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Sie befinden sich hier: > WDR.de > Kultur > Filmpreis Köln für Roman Polanski


Kölner Filmpreis muss auf Polanski warten

Interview mit dem Medienwissenschaftler Lutz Hachmeister

Eigentlich sollte der Regisseur Roman Polanski am Samstag (03.10.09) den "Filmpreis Köln" erhalten. Er sitzt jedoch seit einigen Tagen in der Schweiz in Haft, weil er 1977 in den USA eine 13-Jährige vergewaltigte. Der Medienforscher Lutz Hachmeister kritisiert die Festnahme.

Roman Polanski; Rechte: dpaBild vergrößern

Roman Polanski

Der von der Filmstiftung NRW und der Stadt Köln gestiftete Filmpreis ist mit 25.000 Euro dotiert. Er wird jährlich im Rahmen des Fernseh- und Filmfestes Cologne Conference an einen herausragenden Filmkünstler vergeben. 2009 heißt der Preisträger Roman Polanski. Doch der wird nicht kommen - am Samstag (26.09.09) war Polanski bei seiner Einreise in die Schweiz wegen eines US-Haftbefehls festgenommen worden.

Der 76-Jährige wollte auf dem Zürcher Filmfestival den Preis für sein Lebenswerk entgegennehmen. Polanski wird die Vergewaltigung einer 13-Jährigen vorgeworfen, der er zuvor Drogen gegeben haben soll. Der Regisseur bekannte sich in der Vergangenheit zu der Tat vor 32 Jahren in den USA - vorsätzliche Vergewaltigung verjährt dort nicht. WDR.de sprach mit dem Gründer der Cologne Conference, dem Medienwissenschaftler Lutz Hachmeister, über die Vorfälle.

WDR.de: Wie bewerten Sie die Verhaftung von Roman Polanski in der Schweiz?

Lutz Hachmeister; Rechte: dpaBild vergrößern

"Zwei Dinge auseinanderhalten"

Lutz Hachmeister: Ich denke, man muss zwei Dinge auseinanderhalten. Den formaljuristischen Vorgang und die Art und Weise, wie es passiert ist. Die öffentliche Meinung ist ja auch zwiegespalten. Man kann argumentieren, dass es eine nachgeholte Gerechtigkeit ist, dass er eine Straftat begangen hat, vor der er aus den USA geflohen ist, und dass ihn nun verspätet mit dem Zugriff der Schweizer Justizbehörden diese Vergangenheit einholt. Auf der anderen Seite bin ich sehr dezidiert der Meinung, dass die Art und Weise, in der diese Festnahme geschehen ist, einfach unwürdig ist. Jemanden, der sich bekanntermaßen öffentlich über Jahre in der Schweiz aufgehalten hat, ausgerechnet dann festzunehmen, wenn er einen Preis auf einem Filmfestival entgegen nehmen soll, das ist einfach sehr schlechter Stil.

WDR.de: Die Schweizer Justizministerin Eveline Widmer-Schlumpf hat gesagt, dass Roman Polanski nun mit Ankündigung eingereist sei im Gegensatz zu seinen vorherigen privaten Aufenthalten in der Schweiz.

Hachmeister: Das ist grober Unfug. Roman Polanski ist eine prominente Persönlichkeit und hat in weiten Teilen des Jahres ein Chalet in Gstaad bewohnt. Die Vermutung, dass die Schweiz den USA einen Gefallen tun wollte, liegt doch sehr nah.

WDR.de: In Ihrer Begründung für den Filmpreis Köln heißt es, Polanskis Biografie biete "selbst Stoff für gleich mehrere Spielfilme". Einer davon könnte von der Tat im Jahr 1977 handeln, die ihm zur Last gelegt wird. Hat das bei Ihrer Preisvergabe eine Rolle gespielt? Wurde es kontrovers in Ihrer Jury diskutiert?

Hachmeister: Nein, eigentlich nicht. Wir - und da kann ich auch für die Stadt Köln und die Filmstiftung NRW sprechen - waren übereinstimmend der Meinung, dass eine Tat, die mehr als 30 Jahre zurückliegt, gesühnt ist, unabhängig von der Flucht Polanskis, die etwas mit dem absonderlichen Verhalten des Richters in dem Fall zu tun hatte. Wir haben uns nicht weiter damit auseinandergesetzt, dass die Verführung von Minderjährigen oder Sex mit Minderjährigen gegen ihren Willen eine verwerfliche Tat ist, das liegt ohnehin auf der Hand. Aber wie alles muss auch das irgendwann gesühnt sein.

Wir haben uns sehr stark auf den Umstand konzentriert, dass der Filmpreis Köln explizit ausgewiesen ist für die Ästhetik der audiovisuellen Medien und da ist Roman Polanski unstrittig einer der Regisseure des Weltkinos, der außergewöhnliche Filme hervorgebracht hat. Es war keine Diskussion, dass er den Preis in vollem Umfang verdient.

WDR.de: Inwiefern ist die Tat gesühnt?

Dreharbeiten zu Polanskis Film 'Der Pianist' 2001 in Warschau; Rechte: dpaBild vergrößern

"So viel Zeit vergangen"

Hachmeister: Zum einen muss man zur Kenntnis nehmen, dass ihm das Opfer selbst verziehen und offensiv dafür plädiert hat, dass er in die USA einreisen darf, um den Oscar für "Der Pianist" entgegen zu nehmen, mit dem er seine Erlebnisse im Krakauer Ghetto reflektiert. Das ist ein starker Punkt in dem Fall, obwohl es formaljuristisch keine Rolle spielt - die Gesetze gelten unabhängig von der jeweiligen Haltung des Opfers. Wenn aber alle Beteiligten sagen, es ist soviel Zeit vergangen, wir müssen mit dieser Sache zu einem Erinnerungsende kommen, dann sollte die Justiz das zur Kenntnis nehmen. Man muss auch sehen, dass es bereits 1978 ein Verfahren in den USA gab und eine Einigung erzielt wurde. Der Fall wäre ja laut dieser Einigung in den USA mit einer Haftstrafe von 90 Tagen abgeschlossen worden. Der Richter hat jedoch aus einem Verlangen nach eigener Publicity die Vereinbarung gebrochen, und Polanski drohte eine längere Haft. Daraufhin hat Polanski die USA fluchtartig verlassen. Wir hätten diese Folgegeschichten nicht, wenn es ein vernünftiges Verfahren gegeben hätte.

WDR.de: Oder wenn sich Roman Polanski nicht durch Flucht entzogen hätte.

Hachmeister: Das kann man auch sagen. Nun ist es sehr schwer, ein Verhalten, das 30 Jahre zurückliegt, psychologisch zu beurteilen, da spielt auch Polanskis Biografie eine Rolle. Aus reiner Vernunft heraus haben Sie Recht, da hätte er dableiben sollen, um ein vernünftiges Resultat in diesem misslichen Fall und für sein Vergehen zu erreichen, aber so war es eben nicht.

WDR.de: Sie hatten für Freitag ein Werkstattgespräch mit Roman Polanski auf der Cologne Conference geplant - wie sieht ihr geändertes Programm aus?

Hachmeister: Wir haben uns entschlossen, stattdessen den preisgekrönten Dokumentarfilm von Marina Zenovich"Roman Polanski: Wanted and Desired" aus dem Jahr 2008 zu zeigen. Er schildert sehr fair und sehr gründlich die damaligen Vorfälle und das anschließende groteske Gerichtsverfahren.

WDR.de: Wird der Filmpreis Köln einer der Polanski-Preise sein, die er nicht persönlich entgegen nimmt, ähnlich wie der Oscar 2003? Oder werden Sie mit der Überreichung warten?

Hachmeister: Wir werden warten, bis Roman Polanski wieder in Freiheit ist, und ihm den Preis persönlich übergeben. Entweder in Paris oder bevorzugt hier in Köln. Wir werden uns dann aber vorher genau erkundigen, wie die juristischen Begleitumstände sind. Aber ich denke, er wird nicht ein zweites Mal festgenommen und auch nicht in Deutschland.

Das Gespräch führte Sabine Tenta.

Stand: 30.09.2009, 12:42 Uhr


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