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"Die Simpsons sind Weltliteratur"

Litcologne 2008: Symposium über eine TV-Zeichentrickserie

Literaturfestivals drehen sich ausschließlich um Bücher? Nicht unbedingt. Am Donnerstag (06.03.08) geht es bei der Litcologne um die Zeichentrickserie Die Simpsons. Kunsthistoriker Henry Keazor referiert über ihre kulturelle Bedeutung.

1989 gingen die kleinen gelben Männchen zum ersten Mal auf Sendung, inzwischen sind die Simpsons die am längsten laufende Zeichentrickserie Amerikas. Auch im deutschen Fernsehen treiben Homer, Bart und Co. seit 1991 ihr Unwesen, 2007 erschien der erste Kinofilm: "Die Simpsons - Der Film". Nicht nur Kinder, auch Erwachsene schalten ein, wenn die prägnante Titelmelodie erklingt - und machen sich viele Gedanken über den Mikrokosmos, den die Bewohner der fiktiven Stadt Springfield bilden. Einer von ihnen ist der Kunsthistoriker Henry Keazor, der an der Universität Frankfurt lehrt.

WDR.de: Wieso ist eine Zeichentrickserie Thema für ein Literaturfestival?

Kunsthistoriker Henry Keazor; Rechte: Henry KeazorBild vergrößern

"Die Simpsons prägen unsere Kultur"

Henry Keazor: Die Simpsons sind in gewisser Weise Teil der Weltliteratur geworden, ein Phänomen, das über das Genre der Fernsehserie weit hinausgeht. Das sieht man schon daran, wie viele Intellektuelle sich mit der Serie beschäftigen und dort auch mitspielen. Außerdem gibt es sehr viel Literatur zum Thema, und zwar der unterschiedlichsten Art. Eine Fernsehserie hält zum Lesen an - das geschieht nicht oft.

WDR.de: Was fasziniert Kunsthistoriker an den Simpsons?

Keazor: Kunsthistoriker interessieren sich zunehmend für Film und Fernsehen, denn dort werden Bilder geschaffen, die ganz stark unser Bewusstsein und unsere Alltagskultur prägen. Bei den Simpsons kommt noch dazu, dass sich die Serie immer wieder mit anderen Kunstwerken auseinandersetzt. Es wird sehr viel zitiert, imitiert und parodiert, und dadurch werden Kunsthistoriker angefüttert. Dabei ist es immer wieder erstaunlich, wie weit die Produzenten der Serie gehen. So wurde etwa der Künstler Jasper Johns eingeladen, sein Zeichentrick-Pendant zu sprechen - in einer Folge, in der er als notorischer Kunstdieb dargestellt wird. Dass Johns das mitgemacht hat, zeigt, welchen Stellenwert die Serie inzwischen hat.

WDR.de: Sie haben Arbeiten veröffentlicht über Künstler des 16. Jahrhunderts. Passt das zusammen?

Comic-Familie Simpsons; Rechte: 20th Century FoxBild vergrößern

Parallelen zu Barockmalern

Keazor: Ja. Denn ich beschäftige mich besonders mit Barockmalern, die sich mit anderen Künstlern auseinandergesetzt haben. Wie etwa Nicolas Poussin, der sehr stark in die Antike und auf Raffael geschaut hat. Das kann man auch bei den Simpsons beobachten. Auch dort setzt man sich mit vorangegangener Kunst auseinander, um daraus etwas Neues zu schaffen. Kunst ist immer Kunst über Kunst - man betrachtet die Arbeiten der Vorgänger und reflektiert, was bis jetzt zum Thema geschaffen wurde.

WDR.de: Werden Sie von Ihren Kollegen schief angesehen, wenn Sie sich einem profanen Thema wie einer Fernsehserie widmen?

Keazor: Kollegen, die die Simpsons nicht kennen, belächeln mich und finden das bizarr. Allerdings: Wenn ich denen zeige, warum ich mich damit beschäftige, leuchtet das ihnen sofort ein und sie sind begeistert. Es reizt mich, aufzuzeigen, dass die Simpsons keine alberne Kinderserie sind, sondern dass da sehr viel drinsteckt.

WDR.de: In der Serie wird nicht nur Bezug auf bekannte Kunstwerke genommen, sondern auch auf Politik und Gesellschaft. Sind die Simpsons also Bildungsfernsehen?

Filmszene: Comifigur Homer Simpson mit Frau auf Motorrad; Rechte: 20th Century FoxBild vergrößern

"Pädagogischer Funke wird entzündet"

Keazor: Ein kleines bisschen schon. Das ist das Subversive daran. Man kann die Simpsons auch anschauen, ohne die ganzen Bezüge und Verweise zu entdecken - dann ist es nur eine lustige und originelle Cartoonserie für Kinder. Aber die meisten Episoden sind auf verschiedenen Niveaus angesiedelt. Je tiefer man einsteigt, desto mehr kann man finden, und es ist sehr spannend, den verschiedenen Verweisen und Zitaten nachzugehen. Die können mal sehr offensichtlich und bekannt sein, mal sind sie nur für Insider zu entschlüsseln. Das zeigen die vielen Websites, die sich mit der Serie beschäftigen. Dort recherchieren hautpsächlich junge Leute und berichten beispielsweise von den Büchern, die sie sich gekauft haben, weil sie in der Serie thematisiert wurden. Daran sieht man, dass durch die Simpsons eine Art pädagogischer Funke gezündet wird.

WDR.de: Also sollten Schüler mehr Simpsons sehen, um unsere PISA-Bilanz zu verbessern?

Keazor: Das wäre vielleicht nicht der schlechteste Weg. Denn dort findet ja kein dröges Dozieren statt, sondern ein Spiel mit Verweisen. Und solche Spiele machen einfach mehr Spaß.

WDR.de: Was ist Ihr Lieblingszitat bei den Simpsons?

Keazor: Ich finde die häufig wiederkehrenden Parodien und Zitate auf Stanley Kubricks Film 2001 großartig. Es erstaunt mich immer wieder, in welch ungewöhnlichen Momenten Verweise auf diesen Film untergebracht werden. Hier werden die filmischen Vorlieben der Produzenten sehr deutlich.

WDR.de: Und welche Figur mögen Sie am liebsten?

Filmszene: Comicfigur Lisa Simpson; Rechte: 20th Century FoxBild vergrößern

"Intellektueller Leuchtturm"

Keazor: Die Tochter Lisa. Sie ist zwar eine ewige Besserwisserin, aber mir ist sympathisch, wie sie in dieser Familie den intellektuellen Leuchtturm darstellt, gleichzeitig aber genauso viel Spaß an der brutalen Fernsehserie "Itchy & Scratchy" hat wie ihr Bruder Bart. Zudem zeigt sie sehr viel Verständnis für ihren Vater und ihre ambitionslose Mutter. Das macht sie zum spannendsten und vielfältigsten Charakter.

Das Interview führte Ingo Neumayer.

Das Simpsons-Symposium im Rahmen der Litcologne findet am Donnerstag (06.03.08) statt. Um 21.00 Uhr legt das Literaturschiff an der Frankenwerft ab. Neben Henry Keazor mit dabei die Schriftsteller Jakob Hein und Falko Hennig, der Journalist Willi Winkler sowie Synchronsprecherin Sandra Schwittau, die Bart Simpson ihre Stimme leiht.

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Stand: 06.03.2008, 06:00 Uhr


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