Gehetzte Schwestern und Ärzte, schlechte Hygiene, zu alte Gebäude - die medizinische Versorgung in vielen Krankenhäusern ist teuer aber schlecht und das bei rapide steigenden Kassenbeiträgen. Nun wird weiter rationalisiert: Patienten bitte anschnallen auf dem Fließband. Heilen im Zeittakt - kann das gut gehen?
Patient KrankenhausEine politische Talkshow ist turbulent. Auch in 75 Minuten bleibt oft keine Zeit, Aussagen der Gäste gründlich zu prüfen. Deshalb hakt "Hart aber fair" nach und lässt einige Aussagen und Behauptungen von Experten unter die Lupe nehmen. Die Antworten gibt es am Tag nach der Sendung hier im Faktencheck.

Dieter Wedel
Dieter Wedel, Regisseur, sagt, der Druck auf die Ärzte, profitabel zu arbeiten, werde immer größer. Es bestehe die Gefahr, dass wirtschaftliche Gesichtspunkte immer mehr die medizinischen überlagern. Stimmt das?
Christoph Kranich:
Mir scheint das nicht nur eine Gefahr, sondern längst Realität zu sein. Das hat eine ganze Reihe von Gründen, zum Beispiel:
- Die Liegedauer der Patienten im Krankenhaus wird immer kürzer - zum Beispiel wegen der Fallpauschalen, bei denen es sich für die Krankenhäuser wirtschaftlich lohnt, die Patienten schnell wieder zu entlassen. Die Arbeit wird dadurch enorm verdichtet.
- Die Medizin wird immer komplizierter und stellt höhere Ansprüche an das technische Können der Mitarbeiter.
- Die Pharmaindustrie erfindet immer neue und teurere Medikamente, die nicht immer einen Fortschritt bedeuten, die jedoch die Kosten des gesamten Gesundheitswesens ständig in die Höhe treiben.
- Immer weniger Menschen müssen diese verdichtete und immer komplizierter werdende Mehrarbeit leisten.
- Die Ökonomie wird nicht nur im Gesundheitswesen immer wichtiger als die Menschlichkeit - hier ist es nur besonders unpassend.
Markus Lüngen:
Richtig ist, dass die Finanzierung der Krankenhäuser seit dem Jahr 2003 umgestellt wurde. Nicht mehr die im Krankenhaus verbrachten Tage sind für die Vergütung relevant, sondern die tatsächliche Erkrankung des Patienten. Dadurch wurde die Zurechnung von Kosten zu Patienten vereinfacht und natürlich auch die Kontrolle von Ärzten, deren Abteilungen oder ganzen Krankenhäusern. International hatte Deutschland zu lange Verweildauern, daher war diese Umstellung der Finanzierung jedoch eher sinnvoll und erhöhte die Transparenz. Inwieweit der daraus resultierende (ökonomische) Druck sich auf die Ärzte auswirkt und sogar deren medizinisches Handeln überlagert, liegt jedoch auch an der individuellen Finanzsituation eines Hauses und dem Stil der Führung.

Klaus-Theo Schröder
Klaus-Theo Schröder, SPD-Staatssekretär im Bundesgesundheitsministerium, sagt, die Finanzausstattung der deutschen Krankenhäuser reiche für eine gute Behandlung aus. Die Mittel für die Krankenhäuser seien in der Vergangenheit sogar gestiegen. Stimmt das?
Christoph Kranich:
Die Deutsche Krankenhausgesellschaft sagt - und das halte ich für glaubwürdig - dies sei eine irreführende Aussage. Denn die geringe Steigerung der Finanzausstattung werde durch Preissteigerungen, zusätzliche Ab- und Ausgaben sowie nicht zuletzt durch Tariferhöhungen mehr als aufgefressen. Die letzte Tariferhöhung 2006 habe zum Beispiel 1,5 Milliarden Euro verschlungen. Im Ergebnis haben die Krankenhäuser also jedes Jahr weniger Geld zur Verfügung.
Markus Lüngen:
Richtig ist, dass die für eine Erkrankung bezahlten Fallpauschalen auf echten Daten beruhen. Es werden somit nicht unrealistische Idealdaten heran gezogen, sondern Daten aus realen Krankenhäusern regelmäßig gesammelt und daraus die Pauschalen abgeleitet. So gesehen muss es auch möglich sein, mit den Entgelten im Durchschnitt auszukommen. Jedoch bestehen oftmals Sondereffekte. Dies können pauschale Rechnungskürzungen sein, die von der Bundesregierung beschlossen werden oder auch eine spezielle Zusammensetzung der Fälle in einem Krankenhaus. Entscheidend scheint jedoch auch zu sein, dass nicht alle Krankenhäuser bereits die baulichen und organisatorischen Strukturen haben schaffen können, um niedrige Kosten zu erzielen. Hierzu sind wesentliche Investitionen notwendig, diese werden von den dafür zuständigen Bundesländern jedoch immer weniger zur Verfügung gestellt.

Dieter Wedel
Dieter Wedel sagt, Klinik-Ärzte müssten heutzutage über 50 Prozent ihrer Zeit in Verwaltungsarbeit investieren. Die Zeit für die Zuwendung zum Patienten bleibe auf der Strecke. Stimmt das?
Christoph Kranich:
Die Zahl ist sicher zu hoch, aber die Tatsache stimmt. Das Deutsche Krankenhausinstitut hat vor einigen Jahren repräsentativ ermittelt, dass Chirurgen und Internisten im Krankenhaus täglich drei Stunden für Verwaltungsarbeit aufwenden müssen. Bei einem Zehnstundentag wären das 30 Prozent. Auf der anderen Seite ist ein gewisses Ausmaß an Verwaltung natürlich notwendig, auch für die Patienten und die Gerichte, die ordentlich und vollständig geführte Krankenakten erwarten. Viele Krankenhäuser entlasten die Ärzte dadurch, dass sie spezialisierte Mitarbeiter für die Verwaltungsarbeit auf der Station einstellen, die dann auch noch preiswerter sind als die Ärzte.
Markus Lüngen:
Insgesamt scheinen 50 Prozent der Arbeitszeit zu hoch. Es gibt eine Befragung von hessischen Ärzten dazu, wobei es immer zu hinterfragen ist, wenn Angaben durch die Betroffenen selbst gemacht werden. Demnach ergaben sich folgende Werte: "Durchschnittlich verbringen Ärzte 4,3 h je Arbeitstag mit medizinischen Tätigkeiten, gefolgt von 2,1 h administrativen Tätigkeiten, 1,4 h Patienten-/Angehörigengesprächen und 1,2 h Verfassen von Arztbriefen, 0,6 h Literaturstudium sowie 0,5 h Forschungsarbeiten" (Quelle: Sebastian Klinke: Auswirkungen des DRG -Entgeltsystems auf Arbeitsbedingungen und berufliches Selbstverständnis von Ärzten und die Versorgungsqualität in deutschen Krankenhäusern. Teil II) Dies würde somit eine Tagesarbeitszeit von 10,1 Stunden pro Tag ergeben und einen Anteil von Bürokratie (Administration) von 21 Prozent. Aber auch ein Automechaniker muss auf seiner Rechnung ausweisen, was er bei einer Inspektion erledigt hat. Dies kann man bei einer Behandlung von Menschen auch erwarten. Ein Anteil von über 50 Prozent würde zudem darauf hinweisen, dass es eine extrem nachlässige Organisation des Krankenhauses gäbe, welche hoch bezahlte Ärzte mit prinzipiell delegierbaren Aufgaben überlastet.

Joachim Bovelet
Joachim Bovelet, Geschäftsführer des Vivantes-Konzerns, sagt, das Pflegepersonal in den Krankenhäusern sei schon heute an der Grenze des Leistbaren angelangt - sowohl in Bezug auf die Menge der Arbeit, als auch durch die Belastung durch die Arbeit. Es sei ein Punkt erreicht, an dem eine Effizienzsteigerung durch das Krankenhauspersonal nicht mehr möglich ist. Stimmt das?
Christoph Kranich:
Das ist eine "gefühlte" Aussage, die durch viele Beschwerden, die uns erreichen, bestätigt wird. Auch wir haben den Eindruck, dass eine weitere Verdichtung der Arbeit nicht zu höherer Effizienz, sondern zu häufigeren Fehlern führen wird. Pflegekräfte sind besonders hohen Anforderungen ausgesetzt, weil sie die Erwartungen aller Seiten erfüllen sollen, die der Ärzte von "oben" und die der Patienten von "unten" - und dafür viel zu schlecht bezahlt werden.
Markus Lüngen:
Richtig ist, dass das Verhältnis von Fällen oder Betten pro Pflegekraft in Deutschland extrem hoch liegt im internationalen Vergleich. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass es sehr viele Betten und stationäre Behandlungen gibt. Auch hier ist Deutschland spitze. Die bestehenden Strukturen sind somit in der Tat eine extrem belastende Kombination. Durch die Umstellung auf Pauschalen pro Fall sind zudem die wenig pflegeintensiven letzten Aufenthaltstage der Patienten aufgrund früherer Entlassungen weitgehend entfallen. Die Arbeit des Pflegpersonals konzentriert sich also auf immer intensivere Pflegetätigkeiten und schnellere Abfolgen von Aufnahmen und Entlassungen.

Werner Bartens
Werner Bartens, Arzt und Journalist, sagt, im deutschen Gesundheitswesen gebe es einen Kampf um lukrative Krankheiten. Es gebe sogar Versuche der Krankenhäuser, Menschen, die an teureren Krankheiten leiden, abzuweisen. Stimmt das?
Christoph Kranich:
Das ist eine logische Folge der ökonomischen Anreize. Wenn man jeder Krankheit einen Preis gibt (der heißt bei uns Fallpauschale oder "DRG", englisch: Diagnosis Related Groups), dann werden die Patienten mit den Krankheiten bevorzugt, die am meisten Geld bringen und am wenigsten Arbeit machen. Und die anderen dem konkurrierenden Krankenhaus überlassen. Das frühere Preissystem, bei dem jeder Tag einen Preis hatte, hat andere Anreize gesetzt: Patienten wurden möglichst lange im Krankenhaus gehalten, heute werden sie möglichst schnell entlassen. Wie man's macht - so lange sich die Akteure nicht am Bedarf der Patienten, sondern am Gewinn orientieren, wird es immer solche Ungerechtigkeiten geben.
Markus Lüngen:
Dies wäre ein Komplettversagen des Vergütungssystems. Das neue Vergütungssystem wurde ausdrücklich geschaffen, um für aufwändige Fälle mehr Geld zu bezahlen und für leichte Fälle weniger Geld. Dies ist in den letzten Jahren durch immer wieder verbesserte Kalkulation der Fälle auch gelungen. Zuvor wurde lediglich nach Tagen bezahlt. Benötigte ein Patient beispielsweise aufwändige Beatmung oder teure Medikamente, wurde dies nicht abgebildet. Bei den neuen Pauschalen wird dies explizit berücksichtigt und kann von den Krankenhäusern auch angemahnt werden. Das System schützt somit komplexe Patientenfälle davor, aus Kostengründen abgewiesen zu werden.
Vorstellung der Experten
Hart aber fair
Hart aber fair - FaktencheckarchivStand: 17.01.2008, 11:38 Uhr
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