Am Arbeitsplatz geht es immer härter zu: Leistungsdruck und drohender Jobverlust sind Alltag, feste Stellen und gutes Arbeitsklima bald die Ausnahme. Kein Wunder, wenn der Kollege nur noch Konkurrent ist. Wie kann man sich gegen Mobbing wehren? Und was ist das für eine Gesellschaft, in der Arbeit Angst macht?
Ausgepresst und weggemobbtEine Talkshow ist turbulent. Auch in 75 Minuten bleibt oft keine Zeit, Aussagen der Gäste gründlich zu prüfen. Deshalb hakt "Hart aber fair" nach und lässt einige Aussagen und Behauptungen von Experten unter die Lupe nehmen, bewerten und kommentieren. Die Antworten gibt es am Tag nach der Sendung hier im Faktencheck.
Norbert Blüm, ehemaliger Bundesarbeitsminister, sagt, Leistungsdruck, der in Angst mündet, kann keine Motivation sein. In einem Klima des Miteinanders können Arbeitnehmer wesentlich mehr Leistung abrufen. Stimmt seine Einschätzung?
Nick Kratzer: Das stimmt. Angst treibt die Menschen an, aber wenn Unternehmen Leistungsbereitschaft nur über Angst erzeugen wollen, dann geht das meiner Erfahrung nach nicht lange gut. Untersuchungen zeigen, dass sich Angst und Unsicherheit negativ auf das Betriebsklima, die Unternehmenskultur und vor allem auf Leistungsbereitschaft und Kreativität auswirken. Wenn Angst und Unsicherheit zunehmen, dann ist das ein Anzeichen dafür, dass ein Unternehmen Probleme hat - aber nicht die Lösung für die Probleme des Unternehmens.
Thomas Rigotti: Dem ist zuzustimmen. Angst führt zu einem körperlichen "Notfallprogramm", welches viel Energie kostet, die dann nicht zur Leistungserbringung zur Verfügung steht. Bekannt ist, dass Arbeitnehmer in wirtschaftlichen Krisenzeiten häufiger trotz einer Krankheit zur Arbeit gehen, aus Angst den Arbeitsplatz zu verlieren. Dies führt jedoch zu mehr Fehlern, der Gefahr, dass sich Kollegen anstecken und dass eine nicht auskurierte Krankheit verschleppt und chronisch wird. Zahlreiche Studien belegen, dass soziale Unterstützung sowie ein vertrauensvolles Klima die Arbeitsleistung positiv beeinflussen, und zwar über die festgesetzten Anforderungen hinaus.
Margot Käßmann sagt, durch den immer weiter steigenden Leistungsdruck nimmt auch die Vereinsamung in der Gesellschaft zu. Hat sie Recht?
Nick Kratzer: Sie hat insofern auf jeden Fall Recht, als dass der steigende Leistungsdruck oft als individuelles Problem, als Problem des Einzelnen wahrgenommen wird und nicht als kollektives Problem, als Problem, das alle haben. Und vor allem wird die Bewältigung des Leistungsdrucks individualisiert und privatisiert: Mit Leistungsdruck umgehen können wird zu einer wichtigen Anforderung - und selbst zum Ausdruck von Leistungsfähigkeit. In der Konsequenz fühlen sich viele, mit denen wir Interviews geführt haben, am Leistungsdruck "irgendwie" selbst schuld (weil sie zum Beispiel nicht gut genug organisiert seien oder es zu genau nähmen und ähnliches) und fühlen sich als Versager, weil sie nicht besser mit ihm umgehen können. Und das kann durchaus auch einsam machen. Ganz abgesehen davon haben ganz viele Beschäftigte in Interviews immer wieder betont, dass am Feierabend nur noch wenig Energie für etwas anderes als die Familie oder die Erledigung von Basisverpflichtungen bleibt - auch so kann Leistungsdruck zur Vereinsamung beitragen.
Thomas Rigotti: Flexibilisierungsprozesse führten in den letzten Jahren dazu, dass es immer unwahrscheinlicher wird, vom Berufseinstieg bis zur Rente für einen Arbeitgeber zu arbeiten. Patchworkbiografien mit zahlreichen Arbeitgeberwechseln und sogar Berufswechseln haben zugenommen. Damit sind häufig auch Ortswechsel verbunden. Klar, dass es somit für Paare oder junge Familien auch schwieriger wird, dauerhaft am gleichen Ort zu sein oder soziale Kontakte zu Freunden und Bekannten aufrecht zu erhalten. Es darf aber auch nicht vergessen werden, dass der Arbeitsplatz ein wichtiger Ort sozialer Beziehungen ist, an dem wir Anerkennung für unsere beruflichen Leistungen erhalten können.
Norbert Blüm sagt, es gebe einen regelrechten Wettbewerb um Billiglöhne. Der führt zu einem Klima der Angst um den Arbeitsplatz. Stimmt das?
Nick Kratzer: Ganz eindeutig, das zeigen viele Studien, nehmen die Angst um den Arbeitsplatz und die Unsicherheit über die eigene Zukunft zu. Der Wettbewerb um Billiglöhne ist aber nur ein Grund. Es sind nicht nur die (Be)drohung mit der Verlagerung in ein anderes Land oder die Vergabe des Auftrags an einen anderen (billigeren) Anbieter, die Angst und Unsicherheit schüren. Zumindest ein Teil der Unternehmen und Arbeitskräfte wird auch mit "maßlosen" Renditeerwartungen konfrontiert - und wer die Ertragsziele nicht schafft, für den wird es schnell ungemütlich (Standort, Funktionsbereich, Arbeitsplatz etc.). Auch das erzeugt - letztlich eben auch unabhängig von der Konkurrenz durch Billiglöhne - Angst und Unsicherheit.
Thomas Rigotti: Diese Aussage ist sicher im Hinblick auf verschiedene Branchen, Berufe und Qualifikationen zu differenzieren. Die zentralen überbetrieblichen Einflussfaktoren, welche von Organisationen eine hohe Flexibilität abverlangen sind: Die globale Ausdehnung der Märkte und Handlungsfelder von Organisationen und damit verbundene vermehrte Konkurrenz, Kommunikationsmedien, die eine ständige Verfügbarkeit ermöglichen, sowie kürzere Produktzyklen und Produktivitätssteigerungen durch technische Fortschritte. Diese Anforderungen werden letztlich an die Arbeitnehmer weitergereicht.
Margot Käßmann sagt, es sei eine sehr männliche Eigenschaft, in führenden Positionen hierarchisch zu leiten, was oft auch durch Ausgrenzung von anderen gekennzeichnet ist. Stimmt das?
Thomas Rigotti: Es gibt Hinweise, dass im Durchschnitt Frauen einen partizipativeren (demokratischeren) Führungsstil zeigen als Ihre männlichen Kollegen. Allerdings sind hier auch Brancheneffekte zu berücksichtigen. Ein interessanter Befund in diesem Zusammenhang ist auch, dass ein partizipativer und mitarbeiterorientierter Führungstil bei männlichen Vorgesetzten positiver eingeschätzt wird als bei Frauen, da es von ihnen eher erwartet wird. Insgesamt sind jedoch die Verhaltensspektren innerhalb der Geschlechter größer als die Unterschiede zwischen ihnen. Hinsichtlich des Führungserfolgs und der Effizienz gibt es keine fundierten Hinweise zu Geschlechtsunterschieden.
Utz Claassen, ehemaliger EnBW-Chef, sagt, es gibt sehr viele Fälle, in denen Menschen sich einem Druck ausgesetzt fühlen, vor dem sie Angst haben und dem sie sich nicht gewachsen fühlen. Viele fressen dies in sich rein, weil sie niemanden haben, dem sie sich anvertrauen können. Hat er Recht?
Thomas Rigotti: Zum Teil. In vielen Fällen warten Betroffene zu lange, bis sie sich Unterstützung aus dem sozialen Umfeld oder professionelle Hilfe holen. Diagnosen zu psychischen Störungen sind seit Jahren jedoch drastisch gestiegen - dies hat jedoch nicht zwingend damit zu tun, dass tatsächlich mehr Menschen an psychischen Störungen erkranken. In den letzten Jahren ist auch eine zunehmende gesellschaftliche Akzeptanz psychischer Störungen zu verzeichnen. Menschen lassen sich eher behandeln, Ärzte verschreiben öfter Psychopharmaka. Leider hat auch die Selbstmedikation, also der Missbrauch von Psychopharmaka, zugenommen.
Norbert Blüm behauptete in der Sendung, Helmut Naujoks biete Seminare zum Thema "Kündigung ohne Kündigungsgrund" an.
Anmerkung der Redaktion: Das stimmt so nicht. Keines der von Helmut Naujoks angebotenen Seminare trägt den Titel "Kündigung ohne Kündigungsgrund". Dennoch bietet Helmut Naujoks Seminare an, in denen Arbeitgebern Strategien vermittelt werden, die es ihnen erleichtern sollen, sogenannten "unkündbaren" Arbeitnehmern, wie zum Beispiel älteren Arbeitnehmern, Betriebsräten oder BAT-Angestellten, zu kündigen. Zwar veranstaltet Naujoks kein Seminar mit dem Titel "Kündigung ohne Kündigungsgrund", jedoch gebraucht er diese Formulierung als Überschrift für ein Kapitel in seinem Buch "Kündigung von "Unkündbaren". Naujoks selbst weist darauf hin, dass es in diesem Kapitel um die rechtliche Problematik der Anfechtung eines Arbeitvertrages geht.
Stand: 17.12.2009, 12:40 Uhr
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