Die Behörden sprachen von "leicht erhöhten" Werten. Doch bei dem Großbrand in dem Chemiewerk Ineos im Kölner Stadtteil Worringen sind offenbar deutlich höhere Konzentrationen des krebserregenden Stoffes Acrylnitril gemessen worden.
Nach Recherchen des ARD-Magazins Monitor hat die Kölner Feuerwehr in der Umgebung der Unglückstelle zeitweise Luftbelastungen gemessen, die die technische Richtkonzentration für die giftige Chemikalie Acrylnitril um das Siebenfache überschreiten. Diese Information hat auch ein Sprecher der Stadt bestätigt.
Die Messwerte "sind nicht mitgeteilt worden, weil dazu in der aktuellen Situation kein Anlass gesehen wurde", erklärte Jan Leidel, Leiter des Kölner Gesundheitsamtes. Es seien "drei relativ sehr hohe Werte" für das giftige Acrylnitril gemessen worden, sagte Leidel am Mittwoch (02.04.08). Das seien aber nur drei von insgesamt 150 Messwerten gewesen, also Ausreißer. Alle anderen Werte seien nicht beunruhigend gewesen. Die drei hohen Werte könnten auch auf Messfehler zurückgehen, sagte Leidel.
Bislang hieß es offiziell, die Grenzwerte seien während des Chemieunglücks nur geringfügig überschritten worden. Weder die Stadtverwaltung, noch die Kölner Feuerwehr, das Landesumweltamt oder die Ineos-Werksleitung haben anderes veröffentlicht.
Die Monitor vorliegenden Messergebnisse der Feuerwehr Köln, die am Tag nach dem Großbrand, am 18.03.2008 im benachbarten Stadtteil Köln-Worringen erhoben wurden, liegen zwischen 10 und über 20 ppm (parts per million) freigesetztem Acryl-Nitril und damit bis zu siebenfach über dem Grenzwert von 3 ppm. Für den als stark krebserregend geltenden, hochgiftigen Stoff haben die Behörden nach dem Chemiebrand von Werten gesprochen, die nur "leicht erhöht" seien. Die gemessenen Werte hätten innerhalb des Grenzbereichs gelegen.
Manfred Richter von der Bezirksregierung Köln, der zuständigen Aufsichtsbehörde, erklärte, er wisse nichts von Schadstoffkonzentrationen von 20 ppm Acyrl-Nitril und habe erst durch das ARD-Magazin von den gemessenen Werten erfahren.
Der Großbrand war am Montag vor zwei Wochen (17.03.08) durch ein Leck in einer Gaspipeline ausgelöst worden. Eine 15 Meter hohe Stichflamme hatte einen nahe gelegenen Acrylnitril-Tank in Brand gesetzt. Etwa 1.200 Feuerwehrleuten und Hilfskräften gelang es in einem zehn Stunden dauernden Einsatz, den Brand zu löschen. Aus dem beschädigten Chemietank traten aber auch am folgenden Tag noch giftige Dämpfe aus.
Die Bewohner wurden - auch per Lautsprecherdurchsagen - gebeten, Fenster und Türen verschlossen zu halten und ihren Aufenthalt im Freien zu begrenzen. Die Polizei informierte am Ortseingang die Bürger, dass sie "auf eigene Gefahr" nach Worringen fuhren. Drei Menschen waren wegen Haut- und Augenreizungen ärztlich behandelt worden.
Feuerinferno in Worringen (17.03.08)
Großbrand im ChemiewerkStand: 02.04.2008, 07:34 Uhr
Programmhinweise, weitere Themen und Fotos