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Dienstag, 09.02.2010

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Im Supermarkt der Religionen

"Calvary Chapel" und "Christenzentrum": Vielfalt am Rande

Von Marion Kretz-Mangold

Sie schießen wie Pilze aus dem Boden: religiöse Gruppierungen, die sich "christlich" nennen, aber nur sehr wenig mit dem klassischen Christentum zu tun haben. Eine "wahnsinnig spannende Entwicklung", wie Experten finden - aber auch bedenklich.

Frauen, die mit erhobenen Händen beten; Rechte: dpaBild vergrößern

Enthusiastische Frömmigkeit

Anskar, Branham, Calvary Chapel? Nie gehört? Und was ist mit der Kirche Gottes, nicht zu verwechseln mit den Vereinten Kirchen Gottes? Auch nicht? Kein Wunder: Ständig tauchen neue religiöse Gruppen in Nordrhein-Westfalen auf, und selbst Experten können kaum Schritt halten. "Wir haben eine weit ausdifferenzierte Religionskultur mit einer wahnsinnigen Dynamik", sagt Andrew Schäfer, Sektenbeauftragter der Evangelischen Kirche im Rheinland. "Das ist eine sehr spannende Entwicklung."

Ganz besondere Glaubensangebote

Schon die klassischen Freikirchen und kleinere, längst etablierte Kirchen wie Alt-Katholiken1 oder Anglikaner2 tragen zu einer Vielfalt bei, die Angehörige der großen Amtskirchen verwirren können. Die wurde mit den Spätaussiedlern, die sich Baptisten3 oder Mennoniten4 nennen, mit den alteingesessenen Kirchen aber oft kaum etwas gemein haben, noch größer. Aber ganz am Rande der Religionslandschaft tauchen immer mehr Gruppierungen auf - mit speziellen Glaubensangeboten, die Sekten-Experten aufhorchen lassen.

Das Heil liegt in der Gemeinschaft

Der Begriff "Sekte" ist zwar verpönt, stattdessen hat eine Enquete -Kommission des Bundestages den Begriff "Neue, religiöse und ideologische Gemeinschaften und Psychogruppen" eingeführt. "Aber in der Öffentlichkeit ist der Begriff 'Sekte' immer noch präsent", so Christoph Grotepass vom Verein "Sekten-Info Nordrhein-Westfalen". An den äußeren Merkmalen hat sich ohnehin nichts geändert: "Sekten haben diese radikale Exklusivität und sagen, nur wer zu uns gehört, hat das Heil", definiert Reinhard Hempelmann, Sektenbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), den Begriff. Das heißt: Kritik wird abgeschmettert, das Privatleben wird ins Kleinste vorgeschrieben, wer gehen will, wird unter Druck gesetzt.

Die "Zeugen Jehovas" bleiben unter Beobachtung

Männer werden in einem Schwimmbecken untergetaucht; Rechte: dpaBild vergrößern

Massentaufe in Dortmund

Eine Gemeinschaft, die seit Jahren im Visier der Sektenbeauftragten ist, sind die "Zeugen Jehovas" - mit 450 Gemeinden eine der größten in NRW. Sie fällt besonders ins Auge, weil ihre Mitglieder so präsent sind: Sie stehen an der Straße, den "Wachtturm" in der Hand, und gehen von Tür zu Tür, um neue Mitglieder zu werben. Sie machen auch immer wieder Schlagzeilen: wenn sie Bluttransfusionen verweigern oder jahrelang vor Gericht darum kämpfen, als Körperschaft des Öffentlichen Rechts anerkannt zu werden. 2006 hatten sie in Berlin Erfolg damit, jetzt läuft ein Antrag in NRW - ein kleiner Schritt in Richtung Gleichstellung. "Aber die Anerkennung hat an der Missionierungsstrategie und an der Lehre nichts geändert", betont Sabine Riede vom Sekten-Info NRW. Die Mitglieder sind die Guten, die Außenwelt ist böse, die Führung hat absolute Autorität, und nur wer sich an die Lehre hält, wird vor dem Weltenende gerettet: Wer das nicht mehr akzeptieren will, bekommt Schwierigkeiten. "Wir haben es oft mit jungen Erwachsenen zu tun, die in dieser Gemeinschaft aufgewachsen sind und durch den Kontakt mit Andersdenkenden ihre Sichtweise und ihren Lebensstil verändert haben" berichtet Riede. "Die müssen die Gruppe verlassen."

Strenge Grundsätze, straffe Strukturen

Die "Zeugen" sind aber schon seit Jahren in Deutschland, umstritten, aber festverwurzelt. Daneben gibt es etliche neue Gruppierungen, die die Sekten-Experten im Auge behalten. Die "Calvary Chapel" mit einem Zentrum in Siegen etwa oder die "Internationale Gemeinde Christi" mit Gottesdienststätten in Köln und Düsseldorf, die als "sehr sektiererisch" eingestuft werden. Dazu das "Christuszentrum Ruhrgebiet", eine pfingstlich-charismatische5 Freikirche, die selbst von strengen Freikirchen wegen ihres Kurses abgelehnt wird. Sie arbeitet mit der "christlichen Gemeinde Köln" zusammen, die ein amerikanisches Ehepaar gegründet hat - eine "problematische Gruppierung", wie Grotepass vom Sekten-Info NRW findet. Oder die neue "Glaubensgeneration" mit Sitz in Duisburg: Sie missioniert stark unter Spätaussiedlern, Russlanddeutschen, versucht auch gezielt jüdische Aussiedler zu gewinnen. "Die greifen mit klaren Anweisungen in das Privatleben ein." Allesamt Gruppen mit strengen Glaubensgrundsätzen, einer straffen Struktur und wenig Interesse an der Ökumene.

Koreanischer Gehorsamkeitsanspruch

Das Ehepaar Mun bei einer Massenhochzeit; Rechte: dpaBild vergrößern

Das "himmlische Paar" Mun

Auffallend viele dieser Gruppen sind "Importe" aus den USA oder Korea - Folge der Globalisierung, die auch die Religionen erfasst hat. Vor allem die Koreaner sind sehr aktiv, bauen Gruppen mit einem "typischen Gehorsamsanspruch" auf, "die sich zu einem gewissen Grade der koreanischen Kultur verdankt" - nicht etwa Aussagen der Bibel, wie Sektenbeauftragter Andrew Schäfer betont. Die "Vereinigungskirche", landläufig als "Mun"-Sekte bekannt, ist mit zwei Gemeinden in Bonn und Düsseldorf vertreten. Und im Ruhrgebiet hat Grotepass die "Kirchengemeinde Gottes - Der Weltverein" entdeckt - eine Variante der "Vereinigungskirche" sozusagen, mit anderem Namen, aber derselben Überzeugung: Sie muss Jesus' Aufgabe zu Ende bringen und alle Menschen im Glauben vereinen. Grotepass: "Die missionieren neuerdings in Essen und versuchen da sogar Jugendliche anzusprechen."

Auch die "Universität Bibel Freundschaft" (UBF) ist trotz interner Kritik und Abspaltungen noch aktiv, vor allem in Bonn. Die Gruppe darf zwar nicht mehr an den Hochschulen missionieren, aber dafür versucht sie jetzt, unter Gymnasiasten Anhänger zu werben. Der Sektenbeauftragte Andrew Schäfer berichtet von einem "erheblichen psychischen, zum Teil auch physischen Druck": "Nach dem Ende der Mitgliedschaft kann es Jahre dauern, bis eine normale bürgerliche Existenz mit Berufstätigkeit wieder aufgenommen werden kann."

Annäherung in kleinen Schritten

Aber nicht alle Gruppen, die in NRW Anhänger finden, sind "Sekten" in klassischem Sinne - manche sind einfach nur fremd. Der evangelische Sektenbeauftragte Andrew Schäfer erinnert sich an eine Podiumsdiskussion mit einem Mitglied der "Vineyard"-Bewegung, die nur schwer in Gang kam, "weil wir uns in allen Punkten einig waren." Die Gemeinschaft, ein Ableger der "Calvary Chapel", ist inzwischen auch in Aachen akzeptiert: Sie hat eine katholische Kirche übernommen und zur Eröffnung ein großes Fest mit den Nachbarn gefeiert. Und die "Neuapostolische Kirche6" durchläuft gerade eine Wandlung, weg von der Sekte, hin zu einer Freikirche. "Die haben die Kritik ernst genommen, die machen eine Entwicklung durch", stellt Sabine Riede vom Sekten-Info NRW fest.

"Es sind ja nicht alle unglücklich"

Junge Frau mit Gesangsbuch in der Hand; Rechte: dpaBild vergrößern

Orientierungshilfe gesucht

Die Glaubenslandschaft ist also in Bewegung geraten - und sie werde sich noch weiter ausdifferenzieren, glaubt Andrew Schäfer. Schließlich gebe es einen zunehmenden Orientierungsbedarf angesichts einer überkomplexen Lebenswelt. Man dürfe schließlich eines nicht verkennen: "Viele wollen Orientierungshilfen. Und es sind nicht alle unglücklich, wenn sie in einer solchen Gemeinschaft sind."

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1 Alt-Katholiken

Der Papst ist unfehlbar und ist oberster Gesetzgeber und Herrscher über die Kirche: Das waren die neuen Glaubensgrundsätze, die auf dem Ersten Vatikanischen Konzil (1870) verkündet wurden und die eine Gruppe von Katholiken nicht akzeptieren wollte. Weil sie beim "alten Glauben" bleiben wollte, wurde sie exkommuniziert und gründete eigene, neue Gemeinden, vor allem an Rhein und Ruhr: die Geburtsstunde der Alt-Katholischen Kirche. Theologisch unterscheidet sie sich wenig von der römisch-katholischen Kirche; allerdings lehnt sie das Pflichtzölibat ab, propagiert die Unabhängigkeit ihrer Bischöfe und, deutlichster Unterschied, weiht Frauen zu Priestern.

Die Kirche, die als Vorreiter der Ökumene gilt und der bundesweit 26.000 Gläubige angehören, hat neun Pfarrgemeinden in NRW. An der Bonner Universität gibt es ein Alt-Katholisches Seminar; Bonn ist auch Sitz des deutschen Bischofs.

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2 Anglikaner

Weil der Papst sich weigerte, die Ehe des englischen Königs Heinrich VIII. aufzulösen, beschlossen die englischen Bischöfe, seine Autorität nicht mehr anzuerkennen: soweit die landläufige Erklärung für die Enstehung der Anglikanischen Kirche. In Wirklichkeit war die Bindung an die römisch-katholische Kirche schon lange vorher nicht mehr so eng wie in anderen Ländern: Hier galt der Grundsatz "Ecclesa Anglicana libera sit" ("Die englische Kirche soll frei sein"), und der König hatte viel mehr Freiheiten bei der Besetzung der Bistümer als andere Herrscher.

Nach der offiziellen Abspaltung wurde die Kirche dem König bzw. dem Erzbischof von Canterbury unterstellt. Die Theologie verbindet immer noch römisch-katholische und reformatorische Elemente; eine einheitliche Lehre gibt es nicht, sondern verschiedene Strömungen - von anglo-katholisch bis liberal.

In Deutschland leben heute rund 7.500 Mitglieder; in NRW gibt es Gotteshäuser in Aachen, Siegen und Düsseldorf, die die weit verstreuten Mitglieder zum Gottesdienst besuchen.

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3 Baptisten

Weil die Gläubigen frühestens als Jugendliche getauft und dabei vollkommen untergetaucht werden, haben die Angehörigen dieser Glaubensrichtung den Namen Baptisten (= "Täufer") bekommen. Weitere wichtige Merkmale: die Trennung von Kirche und Staat, der Glaube an die Bibel als Richtschnur, die Erlangung des Heils durch den persönlichen Glauben und die Nächstenliebe als höchstes Gebot.

Zwei Jahrhunderte nach ihrer Entstehung in England wurde 1834 die erste Gemeinde in Deutschland gegründet; heute gibt es bundesweit 834 Gemeinden, was die Baptisten zur größten Freikirche macht. Im "Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden" (BEFG), sind Baptistengemeinden und "Brüdergemeinden" zusammengeschlossen. In NRW gehören der Freikirche Schätzungen zufolge 21.000 Mitglieder in 130 Gemeinden an. Dazu zählen auch viele russlanddeutsche Aussiedler. Der weitaus größte Teil dieser Zuzügler bleibt aber auf Distanz zu der "etablierten" Freikirche und bildet neue, unabhängige Gemeinden.

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4 Mennoniten

Die Mennoniten haben ihren Namen von ihrem Begründer, Menno Simons (1496 - 1561). Wie viele andere Freikirchen lehnen sie die Kindstaufe ab, aber auch den Wehrdienst und den Eid. Die Bibel gilt als Grundlage für das tägliche Leben.

Mennonitengemeinden gibt es heute auf der ganzen Welt, vor allem in USA und Russland; aus der ehemaligen Sowjetunion sind viele nach Deutschland zurückgekehrt, wo sie oft eigenständige Gemeinden bilden. Die anderen, "alteingesessenen" leben zum Teil seit mehr als 400 Jahren hier, etwa in Krefeld, wo 900 Mitglieder zum Gottesdienst zusammenkommen. Ihr Dachverband ist die "Arbeitsgemeinschaft Mennonitischer Gemeinden in Deutschland" (AMG), der ökumenisch ausgerichtet ist.

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5 Pfingstlich-charismatische Gruppen

Pfingstler glauben an das besondere Wirken des Heiligen Geistes, der sich dadurch zeigt, dass er dem Gläubigen besondere Gaben (Charismen) schenkt - die Zungenrede etwa, also die Fähigkeit, in nicht verständlichen Sprachen zu sprechen. In Deutschland geht die Bewegung, die zu den weltweit am schnellsten wachsenden gehören soll und die mit ihren sehr enthusiastischen Gottesdiensten auffällt, auf eine Erweckung in Mülheim/Ruhr zurück, wo der Zeltmissionar Jonathan Paul 1905 wirkte. Hervorgegangen ist sie aus der Erweckungsbewegung; durch die charismatische Bewegung hat sich die Pfingstfrömmigkeit auch in den etablierten Kirchen verbreitet.

Die klassischen Pfingstgemeinden sind im Bund Freier Pfingstler (BFP) oder im Mülheimer Verband organisiert und arbeiten auch in der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen mit der katholischen, den Landes- und den orthodoxen Kirchen zusammen.

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6 Neue Apostolische Kirche

Die Neuapostolische Kirche gilt bundesweit als die größte protestantische Organisation außerhalb der evangelischen Landeskirchen. Auch in NRW ist sie sehr weit verbreitet: Nach Zählungen der Universität Bochum gibt es hier 508 Kirchen. Ihre Mitglieder glauben, dass Gott Apostel beruft, um die Gläubigen auf die baldige Wiederkehr Jesu vorzubereiten. Diese Apostel, vor allem der Stammapostel an der Spitze, üben einen beherrschenden Einfluss auf das gesamte Leben der Gläubigen aus. Das und die Tatsache, dass Positionen eingenommen werden, die deutlich von der Auslegung anderer Kirchen abweichen, hat dazu geführt, dass die NAK als "Sekte" angesehen wurde; umgekehrt distanzierte sich die NAK scharf von den anderen evangelischen Kirchen. Inzwischen finden aber wieder Gespräche statt.

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Stand: 28.09.2007, 06:00 Uhr


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