Von Elke Silberer
Genau genommen war Opa Martin schuld. Der hatte früher seine kleine Enkelin Kirsten zum Drachensteigen mitgenommen. Heute ist Kirsten Sauer 42 Jahre alt und baut Drachen, bei deren Anblick sich die alte Generation verwundert die Augen reibt.
Statt Holz und Papier verwendet die Frau Segeltuch und Carbon. Die klassische "Eddy"-Form mit Kreuzgerüst hat bei ihr keine Chance. Die metergroßen Schöpfungen von Kirsten Sauer sind Wesen und Kreaturen aus der Sience-Fiction-Welt. Sie bezeichnet sich selbst als Drachenkünstlerin und gehört damit in Deutschland zu einer sehr kleinen Szene.
Bei grauem, nasskaltem Winterwetter lässt Kirsten Sauer auf einer Aachener Wiese ihren "Heimatplaneten" steigen. Der Planet ist eine Art "Teller" mit einem Durchmesser von zwei Metern und wiegt nur 600 Gramm. "Es gibt keine Saison für Drachen. Drachen können in jeder Jahreszeit fliegen", widerspricht sie dem Klischee, Herbst und Drachensteigen gehören untrennbar zusammen. Federgewicht und stabile Haut aus Segeltuch machen das Flugobjekt zu einem Jahres-Allrounder, der schon bei kleinen Windböen aufsteigt und bei starkem Wind nicht gleich kaputt geht.
Das geringe einfallende Tageslicht an diesem tristen Tag reicht aus, um den von ihr gelb bemalten "Planeten" mit seiner fiktiven Struktur hell leuchten zu lassen. Der zehn Meter lange Schweif aus transparentem Organza schlängelt elegant wie eindrucksvoll Figuren.
"Durch dieses Bild, das ich an den Himmel bringe, nehmen die Menschen den Himmel erst wahr", sagt die Drachenbauerin. Als "Wind- Künstlerin" versteht sie sich als entfernte Verwandte der Land-Art-Künstler, die Kunst und Landschaft zusammenfügen. An schöneren Tagen recken immer Menschen ihre Hälse und schauen dem Spiel ihres Drachens im Wind zu. Sauers Gebilde "vom anderen Stern" sind keine Lenkdrachen, sondern bewegen sich gar nicht steuerbar an einer Leine frei im Wind.
"Ende der 80er Jahre gab es einen Boom von Lenkdrachen", sagt die Frau mit dem Künstlernamen "kisa". Vor allem Männer verstanden Lenkdrachen als sportliche und technische Herausforderung. In den Werkstätten trieben die Drachenbauer die technische Entwicklung der Flugobjekte voran. In dieser Zeit baute auch die gelernte Theaterplastikerin ihren ersten Lenkdrachen.
Mit einigen anderen begann sie sehr bald, den Drachen als Kunstobjekt zu gestalten. "Wir nutzten das fliegende Objekt als Medium", sagt die Aachenerin. Das war eine Entwicklung, die sich auch international bemerkbar machte.
Von Physik habe sie nicht viel Ahnung, gibt sie zu. Ein Grundsatz für einen gut gebauten Drachen ist die Symmetrie. Mit kreativer Waghalsigkeit experimentiert sie damit: Bei dem tanzenden Paar in Frack und Ballkleid musste sie den schwingenden Rock bis zu einem ausgewogenen Verhältnis zum schwarz gekleideten Herrn kappen. Figuren wie dieses Paar oder die "Skywalkerin" - eine Frau, die mit weit ausholenden Schritten den Himmel abschreitet - sind ihr zweiter Arbeitsschwerpunkt. In ihrer Werkstatt baut sie zunächst kleine Modelle, die auf ihre Flugfähigkeit getestet werden.
Vor kurzem ist Kirsten Sauer mit ihren Drachen in ein völlig neues Medium vorgedrungen: Sie hat ein Modell entwickelt, das für die Luft und fürs Wasser tauglich ist. In der internationalen Szene hatte sich das schnell herumgesprochen. Amerikaner bezahlten dafür, den Drachen nachbauen zu dürfen.
kisa.Stand: 08.01.2007, 14:22 Uhr
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