Monate lässt sich Anke Müller bei Professor Rockstroh Blut abnehmen, um ihre Immunität zu überprüfen. Die ist jedes Mal hervorragend: Die Viruslast in ihrem Körper liegt unter der Nachweisgrenze und die Zahl der T-Helferzellen höher als bei manchem Gesunden.

Genetische Faktoren

Warum? Das wissen die Forscher noch nicht genau. Offenbar spielen genetische Faktoren eine Rolle. Anke Müller beispielsweise ist HLA B27-positiv, das heißt, sie hat bestimmte Moleküle auf ihren weißen Blutkörperchen, die den Übergang von der HIV-Infektion zur Aidserkrankung verzögern. Hinzu kommt ein weiterer für sie günstiger Umstand: Rezeptoren, an die sich die HI-Viren binden müssen, bevor sie eine Immunzelle befallen können, sind bei der 48-Jährigen durch einen genetischen Defekt verändert. Die tödlichen Viren können deshalb nicht richtig andocken, somit nicht in die T-Helferzellen gelangen und sie zerstören.

Was macht immun?

Plakat zur Aids-Forschung; Rechte: WDR/hallbergBild vergrößern

Auf der Suche nach neuen Therapien

Wenn Anke Müller sich Blut abnehmen lässt, dann auch für wissenschaftliche Zwecke. Forscher wollen herausfinden, welche genetischen Veränderungen sie und andere Langzeitüberlebende immun gegen Aids macht. Ziel ist, neue Medikamente und einen Impfstoff zu entwickeln. Die Rechnung scheint aufzugehen: Seit kurzem ist ein Präparat mit Rezeptor-Blockade auf dem deutschen Markt, das den Eintritt des HI-Virus in die Zelle verhindert. Und im Gespräch ist die Zulassung einer weiteren Substanz, die die Integration des Virus-Genoms in die T-Helferzelle und damit die Vermehrung des Virus hemmt.

"Ich bin eine Ausnahme"

Aids-Schleife auf Jacke; Rechte: WDR/HallbergBild vergrößern

Müller: HIV-Positive sind diskriminiert

Anke Müller ist eine Frau, die gerne lebt - und viele Infizierte, darunter Freunde und Bekannte, überlebte. Vor einem hat sie Angst: "Dass andere aus meinem Fall den Schluss ziehen, sie bräuchten sich nicht zu schützen." Wiederholt weist die Bonnerin darauf hin, dass sie eine Ausnahme ist, dass eine HIV-Infektion immer noch unheilbar ist. Dass es wichtig ist, sich mit Kondomen zu schützen. Und sie erklärt, warum sie lieber anonym bleiben will: "Leider ist es so, dass HIV-Positive immer noch diskriminiert werden."

* Name geändert (Anm. d. Red.)

Stichwörter

1 Aids
Anfang der 80er Jahre tauchte eine unbekannte Krankheit auf: Das erworbene Immunschwäche-Syndrom (Acquired Immune Deficiency Syndrome), abgekürzt Aids. Die typischen Symptome wurden erstmals 1981 bei Patienten in Los Angeles festgestellt, ein Jahr später in Deutschland. 1983 entdeckten der Franzose Luc Montagnier und der US-Amerikaner Robert Gallo das Virus, das später den Namen Human Immuno-Deficiency Virus (HIV) erhielt.

1984 wurde ein Aids-Test auf der Basis von Antikörpern entwickelt, das Ausmaß der Epidemie-Gefahr langsam erkannt. HIV wird auf vier Wegen übertragen: Durch ungeschützten Geschlechtsverkehr, durch verunreinigte Injektionsnadeln, durch Blut oder Blutprodukte und durch die schwangere oder stillende Mutter auf ihr Kind. Ist ein Mensch infiziert, produziert sein Abwehrsystem Antikörper, die aber weitgehend wirkungslos bleiben. Ohne weitere Behandlung bricht das Immunsystem nach durchschnittlich zehn Jahren zusammen.

Es folgt die Aids-Erkrankung, die unweigerlich zum Tode führt. Antiretrovirale Medikamente, die seit 1996 auf dem Markt sind, können den tragischen Krankheitsverlauf verändern, Aids aber nicht heilen.Die Medikamente hemmen die Vermehrung der Viren im Körper, halten die Zerstörung des Immunsystems auf. Folgekrankheiten wie Krebs und Tuberkulose werden seltener. Wie lang die Wirkung anhält, ist noch unbekannt.

Es ist Ziel der Vereinten Nationen, Regierungen und Hilfsorganisationen, die Medikamente auch den Millionen Aids-Infizierten in Afrika und anderen armen Ländern zukommen zu lassen. Dafür steht das Motto des diesjährigen Welt-Aids-Tages am 1.Dezember: "Leben und leben lassen".

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2 T-Helferzellen
T-Helferzellen sind ein wichtiger Bestandteil des Immunsystems. Sie gehören zu den weißen Blutkörperchen. Die Zellen zirkulieren ständig im Blut und erkennen Fremdkörper an deren Oberfläche. Ist der Eindringling einmal ausgemacht, alarmieren die T-Helferzellen das Immunsystem. Es gibt verschiedene T-Helferzellen, die jeweils zu den unterschiedlichen Krankheitserregern passen. Sie stimulieren andere Zellen des Immunsystems, Antikörper gegen die jeweils krank machenden Faktoren zu bilden. Ohne diese hilfreichen Zellen wird unser Körper schnell krank. So befällt zum Beispiel das Aids-Virus die T-Helferzellen und beeinträchtigt das Immunsystem. Damit hat der Körper einen weniger wirksamen Schutz gegen Krankheitserreger.

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Stand: 01.12.2007, 00:01 Uhr



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