In Deutschland rollt eine der größten Impfaktionen unserer Geschichte an - doch ist der Schutz gegen die Schweinegrippe überhaupt nötig? Impfgegner machen mobil, Ärzte warnen: Warum wurde das neue Mittel nicht richtig getestet? Ist Impfen hier wirklich sinnvoll - oder nur ein neuer Trick geschäftstüchtiger Pharmakonzerne?
Eine Talkshow ist turbulent. Auch in 75 Minuten bleibt oft keine Zeit, Aussagen der Gäste gründlich zu prüfen. Deshalb hakt "Hart aber fair" nach und lässt einige Aussagen und Behauptungen von Experten unter die Lupe nehmen. Die Antworten gibt es am Tag nach der Sendung hier im Faktencheck.

Angela Spelsberg
Angela Spelsberg, Ärztin und Epidemiologin, versteht die Diskussion über die sogenannte Schweinegrippe nicht. Ihrer Meinung nach handelt es sich um ein normales Grippe-Virus. Der von der WHO ausgerufene Pandemie-Fall sei überzogen. Man sollte endlich Entwarnung geben. Liegt sie mit ihrer Einschätzung richtig?
Jörg Hofmann: Entsprechend den Definitionen der WHO, nach denen Ausbrüche bewertet werden, handelt es sich bei dieser Grippe tatsächlich um eine Pandemie. Ein Erreger muss sich dabei in mindestens zwei WHO-Regionen gleichzeitig von Mensch zu Mensch ausbreiten. Es wird nicht vom Auftreten entsprechender Erkrankungen sondern lediglich von Infektionen gesprochen. Eine Entwarnung zum derzeitigen Zeitpunkt ist nicht angebracht.
Stephan Ludwig: Frau Spelsberg ignoriert die geschichtlich belegbare Tatsache, dass bei den in der Vergangenheit aufgetretenen Pandemien oft eine zweite Welle mit aggressiveren Erregern aufgetreten ist. Dies ist auch diesmal, gerade zum Beginn der Wintersaison nicht auszuschließen. Man muss mit solchen Szenarien rechnen, Grippeviren sind unberechenbar. Wenn so etwas eintreten sollte, kann derjenige, der geimpft ist, sehr froh sein.
O-Ton: Angela Spelsberg
Grafik zur Entwicklung der Grippe-FälleBeda Stadler, Professor für Immunologie, hält das Schweingrippe-Virus für relativ harmlos. Er sagt, dass sich Menschen über 60 Jahre praktisch gar nicht mehr anstecken können, da sie immun seien. Stimmt das?
Jörg Hofmann: Sicher ist diese Variante des Grippevirus hinsichtlich seiner Fähigkeit, schwere Krankheiten zu verursachen, harmloser als viele andere Grippeviren. Im Personenkreis der über 60-Jährigen sind Studien zufolge nur etwa 30-35 Prozent immun. Da zusätzlich aus dieser Altersgruppe viele Personen den sogenannten Risikogruppen angehören, müssen die Präventivmaßnahmen auch für die über 60-Jährigen zur Verfügung stehen.
Stephan Ludwig: Derzeit zeigt das Virus in der Tat milde Verläufe, aber das muss nicht so bleiben. Auf das Szenario des plötzlichen Auftretens einer aggressiveren Variante muss man vorbereitet sein. Die Aussage, dass Menschen über 60 sich nicht mehr anstecken können, ist meines Wissens statistisch keinesfalls belegt.
Johannes Löwer, Präsident des Paul-Ehrlich-Institutes, sagt, schon an der normalen Influenza sterben in Deutschland trotz Impfung jährlich zwischen 5.000 und 10.000 Menschen. Stimmt das?
Jörg Hofmann: Jedes Jahr sterben in Deutschland mehrere Tausend Personen an den Folgen der saisonalen Influenza. Die Angaben schwanken zwischen 5.000 und 13.000. Wenn man berücksichtigt, dass sich nur etwa 20-25 Prozent der Bevölkerung gegen die saisonale Influenza impfen lassen, gibt es hier noch viel Potenzial, die Zahl der Todesfälle deutlich zu senken.
Stephan Ludwig: Dies ist richtig. Die Zahlen schwanken zwar, aber die grippebedingte höhere Sterberate (die sogenannte Übersterblichkeit) liegt in der Tat jährlich in dieser Größenordnung.
Beda Stadler sagt, es sei überhaupt kein Problem sich impfen zu lassen. Das menschliche Immunsystem verkrafte diesen Impfstoff ohne Probleme. Stimmt das?
Jörg Hofmann: Aus den bislang vorliegenden Zahlen wissen wir, dass die Impfstoffe gegen die neue Grippe sehr effizient sind und in der Rate der unerwünschten Nebenwirkungen bzw. Komplikationen mit anderen Impfstoffen vergleichbar sind. Zu den am häufigsten beobachteten Nebenwirkungen gehören Schwellungen und Rötungen an der Injektionsstelle und bei einem geringen Prozentsatz der Geimpften kann auch Fieber auftreten. Es gibt also keinen Grund zu übertriebener Sorge.
Stephan Ludwig: Der aktuelle Impfstoff gegen die neue Grippe ist nach seit Jahren üblichen Standardmethoden hergestellt. Man hat mit solchen Impfstoffen viel Erfahrung und das Immunsystem verkraftet den Impfstoff in der Tat ohne Probleme.

Angela Spelsberg
Angela Spelsberg sagt, eine Impfung gegen Schweinegrippe habe medizinisch betrachtet gar keinen Nutzen. Hierfür gebe es auch keinerlei Beweise. Hat sie Recht?
Jörg Hofmann: Hochrechnungen sagen vorher, dass über die gesamte Grippesaison 2009/2010 (etwa November bis März) mit 30 Prozent Infizierten in der europäischen Bevölkerung zu rechnen ist. Auch wenn dieses Virus derzeit noch relativ harmlos ist, muss davon ausgegangen werden, dass die Zahl der schweren Komplikationen und Todesopfer auch in Europa steigen wird. Bei einer erfolgreichen Massenimmunisierung kann diese Rate den Kalkulationen zufolge auf etwa ein Drittel gesenkt werden. Der potenzielle Nutzen der Impfung liegt damit auf der Hand.
Stephan Ludwig: Frau Spelsberg stellt ihre Behauptung als Tatsache hin. Es gibt umgekehrt keinerlei Beweise, dass die Impfung keinen medizinischen Nutzen haben wird. Selbst wenn man "nur" den Erkrankungsfall von etwa einer Woche verhindern kann, hat dies bei einer zu erwarteten Zunahme der Fälle in den Wintermonaten enorme ökonomische Bedeutung. Außerdem lässt Frau Spelsberg das mögliche Auftreten einer aggressiveren Variante vollkommen außer Acht.
Siegfried Throm vom Verband forschender Pharmaunternehmen sagt, das derzeitige Schweinegrippe-Virus sei ein direkter Nachfolger des Virus der "Spanischen Grippe" zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Es bestehe durchaus die Gefahr, dass es sich ähnlich gefährlich entwickeln könne. Stimmt diese Einschätzung?
Jörg Hofmann: Dieses Pandemievirus trägt zwei Oberflächenproteine (H1 und N1) wie das spanische Grippevirus 1918/1919 auch. In den letzten Jahren zirkulieren in Deutschland überwiegend Influenzaviren der Gruppe H1N1 und H3N2 und trotzdem hat es keine Pandemie wie 1918 gegeben. Diese beiden Bestandteile, Hämagglutinin und Neuraminidase, sind nur zwei von acht viralen Proteinen. Die Gefährlichkeit des Erregers beruht auf seiner Gesamtzusammensetzung und da ist das aktuelle Pandemievirus weit vom Virus der Spanischen Grippe entfernt. Trotzdem kann auch das "Schweinegrippevirus" in den nächsten Wochen und Monaten weitere genetische Veränderungen erfahren, die es dann in seiner Gefährlichkeit verändern könnte.
Stephan Ludwig: Das Virus ist kein direkter Nachfolger, aber es gehört zum gleichen Subtyp H1N1. Dieser Subtyp kommt aber auch bei der jährlichen saisonalen Grippe vor. Allerdings ist unabhängig von einer Verwandtschaft zum Virus der spanischen Grippe die Gefahr gegeben, dass das neue H1N1 Virus gefährlicher werden kann, da stimme ich mit Herrn Throm überein.
Informationen rund um die Vitamin-B12-Creme, über die unser Gast Klaus Martens in der Sendung gesprochen hat, finden Sie hier:
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Hart aber fair - FaktencheckarchivStand: 22.10.2009, 13:41 Uhr
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