Von Katrin Heine
Seit knapp zwei Wochen verbringt Hermann Geller seine Nächte und einen Großteil seiner Tage in der Bielefelder Paul-Gerhardt-Kirche. Der 66-Jährige und seine Mitstreiter haben das Gotteshaus besetzt, um den drohenden Verkauf zu verhindern.
"Wir sind nicht stolz darauf, die ersten Kirchenbesetzer in Deutschland zu sein, aber wir lassen uns nicht vertreiben", sagt Geller fest und zieht an seinem Schal. Nach dem letzten Gottesdienst am vorvergangenen Sonntag (25.03.07) sind er und weitere Mitglieder einer 80-köpfigen Bürgerinitiative einfach sitzen geblieben. Mittlerweile hat die verkaufswillige Kirchengemeinde ihnen Strom, Wasser und Heizung abgeschaltet, die Toiletten verschlossen. Auch eine Klage wegen Hausfriedensbruch hat die Gemeinde eingereicht. Bis auf die Bänke und ein schweres Holzkreuz über dem Altar ist die Kirche leer. Gebetsbücher, Gewänder, Weihnachtskrippe: alles ausgeräumt. Nur etwa zehn Besetzer sind noch da, wechseln sich in Schichten ab und empfangen Besucher, die Kaffee oder Rosinenkuchen bringen. "Wir sind für eine Belagerung gewappnet", freut sich Geller. Ein Sympathisant finanziert seit einigen Tagen eine mobile Toilette vor dem Gebäude.
Seit zwei Jahren brodelt es bei den evangelischen Christen gewaltig. 2005 hatte sich die bis dahin selbstständige Gemeinde entschieden, aus wirtschaftlichen Gründen mit der größeren Neustädter Marien-Gemeinde zu fusionieren. "Wir waren zuversichtlich, dass wir uns gut ergänzen", erinnert sich Geller, der damals Presbyter und Kirchenmeister war. Zwar sei schon damals darüber gesprochen worden, die Kirche eventuell zu verkaufen. "Wir haben der Fusion aber in dem Glauben zugestimmt, dass wir unsere Kirche so lange halten, wie es finanziell möglich ist", sagt Geller.
Zwei Monate nach der Fusion im Frühjahr 2005 aber teilte man den Besuchern der Paul-Gerhardt-Kirche mit, das Gotteshaus solle nun verkauft werden. Das Entsetzen bei einigen Gemeindegliedern war groß. "Wir fühlten uns vom Kirchenkreis Bielefeld und den Verantwortlichen der Neustädter Marien-Gemeinde um Pfarrer Alfred Menzel über den Tisch gezogen", betont Geller. Sein Argument: Die Paul-Gerhardt-Kirche habe mit Gewinn gearbeitet. "Wir konnten den Haushalt der Neustädter Marien-Gemeinde sogar noch mit 12.000 Euro subventionieren", rechnet Geller vor. Der Kirchenkreis und deren Superintendentin hätten Gespräche immer wieder verschleppt und Fakten geschaffen, auf die man nun mit einem so drastischen Schritt wie der Besetzung reagiert habe.
Superintendentin des Kirchenkreises Bielefeld ist Regine Burg. Sie hat Verständnis für die Trauer der Gemeindeglieder, findet aber, dass das Ausmaß an Aggression im Paul-Gerhardt-Bezirk bei Weitem andere Erfahrungen überschreite. Sechs Kirchen hat der Kirchenkreis in den vergangenen Jahren aufgegeben. Die Fusion der beiden Gemeinden in der Bielefelder Innenstadt sei nach geltendem Kirchenrecht zustande gekommen, Hermann Geller als Vertreter seiner Gemeinde über alle Schritte informiert gewesen und der Verkauf der Kirche eine gute Entscheidung. Zumal es einen Kaufinteressenten gibt, mit dem man sich - auch trotz der Proteste der Bürgerinitiative - so gut wie einig ist. Die jüdische Kultusgemeinde möchte die Immobilie erwerben und in eine Synagoge umwandeln. In NRW gibt es bislang kein vergleichbares Beispiel.
Ob jetzt der Protest gegen den Verkauf aufflammte, bevor oder nachdem der Name der jüdischen Gemeinde ins Spiel kam, darüber streiten sich beide Gemeindeteile heftig. "Zuerst hat auch Herr Geller gesagt, wir könnten verkaufen, wenn wir einen Käufer finden. Als sich die Kultusgemeinde anbot, war plötzlich alles anders", sagt Astrid Weyermüller, Pressereferentin des Bielefelder Kirchenkreises. "Wir haben überhaupt nichts gegen Juden", hält Gemeindemitglied Claus Grünhoff dagegen. "Wir würden gerne unser Gemeindehaus teilen und schlagen ein benachbartes Baugrundstück für eine neue Synagoge vor."
Wie es weitergehen soll, weiß keiner. "Wer eine Lösung hat, darf sich gerne melden. Wir hoffen auf Einsicht der Besetzer", seufzt Astrid Weyermüller vom Kirchenkreis. "Die Neustädter Marien-Gemeinde und der Kirchenkreis praktizieren mit der Arroganz der Macht und haben die Gesprächskultur vergiftet. Dabei wollen wir doch Frieden", sagt Geller. Eine Räumung durch die Polizei fürchtet er nach der Klage auf Hausfriedensbruch aber nicht. Auch der Kirchenkreis will diesen Schritt noch nicht gehen. Man müsse miteinander reden, so beide Seiten. Wie ein Kompromiss aussehen könnte, weiß aber keiner.
Am vergangenen Sonntag (01.04.07) haben die Kirchenbesetzer zum Gottesdienst eingeladen. Rund 160 Menschen kamen. "Eine reine Privatveranstaltung", sagt dazu die Neustädter Marien-Gemeinde. "Wir hatten leider vorher den Namen des Pfarrers genannt, der den Gottesdienst leiten wollte. Da hat seine Landeskirche ihn unter Druck gesetzt und wir wollten ihm das nicht zumuten", bedauert Geller. Johannes Hoene, pensionierter Pfarrer, besucht die Kirchenbesetzer trotzdem regelmäßig. "Meine Familie war auch dagegen, dass ich den Gottesdienst leite", begründet er seine Absage.
In der Karwoche feiern Hermann Geller und seine Mitstreiter jeden Abend eine Andacht und melden ständig steigende Besucherzahlen. Für Ostersonntag planen sie einen weiteren Gottesdienst. "Wir haben auch wieder einen Pfarrer gefunden. Diesmal verraten wir dessen Namen aber nicht vorher", erklärt Geller und ist felsenfest entschlossen, seine Kirche weiter "zu bewachen". Er schläft bei Kerzenschein auf einer dicken Luftmatratze in der Kapelle, andere in der Sakristei oder im Altarraum. "Alte Herren schnarchen ja oft. So stören wir uns nicht", lacht er. Was der lutherische Kirchenlieddichter und Namenspatron Paul Gerhardt zu dem Bielefelder Kirchenstreit gesagt hätte, lässt sich nicht sagen. Dessen 400. Geburtstag am 12. März feierten beide Gemeindeteile noch vor wenigen Wochen mit einer gemeinsamen Predigt- und Vortragsreihe.
Hintergründe zur Kirchenbesetzung
Informationen der Verkaufsgegner
Häufig gestellte Fragen zur Situation in Paul-GerhardtStand: 05.04.2007, 12:00 Uhr
Programmhinweise, weitere Themen und Fotos