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Interview mit Psychologen über Bedeutung und Veränderung von Familie
Die Deutschen bekommen immer weniger Kinder, die Zahl der Singles steigt. Verliert die Familie an Bedeutung? Den Wunsch nach einer Familie hätten auch heute viele junge Frauen, meint der Psychologe Prof. Axel Schölmerich. Aber berufliche Entscheidungen kämen dem zuvor.
Prof. Schölmerich hält den Lehrstuhl für Entwicklungspsychologie an der Ruhr-Universität Bochum, ist verheiratet und hat vier Kinder im Alter zwischen 6 und 24 Jahren.
wdr.de: Was ist die perfekte Familie?
Prof. Schölmerich: Die perfekte Familie ist sehr schwer zu definieren. Es ist schon ziemlich schwierig zu sagen, was überhaupt eine Familie ist. Deswegen haben wir uns angewöhnt, von Familie immer dann zu reden, wenn es sich um eine Lebensgemeinschaft mit Kindern handelt. Danach sind Verheiratete ohne Kinder eigentlich keine Familie. Es ist psychologisch sinnvoll, diese besondere Funktion für Kinder in den Vordergrund zu stellen, und das bleibt dann erhalten, auch wenn die Kinder nicht mehr im Haushalt der Eltern leben.
Mit dem Perfekten sprechen wir eine Qualität an. Und da verlassen uns die definitorischen Kräfte vollkommen. Von welcher Perspektive aus will man das beurteilen? Da gibt es einmal die Kinder, die Liebe und Achtung brauchen. Menschen haben aber ganz unterschiedliche Bedürfnisse und deshalb müssen Widersprüche entstehen. Das macht es sehr schwierig zu sagen, was perfekt ist.
wdr.de: Welches Idealbild haben die Menschen?
Schölmerich: Wenn man Menschen befragt, was sie unter Familie verstehen, bekommt man häufig kulturelle Stereotype oder traditionelle Vorstellungen genannt. Wenn man sie in ihrem tatsächlichen Verhalten beobachtet, sieht das ein bisschen anders aus. Kinder haben ein Familienbild wie in alten Kinderbüchern. Vater, Mutter, Kind, Kind ist die am häufigsten genannte Variante. In Wirklichkeit aber gibt es gleichgeschlechtliche Eltern, die Kinder adoptiert haben, oder Ehen, in die ein Partner die Kinder mitgebracht hat. Viele Familien bestehen aus Partnern, die schon einmal anderweitig verheiratet waren. Alle diese Konstruktionen sind im Prinzip geeignet, um Kinder groß zu ziehen. Und es zeigt sich, dass diese Unterschiede für die Kinder relativ unbedeutend sind.
wdr.de: Welche Funktionen erfüllt Familie?
Schölmerich: Familie steht immer für Bezogenheit auf andere Personen, ist somit ein Gegenspieler zum vorherrschenden Individualismus unserer Kultur. Die moderne Soziologie definiert Familie unter anderem als einen Mechanismus, mit dem man Güter herstellen kann, die es auf dem Markt sonst nicht gibt. Und das finde ich eine sehr interessante Definition. Da geht es um nicht kaufbare Eigenschaften - für den einen ist es Liebe, für den anderen Geborgenheit, für den dritten ist es einfach dieses Ausmaß an Vertrautheit, eine gemeinsame Zukunftsorientierung, das Teilen von Absichten. Das ist nicht dasselbe wie das, was wir mit unseren Freunden und Nachbarn teilen. Dieses Ausmaß an Vertraulichkeit hat man letztendlich erst wieder später, wenn man selbst eine Familie gegründet und mit Menschen lange zusammen gelebt hat.
wdr.de: Trotzdem gibt es in Deutschland immer mehr Singles und die Geburtenrate liegt so niedrig wie in kaum einem anderen westlichen Land.
Schölmerich: Es gibt ja auch außerhalb von Familie Beziehungen. In der Single-Szene werden differenzierte und unterschiedliche Beziehungsbedürfnisse durchaus befriedigt. Und das trägt natürlich dazu bei, dass der Druck, im Lebensabschnitt "junges Erwachsenenalter" das traditionelle Familienmodell zu erfüllen, niedriger ist.
Wenn wir weibliche Studierende befragen, die gerade von der Schule kommen, dann hören wir in der Regel das moderne Familienbild: "Ich will Kinder und Familie und eine dauerhafte Beziehung, ich will aber auch einen Partner, der im Haushalt hilft, der sich um die Kinder kümmert, der mir bei meiner Karriere hilft und bei dem ich gleichberechtigt bin." Es geht da um Werte und Selbstachtung, die man heute nur noch über berufliche Qualifikationen erlangen kann und die Kinder kommen sozusagen als Bonbon drauf. Oft kommt es dann aber anders: "Ach, jetzt habe ich die Möglichkeit, eine Doktorarbeit zu schreiben, das dauert zwar noch 'mal drei, vier Jahre, aber das mach' ich jetzt erstmal." Und das ursprüngliche Ziel von Familie und Kindern wird aufgeschoben und aufgeschoben und dann fehlt im entscheidenden Augenblick der passende Partner. Und damit ist diese Lebensplanung sozusagen aufgelöst.
Zum zweiten Teil des Interviews
Prof. Axel Schölmerich an der Ruhr-Universität Bochum
Teil 2 des Interviews
Dossier Familie
Stand: 13.01.2006, 16:58 Uhr
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