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Dienstag, 09.02.2010

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Faszination Buddhismus

Individualismus und ein optimistisches Weltbild

Kritiker tun den Buddhismus in Europa als Trendreligion ab. Doch westliche Buddhisten tragen das mit Gelassenheit. Warum sich immer mehr Menschen der Lehre Buddhas zuwenden, erklärt der Religionsforscher Michael von Brück.

WDR.de: Herr von Brück, Sie lehren Religionswissenschaft in München und sind einer der renommiertesten Buddhismus-Experten in Deutschland. Warum fasziniert der Buddhismus so viele Menschen im Westen?

Porträt Michael von Brück; Rechte: Ludwig-Maximilians-Universität MünchenBild vergrößern

Michael von Brück

Michael von Brück: Der Buddhismus präsentiert sich als eine rationale Religion ohne Dogmen. Er betont die Bedeutung der eigenen Erfahrung und setzt auf das Experiment mit der eigenen Lebensweise. Das ist für Menschen im Westen attraktiv. Dazu kommt, dass die Lehre Buddhas mit den modernen Wissenschaften bestens zu vereinbaren ist. Sie ruft dazu auf, Erkenntnis immer wieder zu überprüfen. Schon Buddha hat der Überlieferung nach seine Schüler ermahnt, nichts kritiklos zu übernehmen.

WDR.de: Viele deutsche Buddhisten betonen, dass für sie die Autonomie des Individuums besonders wichtig ist.

von Brück: Darin liegt in der Tat eine große Anziehungskraft. Die buddhistische Lehre geht davon aus, dass sich jeder Mensch durch eigenverantwortliches Bewusstseinstraining verändern kann. Dem liegt ein optimistisches Weltbild zugrunde, ohne angeborene Sünde. Durch Einsicht und Erfahrung kann jeder zur Reife gelangen, denn er trägt den Samen der Buddhaschaft in sich. Er muss ihn nur entwickeln. Das vollbringt der Mensch allerdings nicht im Alleingang, sondern in der Gemeinschaft der Übenden.

WDR.de: Spielt diese Gemeinschaft auch für Buddhisten im Westen eine Rolle?

Lesende deutsche Buddhisten bei einer Versammlung; Rechte: dpaBild vergrößern

Gemeinsam auf Sinnsuche

von Brück: Durchaus. Die buddhistische Form der Gemeinschaft scheint Westlern entgegenzukommen. Der Buddhismus hat in Europa Strukturen gebildet, die seine Anhänger nicht vereinnahmen. In den kleinen buddhistischen Zentren, die es hier gibt, findet man so viel Gemeinschaft, wie man möchte und so viel Distanz, wie man braucht. Und in Differenz zu christlichen Gemeinden finden die Gläubigen hier Menschen, die alle das gleiche wollen: Sie suchen nach einer ganz bestimmten spirituellen Erfahrung, nach einem sinnerfüllten Leben.

WDR.de: Auch charismatische Persönlichkeiten wie der Dalai Lama üben ja offenbar eine große Anziehungskraft aus.

von Brück: Der Buddhismus kommt mit Namen und Gesichtern in unsere an Vorbildern arme Gesellschaft. Persönlichkeiten wie der Dalai Lama beeindrucken die Menschen, weil sie keine Bücherweisheiten verbreiten, sondern mit ihrer Lebensweise ein Vorbild sind. Die christlichen Mystiker kennt man aus Büchern - die buddhistischen "Meister" erlebt man. Die verschiedenen Schulen des Buddhismus, die diese Meister in ihren Heimatländern vertreten, lagen übrigens in der Vergangenheit durchaus in heftigem Streit miteinander. Im Westen wird dieser Streit jedoch meist nicht wahrgenommen, weil er leise geführt wird - mit Argumenten und nicht mit Parolen.

WDR.de: Wie empfinden denn die asiatischen Buddhisten das Interesse der Menschen im Westen?

von Brück: Mit gemischten Gefühlen. Einerseits ist die Ausbreitung der Lehre natürlich ein Ziel, auch wenn der Buddhismus in der Regel nicht missioniert. Es gibt aber durchaus die Befürchtung, die Lehre könnte zu sehr verwässern und sich der westlichen Welt anpassen.

WDR.de: Und warum betont der Dalai Lama, ein Wechsel der Religion sei überflüssig?

von Brück: Die buddhistische Tradition besagt, dass die Form, in der ein Mensch lebt, nicht zufällig ist. Sie beruht auf Karma und ist die Frucht einer früheren Existenz. Es wäre also falsch sie zu wechseln. Zudem geht der Buddhismus zwar davon aus, dass nur der buddhistische Weg zur Erleuchtung führt. Doch um ihn zu gehen, muss man kein Buddhist sein. Eine positive Praxis, das richtige Handeln, reicht aus. Es gibt keinen Druck zur Konversion.

WDR.de: Viele Menschen im Westen - auch Buddhisten - empfinden den Buddhismus nicht als Religion, sondern als Philosophie oder Lebensanschauung.

von Brück: Die Lehre Buddhas ist mehr als Philosophie, Lebensanschauung und Psychologie. Sie hat eine Kultgemeinschaft hervorgebracht, sie ermöglicht eine Gesamtdeutung des menschlichen Lebens, und sie motiviert Menschen, ihr ganzes Leben an den Prinzipien des Buddhas auszurichten. Damit ist sie definitiv eine Religion - wenn auch eine Religion ohne Gott.

Die Fragen stellte Suska Döpp

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Stand: 11.01.2008, 06:00 Uhr


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