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Sie befinden sich hier: > WDR.de > Politik > Hart aber fair: Faktencheck zur Sendung vom 24.02.10


Logo 'Hart aber Fair' und Porträtfoto Frank Plasberg; Rechte: WDR

Die Priester und der Sex

Faktencheck: Aussagen auf dem Prüfstand

Die katholische Kirche in der Krise: Missbrauchsfälle, Übergriffe auf Schutzbefohlene. Und der Vorwurf, dass vertuscht und verschleiert wurde, statt den Opfern zu helfen. Wem nützt eigentlich der Zölibat? Und wie stark ist ein Glauben, der die Glaubwürdigkeit verliert?

Eine Talkshow ist turbulent. Auch in 75 Minuten bleibt oft keine Zeit, Aussagen der Gäste gründlich zu prüfen. Deshalb hakt "Hart aber fair" nach und lässt einige Aussagen und Behauptungen von Experten unter die Lupe nehmen, bewerten und kommentieren. Die Antworten gibt es am Tag nach der Sendung hier im Faktencheck.

Hans-Jochen Jaschke über Offenheit der Kirche bei Missbrauch

Hans-Jochen Jaschke; Rechte: dpaBild vergrößern

Hans-Jochen Jaschke

Hans-Jochen Jaschke, Weihbischof des Erzbistums Hamburg, sagt, entgegen der öffentlichen Meinung spricht die katholische Kirche seit vielen Jahren offen über Fälle der sexuellen Gewalt an Kindern. Stimmt seine Einschätzung?

Ursula Enders: Nachdem die katholische Kirche in vielen Ländern seit den 90er Jahren mit der Aufdeckung zahlreicher Fälle sexueller Ausbeutung von Priestern konfrontiert wurde, bemühte sie sich auch in Deutschland um eine Schadensbegrenzung. Inzwischen gibt es erste Bistümer, die Hilfen für die Opfer und ihre Angehörigen anbieten. Konzepte einer langfristigen Hilfe für Pfarrgemeinden oder andere kirchliche Institutionen sind bisher jedoch kaum entwickelt worden.

Ein offener Umgang mit der Problematik ist aber auch heute noch in den meisten Fällen nicht zu beobachten. Die Deutsche Bischofskonferenz gab 2002 Leitlinien zum Vorgehen bei sexuellem Missbrauch Minderjähriger durch Geistliche heraus. Diese schreiben die Vorgehensweise zur kircheninternen Abklärung einer Missbrauchsvermutung, die Kooperation mit den staatlichen Strafverfolgungsbehörden und den Umgang mit Tätern (Kirchenstrafe, Tätertherapie und keine Übertragung von Aufgaben, die Täter erneut in Verbindung mit Kindern bringen) und Hilfen für die Opfer fest. Die Verabschiedung dieser verbindlichen Leitlinien war sicher ein erster Schritt in der Auseinandersetzung, doch werden die Regularien der Problematik nur unzureichend gerecht.

Mit der Fokussierung auf den sexuellen Missbrauch durch Geistliche wird damit weiterhin das große Ausmaß der sexuellen Gewalt gegen Kinder und Jugendliche durch Laienmitarbeiter innerhalb der Kirche nicht ernst genug genommen - und damit die weitaus größere Anzahl der Fälle. Zu kritisieren ist auch, dass eine Empfehlung für eine Kooperation mit nichtkirchlichen Einrichtungen fehlt. Viele der Opfer haben zu kirchlichen Einrichtungen kein Vertrauen mehr und Hilfe durch eine solche ist für sie kein akzeptables Angebot.

Norbert Leygraf: Seine Einschätzung stimmt. Tatsächlich gibt es in Deutschland seit dem Jahre 2002 Leitlinien über das Vorgehen der Diözesen in Fällen sexuellen Missbrauchs. Nach einem einwöchigen Kongress in Rom, bei dem sich die Kardinäle mit renommierten Sexualwissenschaftlern und forensischen Psychiatern sowie Kinder- und Jugendpsychiatern ausgetauscht haben, von denen keiner der katholischen Kirche angehörte, wurden diese Richtlinien in Deutschland noch ergänzt. Seitdem muss bei einem der Kirche bekannt gewordenen Fall von sexuellem Missbrauch, aber auch bei straffreien grenzverletzenden Verhaltensweisen eine Begutachtung durch einen erfahrenen forensischen Psychiater erfolgen, sofern überhaupt an einen weiteren Einsatz des Betroffenen innerhalb der Kirche gedacht wird. Diese Gutachten werden an drei Zentren durchgeführt, nämlich durch Prof. Dr. Kröber (Institut für Forensische Psychiatrie der Charité Berlin), Prof. Dr. Pfäfflin (Abteilung für Forensische Psychotherapie der Universität Ulm) und durch mich (Institut für Forensische Psychiatrie der Universität Duisburg-Essen).

Die Erfahrungen aus diesen seit dem Jahre 2003 erfolgten Gutachten weisen auf einen sorgfältigen und zuweilen schon etwas übervorsichtigen Umgang der Bischöfe mit diesen Fällen hin. Da diese Begutachtungspflicht in den vorher bereits aufgestellten Leitlinien noch nicht enthalten ist, mag die diesbezügliche Praxis zuweilen noch verbesserungsbedürftig sein, wie der gestern bekannt gewordene Fall im Kloster Ettal gezeigt hat. Wahrscheinlich wird sich dies aber durch eine Aufnahme der Begutachtungspflicht im Rahmen der Überarbeitung der Richtlinien erledigen.

Heiner Geißler über die Tabuisierung von Sexualität

Heiner Geißler; Rechte: dpaBild vergrößern

Heiner Geißler

Heiner Geißler, ehemaliger Jesuitenschüler sagt, die zurückhaltende Reaktion und der ungeschickte Umgang der Kirche mit den Missbrauchsfällen hängt auch damit zusammen, dass das Thema Sexualität innerhalb der Kirche lange tabuisiert worden ist. Hat er Recht?

Ursula Enders: Dies ist absolut korrekt. Sexualität wird bis zum heutigen Tage von der Kirche noch allzu oft mit Scham und Schuld besetzt. Die Ignoranz gegenüber dem Leid der männlichen Opfer liegt zudem in dem Irrglauben begründet, es bestehe ein Zusammenhang zwischen Homosexualität und sexuellen Missbrauch. Dies ist falsch: Missbrauch ist Machtmissbrauch und wird meist von heterosexuellen Männern, Frauen und Jugendlichen verübt. Die Homosexuellenfeindlichkeit der katholischen Kirche erschwert es männlichen Opfern in besonderem Maße, Worte für ihre traumatischen Erfahrungen zu finden und Hilfe zu bekommen.

Norbert Leygraf: Man kann es nur vermuten. Inwieweit die Tabuisierung der Sexualität, mit der die Kirche vor 50 Jahren ja nicht allein stand, das Verschweigen der Missbrauchsfälle und den schrecklich falschen Umgang mit den innerkirchlichen Tätern befördert hat, kann ich nicht beurteilen. Die bedauerlich späte öffentliche Entschuldigung seitens Herrn Erzbischof Zollitsch dürfte jedoch andere Gründe gehabt haben, zu denen ich nichts sagen kann. Bei einer Diskussion der Bischofskonferenz mit diversen Fachleuten, bei der ich am Dienstag (23.02.10) selbst mit dabei war, habe ich den Eindruck gewonnen, dass zumindest die Bischöfe durchaus in der Lage sind, recht offen über dieses Thema zu diskutieren.

Hans-Jochen Jaschke über Pädophilie in den 70er Jahren

Hans-Jochen Jaschke; Rechte: dpaBild vergrößern

Hans-Jochen Jaschke

Hans-Jochen Jaschke sagt, in den 70er und 80er Jahren hat die Wissenschaft noch nicht gewusst, wie schwerwiegend die Veranlagung der Pädophilie ist. Damals habe man geglaubt, es sei eine Besserung möglich. Stimmt das?

Ursula Enders: Bis in die 90er Jahre versuchten immer wieder Wissenschaftler, die sich zum Teil offen zu ihrer pädosexuellen Veranlagung "bekannten", die internationale Forschung für ihre Interessen zu instrumentalisieren. Im Rahmen von Forschungsprojekten wiesen sie zum Beispiel ohne die Befragung eines einzigen Opfers "wissenschaftlich" nach, dass eine "gewaltfreie" sexuelle Ausbeutung Jungen nicht schade. Laien und Fachleute haben in ihrem blinden Glauben an die Wissenschaft diese Argumentation nur allzu naiv übernommen. Der Glaube an eine mögliche "Besserung" pädokrimineller Täter ermöglichte ihnen, das große Ausmaß der Gewalt einzelner Täter weiterhin zu leugnen und die Erschütterung des eigenen Weltbildes und Glaubens zu ignorieren. Somit brauchte man sich der eigenen Verantwortung für das Leid und den Schutz von Kindern und Jugendlichen nicht zu stellen.

Norbert Leygraf: Es stimmt. Tatsächlich hat man in der Psychiatrie und der Sexualwissenschaft in den 70er und 80er Jahren noch angenommen, dass es sich bei der Pädophilie um eine Störung handele, die sich durch psychotherapeutische Bearbeitung abändern lasse. Mittlerweile ist dies durch leidvolle Erfahrungen und viele gescheiterte Versuche ad acta gelegt worden. Pädophilie ist eine seit der Pubertät festliegende Störung der sexuellen Präferenz. Daher wird auch in der Behandlung solcher Menschen nicht mehr versucht, diese Präferenz als solche zu ändern. Vielmehr werden den Betroffenen Möglichkeiten vermittelt, ihre Sexualität so zu kontrollieren, dass sie nicht mehr sexuell übergriffig werden ("no cure but control").

Andreas Englisch über die Häufigkeit von Missbrauch in der Kirche

Andreas Englisch; Rechte: dpaBild vergrößern

Andreas Englisch

Andreas Englisch, Vatikan-Korrespondent der "Bild-Zeitung", sagt, Studien belegen, dass pädophile Tendenzen in der katholischen Kirche im Vergleich zu anderen Berufsgruppen geringer sind. Stimmt das?

Norbert Leygraf: Man weiß es nicht genau. Es gibt dazu keine wissenschaftlich haltbaren Zahlen. Eine amerikanische Studie zu diesem Thema, die vom John Jay College of Criminal Justice durchgeführt und 2006 veröffentlich wurde, leidet unter starken methodischen Mängeln (es wurde u.a. nicht differenziert zwischen Beschuldigungen und nachgewiesenen Fällen sowie zwischen Missbrauchshandlungen an Kindern, Jugendlichen und Heranwachsenden). Auch die vom "Spiegel" veröffentlichte Zahl von 94 innerkirchlichen Tätern seit 1995 würden bei 210.000 in dieser Zeit erfolgten Anzeigen wegen sexueller Missbrauchshandlungen für einen ausgesprochen geringen Anteil an innerkirchlichen Tätern sprechen. Diese Zahlen gegenüber zu stellen, ist aus vielerlei Gründen wissenschaftlich nicht korrekt.

Was man aber sicher sagen kann: Es gibt bislang keinerlei Hinweis darauf, dass es in der Kirche mehr pädophil veranlagte Männer als in der sonstigen Gesellschaft gibt. Erst recht gibt es keinen Hinweis darauf, dass es hier mehr sexuell missbrauchende Täter gibt. Die Veranlagung "Pädophilie" und der Straftatbestand "sexueller Missbrauch" werden in der öffentlichen Diskussion der letzten Jahre allzu oft synonym genutzt. Dabei wird vergessen, dass die allermeisten sexuellen Missbrauchshandlungen an Kindern durch Täter erfolgen, die keine pädophile Veranlagung haben. Und es gibt eine Vielzahl pädophil veranlagter Männer, die durch ihr Gewissen so gesteuert sind, dass sie ihre Veranlagung nicht durch Misshandlung von Kindern in Taten umsetzen.

Stand: 25.02.2010, 14:30 Uhr


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