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Sie befinden sich hier: > WDR.de > Panorama > Tod einer 20-jährigen Kurdin


Ermordete Gülsüm S.: Angeklagte schweigen

Prozess gegen Vater, Bruder und Familien-Freund

Wurde Gülsüm S. (20) ermordet, weil sie nicht muslimisch-traditionell leben wollte? Der Bruder, Vater und ein Familienfreund stehen im Verdacht, die junge Frau ermordet zu haben. Der Prozess hat am Freitag (06.11.09) in Kleve begonnen, wurde aber nach kurzer Zeit vertagt.

Landgericht Kleve; Rechte: ddpBild vergrößern

Eingang zum Landgericht Kleve

Nur eine knappe halbe Stunde dauerte der Prozessauftakt am Freitag (06.11.09). Dann wurde der Mordprozess um die 20-jährige Kurdin Gülsüm S. vor dem Landgericht Kleve vertagt. Die Angeklagten - Bruder, Vater und ein Familien-Freund - machten zwar Angaben zur Person, verweigerten jedoch zu den Tatvorwürfen jegliche Angaben. Über seinen Verteidiger ließ der Vater jedoch bereits mitteilen, dass die Tatvorwürfe nicht stimmen würden. Auch der Familien-Freund ließ über seinen Anwalt mitteilen, dass er bestreite, an der Tat beteiligt gewesen zu sein. Der Prozess wird am Dienstag (10.11.09) fortgesetzt. Dann sollen abgehörte Telefonate Gegenstand der Beweisaufnahme werden.

Acht Monate nach dem Tod der jungen Gülsüm S. will die Jugendstrafkammer nun versuchen, Licht ins Dunkel einer Tat zu bringen, die offenbar äußerst grausam verübt wurde. Dem Bruder (20) der Toten, ihrem Vater (49) und einem Bekannten der Familie (32) wird vorgeworfen, die junge Frau in einem Waldstück bei Rees am Niederrhein gemeinschaftlich ermordet zu haben. Ein dort gefundener Knopf soll von dem Bekannten der Familie stammen, der die Tat jedoch abstreitet.

Die strengen Regeln des Vaters nicht beachtet

Spaziergänger findet Frauenleiche an Feldweg in Rees - Gewalttat; Rechte: dpaBild vergrößern

Opfer: Gülsüm S.

Der Auslöser für die Tat, so ist die Staatsanwaltschaft überzeugt, soll eine Abtreibung gewesen sein. "Als der Bruder und der Vater davon erfuhren, beschlossen sie, die junge Frau zu töten, um die Ehre der Familie wieder herzustellen", folgert die Staatsanwaltschaft. Am 2. März 2009 soll der Vater Gülsüm S. kurz vor 20 Uhr telefonisch beauftragt haben, ein Glühbirne für ihn zu kaufen. Nur wenig später kam der Bruder in die von ihm und Gülsüm S. gemietete Wohnung zurück und sagte ihr, er habe ihr bis dahin verschwundenes Fahrrad wiedergefunden. Dass würden sie nun gemeinsam holen. Der angeklagte Bruder fuhr deshalb mit ihr in das Waldstück. Unterwegs stieg der mitangeklagte Familienfreund zu. Er soll, so die Staatsanwaltschaft, in den Mordplan eingeweiht gewesen sein.

Den Ablauf des Mordes in dem Waldstück schildert die Staatsanwaltschaft so: "Ihr Bruder trat von hinten an sie heran, legte ihr ein Seil um den Hals und drosselte sie bis zur Bewusstlosigkeit. Anschließend zertrümmerten er und der Familienfreund das Gesicht der jungen Frau. Durch die massive Gewalteinwirkung auf den Schädel starb das Opfer." Die blutverschmierten Knüppel seien nur unweit entfernt gefunden worden. Ein Bauer fand die entstellte Leiche am nächsten Tag auf seinem Feld.

Angeklagter Bruder soll Geständnis abgelegt haben

Dass die drei Angeklagten die Mörder von Gülsüm S. sind, schließen die Ankläger daraus, dass der Bruder die Tat eingeräumt hat. Sein Rechtsanwalt erklärte vor dem Prozess: "Mein Mandant sagt, ihm habe seine Schwester leid getan und er habe es dann doch nicht über das Herz gebracht, sie zu töten." Der mitangeklagte Vater habe mit der Tat nichts zu tun gehabt. Für den 20-Jährigen müsse das mildere Jugendstrafrecht gelten, denn sein Aufwachsen in einer "archaisch geführten Großfamilie mit elf Kindern hat bei ihm zu einer Reifeverzögerung geführt."

Der Anwalt des schwer belasteten Freundes der Familie, der Wuppertaler Verteidiger Jochen Thielmann, wies die Vorwürfe vor dem ersten Prozesstag zurück: "Er hat kein Motiv für die Tat." Die Hintergründe für das mutmaßliche Verbrechen würden in der Familie des Opfers liegen.

Experte: Morde als Folge der Migrantinnen-Emanzipation

Professor Christian Pfeiffer; Rechte: dpaBild vergrößern

Kriminologe Christian Pfeiffer

Wie ist es zu erklären, dass eine junge Frau durch ihren Bruder und Vater ermordet worden sein könnte, nur weil sie nicht die Regeln der Familien befolgt hat? Professor Christian Pfeiffer, Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN), schätzt, dass sich etwa 50 derartige Mordfälle in den letzten 20 Jahren in Deutschland ereignet haben. "Das liegt daran, dass immer mehr junge Frauen ihr eigenes Leben leben möchten und sich wehren gegen die Bevormundung. Es ist deshalb auch ein Problem, dass erst seit etwa 20 Jahren auftritt, denn vorher haben die Frauen gemacht, was man ihnen in der Familie gesagt hat."

Dass es diese Morde gäbe, sei eine fatale Folge der Migrantinnen-Emanzipation. "Leider gibt es immer noch Familien, die so reagieren. Doch irgendwann wird auch das Geschichte sein. Das ist ein Anpassungsprozess an unsere Kultur. Eine Frauenbefreiung in der ausländischen Szene mit den letzten Zeichen einer untergehenden Machokultur. Die große Mehrheit verabscheut diese Taten." Pfeiffer betont: "Es sind verzweifelte Menschen, die in der Falle ihrer Normen sind. Sie wollen natürlich niemanden umbringen, wissen aber keine andere Lösung."

Fälle wie dieser mutmaßliche Mord könnten künftig nur vermieden werden, wenn Migranten eine bessere Ausbildung bekommen würden. "Wo es Bildungsangebote gibt, gehen Gewalttaten drastisch zurück, denn damit ändert sich auch das Wertekonzept und dadurch gibt es auch weniger diese Kultur der Ehre."

Wurde auch die Mutter 13 Jahre zuvor ermordet?

Vor dem Prozess um den Tod von Gülsüm S. tauchen auch neue Fragen um den Tod ihrer Mutter auf. Sie war vor 13 Jahren tot an einem Teich in Bocholt aufgefunden worden. Damals hatten die Behörden als Todesursache Suizid festgestellt. Ein polizeiliches Dossier listet nun Ungereimtheiten bei den damaligen Ermittlungen auf. Das Fazit des Dossiers: "Aufgrund der seinerzeit geführten Todesermittlungen ist eine Tötung jedoch nicht auszuschließen, da es an der Durchführung erforderlicher Ermittlungen, insbesondere einer Obduktion mangelte." Die Staatsanwaltschaft Münster teilt diese Einschätzung jedoch nicht. Die Polizei überprüft nun, ob die damals krebskranke Frau ermordet wurde. Ausgelöst hatte die neuen Ermittlungen eine Aussage des Sozialamtsleiters von Rees, Andreas Mai. Er berichtete, dass der Vater von Gülsüm S. bereits einen Tag vor dem Tod der Frau auf dem Amt erschienen war und ihren Sterbefall anzeigte.

Das Gericht hat zur Aufklärung der Tat zehn Verhandlungstage angesetzt. Mit einem Urteil wird am 11. Dezember 2009 gerechnet.

Stand: 06.11.2009, 11:30 Uhr


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