Von Nils Rode
Eine Autobahnunterführung in Köln. Es knallt und ein Kühlschrank explodiert. Flammen schlagen meterhoch, im Hintergrund wird gegrölt. Alles zu sehen und zu hören auf einem Video, das zurzeit im Internet kursiert. Sprengungen zu filmen ist ein Trend unter Jugendlichen.
Sie basteln, mischen und zünden. Dabei filmen sie jeden Arbeitsschritt und natürlich die finale Explosion. Die Anleitung zum Bombenbau finden sie im Internet, die Zutaten im Baumarkt und das selbst gedrehte Video stellen sie anschließend stolz ins Internet. Manchmal sind jugendliche Gesichter auf den Filmen zu erkennen, die vollkommen sorglos mit extrem gefährlichen Bomben experimentieren.
"Trivialbomben kann man dazu nicht mehr sagen. Das sind Werke von Leuten, die zerstören wollen," sagt Rainer Schirra vom Troisdorfer Zündmittelhersteller Dynitec. Anleitung zum Bombenbau und Handel mit Sprengstoffen ist gesetzlich verboten, doch davon lässt sich niemand beeindrucken, schließlich wird gegen kaum einen Täter ermittelt. Solange niemand Anzeige wegen Zerstörungen oder Belästigungen erstattet oder die Täter zumindest beobachtet, kann die Szene unerkannt weiter bomben. Auf Anfrage räumt auch das Landeskriminalamt in Düsseldorf ein, dass es sich mit diesem Phänomen noch nicht beschäftigt hat.
Dabei ist das Bombenbasteln weit verbreitet. Wie weit, darauf deutet ein Verfahren bei der Staatsanwaltschaft Köln. Einem ehemaligen Physikstudenten aus Bedburg wird vorgeworfen, in rund 850 Fällen Chemikalien per Internet vertrieben zu haben. Als zusätzliche Serviceleistung lieferte er die Anleitung zum Bombenbau mit. Ihm drohen bis zu drei Jahren Freiheitsstrafe.
Jeden Monat werden in Deutschland rund 3.000 Bombenbauanleitungen ins Netz gestellt, vermutet Bert Weingarten. Seine Firma Panamp vertreibt Sicherheitssoftware und spezielle Internetfilter. "Alleine im Raum Köln und Düsseldorf wurden über diverse Server 27 solcher Bomben-Videos anonym ins Netz gestellt. Wir haben viele Hinweise gegeben, aber leider fehlt der staatlichen Internetfahndung jegliche Konzeption." Der Bund deutscher Kriminalbeamter sieht das ähnlich: zu wenig Fahnder, zu schlechte Technik und somit kaum eine Chance, die Urheber zu ermitteln.
Jugendliche filmen ExplosionenBackpulverraketen oder Silvesterböller - das war gestern, heute wird sogar mit Tri-Aceton-Triperoxid, kurz TATP, experimentiert. Dieser Stoff braucht weder Zünder, Zündschnur noch Zündelektronik und wird deshalb als Primärsprengstoff bezeichnet. Bei den Attentaten in London und Madrid kam er zur Anwendung. "Die Zutaten finden sie in jedem Baumarkt," sagt Rainer Schirra. "Die Flamme eines Streichholzes, etwas Druck oder Reibung reichen aus, und sofort kommt es zur Detonation."
Wer die Sprengkraft auf den Videos sieht, ist erstaunt, dass bis jetzt noch keine größeren Zerstörungen durch diese Selbst-Laborate bekannt geworden sind. Mal ist es ein alter Kühlschrank, der in die Luft fliegt, mal sind es Rohre aus dem Baumarkt. Andere Verluste verschweigen die Hobbybastler. Denn die größte Gefahr besteht für sie selber, so Handchirurg Joachim Windolf von der Uni-Klinik Düsseldorf: "Besonders, wenn ein Sprengkörper zu früh explodiert, ist es leider so, dass nicht nur die Haut verbrennt, sondern je nach Sprengkraft auch Finger auf- oder abreißen." Einem Teenager musste er bereits die rechte Hand amputieren.
Wissen, wie die Bombe tickt
Terroranschläge in London am 7. Juli 2005
Bombenterror erschüttert MadridStand: 15.11.2006, 18:50 Uhr
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