Hauptnavigation

Freitag, 12.03.2010

Suche im gesamten WDR Web

  • Tipps zur vergrößerten Ansicht
  • Kontakt: Alle WDR E-Mail Adressen von A bis Z
  • Alle WDR Sendungen von A bis Z
  • Inhaltsverzeichnis WDR.de
  • Hilfe
  • Multimedia

Themenrubriken

Spezialangebote


Politik

Sie befinden sich hier: > WDR.de > Politik > Faktencheck: Vom Ballerspiel zum Amoklauf-was treibt Jugendliche in die Gewalt?


Aussagen auf dem Prüfstand

Hart aber fair - Faktencheck: "Vom Ballerspiel zum Amoklauf"

In der Computerwelt war er ein Siegertyp, im Leben ein Verlierer: Der Amokläufer von Emsdetten zeigt, wie bedrohlich Jugendgewalt ist. Warum verlieren wir Jugendliche an eine Phantasiewelt aus Blut und Gewalt? Und: Was lässt sie tatsächlich den Joystick mit dem Abzug vertauschen? Nach Erfurt jetzt Emsdetten - drohen uns amerikanische Verhältnisse?

Web-TV

Eine politische Talkshow ist schnelllebig. Auch in 90 Minuten bleibt oftmals keine Zeit, Aussagen der Gäste auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu prüfen. Deshalb hakt "Hart aber fair" nach und lässt einige Behauptungen von renommierten Experten unter die Lupe nehmen. Sind sie wahr oder entbehren sie jeder Grundlage? Die Antworten gibt es am Tag nach der Sendung, hier im Faktencheck.

Josef Bausch-Hölterhoff über die möglichen Motive des Amokläufers

Josef Bausch-Hölterhoff; Rechte: wdrBild vergrößern

Josef Bausch-Hölterhoff

Josef Bausch-Hölterhoff, Schauspieler und Gefängnisarzt, sagt, der Täter habe sich offenbar ohnmächtig gefühlt und letztlich seinen Suizid mit dem Amoklauf verbunden. Die Art und Weise der Tat spreche dafür, dass er seinem Tod eine Bedeutung geben und sich nicht mehr als Verlierer fühlen wollte. Stimmt das?

Wolfgang Bergmann: Sehr spekulativ. Tatsächlich kann man, wenn man das gesamte Video-Material, das dieser junge Mann ins Internet stellte und darüber hinaus die Aussagen seiner ehemaligen Schulkollegen berücksichtigt, ein Muster erkennen, das bei vielen zur Gewalt oder zur Selbstzerstörung oder Sucht neigenden Jugendlichen anzutreffen ist. Die Computerspiele, die Foren, die Sebastian B. besuchte, die Waffen, die er offenbar relativ mühelos aus dem Internet bezog (ein Skandal für sich), legten für ihn offenbar eine "Lösung" seiner seelischen Krise nahe, die mit bewaffneter Gewalt und Zerstörung einher ging. Ich töte die anderen und mich selbst - das sind zwei Seiten derselben seelischen Verfassung. So sollte man, entsprechend den therapeutischen Erfahrungen mit destruktiv-aggressiven Jugendlichen, diese Behauptung ergänzen.

Joachim Kersten: In einer wesentlichen Anzahl der Fälle passt diese Interpretation.

Christian Pfeiffer über Computerspiele und schlechte Schulnoten

Christian Pfeiffer; Rechte: wdrBild vergrößern

Christian Pfeiffer

Christian Pfeiffer, Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen, sieht einen direkten Zusammenhang zwischen Computerspielen und Schulnoten: Je länger Jungen am Computer spielten und je brutaler die Spiele seien, desto schlechter würden ihre Schulnoten. Stimmt das?

Wolfgang Bergmann: Nein, das ist in dieser Absolutheit natürlich nicht zutreffend. Christian Pfeiffer stellt monokausale Beziehungen her, die so nicht zu halten sind. Richtig ist zum einen: Computerspiele trainieren durchaus eine strategische und funktionale Intelligenz. Sie können sogar, wenn es sich um Spiele auf hohem Niveau handelt, seelische Defizite wie Konzentrationsmängel, Unfähigkeit zur Planung und zur Selbstkorrektur, ausgleichen helfen. Richtig ist auch: wer Tag und Nacht spielt - und das sind viel mehr Kinder und Jugendliche, als weithin bekannt ist - vernachlässigt angesichts dieser rasanten, eindrucksmächtigen, virtuellen Bilder oft den Schulunterricht. Und noch mehr: die nur-vernünftige, rationale, wesentlich auf Sprache und Schrift gegründete Schule erscheint ihm langweilig und bedeutungsarm. Das kann durchaus zu verschlechterten Schulnoten führen. Aber daraus lassen sich keineswegs verallgemeinernde Aussagen über Ästhetik und seelische Wirkungen von Computerspielen ableiten.

Joachim Kersten: Ich bin bei solcher monokausalen Beweisführung eher skeptisch.

Michael Heilemann über Alarmsignale

Michael Heilemann; Rechte: wdrBild vergrößern

Michael Heilemann

Michael Heilemann, Psychotherapeut und Anti-Aggressionstrainer, sagt, es sei bereits ein Alarmsignal, wenn ein Kind sogenannte "Baller"- oder "Killerspiele" spiele. Stimmt das?

Wolfgang Bergman: Das ist nicht richtig. Aggressive Spiele haben Kinder, vor allem kleine Jungen, schon immer gespielt - ich selber besetzte die halbe Küche der elterlichen Wohnung mit fiktiven Soldatenheeren, die erbarmungslos aufeinander losschlugen. Das war damals so wenig ein seelisches Alarmzeichen wie es die Lust an aggressiven Aktionen in "Half life" oder anderen Spielen heute ist. Alarmiert sollten Eltern und Lehrer freilich dann sein - und waren es im Fall des jungen Amokläufers offenbar nicht -, wenn ein Jugendlicher seine Phantasien ausschließlich um aggressive Bilder kreisen lässt, die er dann auch (aber keineswegs nur) in gewalttätigen Computerspielen ausagiert.

Joachim Kersten: Ein äußerst pauschales Statement. Schach ist auch ein Killerspiel.

Christian Pfeiffer über Computerspiele und Einfühlungsvermögen

Christian Pfeiffer; Rechte: wdrBild vergrößern

Christian Pfeiffer

Christian Pfeiffer sagt, je mehr Kinder und Jugendliche brutale Spiele spielten, umso mehr sinke deren Empathiefähigkeit, die Fähigkeit, sich in das Gefühlsleben anderer hinein zu versetzen. Stimmt das?

Wolfgang Bergmann: Auch nicht in dieser Allgemeinheit. Pfeiffer selbst hat herausgefunden, dass die weitaus meisten Jungen zwischen acht und 18 Jahren gewalttätige Spiele lieben. Dieselben Kinder und Teens kann man aber auch voller Eifer für "Tiere in Not" sammeln sehen, sie zeigen in Gruppengesprächen durchaus Mitgefühl und Einfühlungsvermögen. Gibt es eine zeitliche Grenze des Spielens im virtuellen Raum, die ein seelisches Defizit initiiert? Zumindest wird man sagen müssen, dass es dazu keine verlässlichen Aussagen gibt und auf Grundlage empirischer Forschung auch nicht geben kann.

Heiner Sievert über Schulverordnungen und pädagogischen Auftrag

Heiner Sievert; Rechte: wdrBild vergrößern

Heiner Sievert

Heiner Sievert, Realschullehrer, sagt, durch die ausufernden bürokratischen Verordnungen der Schulverwaltungen, seien Lehrer gar nicht mehr in der Lage ihren eigentlichen Beitrag zur "Erziehung" der Schüler zu leisten. Stimmt das?

Wolfgang Bergmann: Sehr wahr. Lehrer werden reglementiert. Seit "Pisa" mehr als je zuvor, trotz anders lautender "Autonomie-Debatten" in den Kultusministerien. Dadurch wird ein Lehrertypus gefördert, der sich eher als Normerfüller denn als Pädagoge (mit entsprechender moralischer Verantwortung über Noten und Tests hinaus) versteht. Es gibt wunderbare, engagierte Lehrer, aber das bürokratische Milieu der staatlichen und vieler privaten Schulen fördert sie nicht, sondern behindert sie. Dabei sind Lehrer als gute Erzieher mit beschützender Autorität heute wichtiger denn je. Auch das zeigt dieser grauenhaft traurige Amoklauf deutlich genug.

Joachim Kersten: Diese Aussage erscheint mir im Großen und Ganzen als vorgeschobenes Argument. Es gibt Lehrer und Lehrerinnen, die trotzdem einen Draht zu ihren Schülern herstellen und andere, bei denen das auch nicht funktionieren würde, wenn man sie von jeglicher Verwaltungsarbeit entlasten würde.

Mehr zum Thema

Stand: 23.11.2006, 10:00 Uhr



Der WDR ist nicht für die Inhalte fremder Seiten verantwortlich, die über einen Link erreicht werden.