Von Robert Franz
Der Paritätische Wohlfahrtsverband will in Zukunft keine Zivildienstleistenden mehr einsetzen. Nach Ansicht von Hauptgeschäftsführer Ulrich Schneider sei eine Dienstzeit von sechs Monaten nicht mehr tragbar. Die Mitarbeiter an der Basis stimmen dem zu.
Beim Gedanken, dass ihr Zivi künftig nur noch ein halbes Jahr da sein könnte, wird Brigitte Oster unruhig. "Ich kann mir das gar nicht vorstellen", sagt die examinierte Altenpflegerin. Niklas Worring ist derzeit ihr Zivi. Seit fünf Monaten arbeitet in der Tagespflege für ältere Menschen beim Paritätischen Wohlfahrtsverband in Solingen. "Unsere Gäste haben ihn längst ins Herz geschlossen", sagt Oster. Niklas Worring sitzt derweil mit den Gästen der Tagespflege am Tisch und spielt. Zwischendurch steht er auf, und schenkt den älteren Menschen etwas zu trinken ein. Darauf zu achten, dass sie genug zu trinken bekommen, ist für ihn zur Selbstverständlichkeit geworden. Einem erblindeten Bäcker hilft er vormittags Kuchen zu backen.
Die Arbeit mit alten Menschen bereitet dem 21-Jährigen inzwischen viel Freude. "Sich um ältere Leute zu kümmern, finde ich jetzt sehr interessant", sagt der Abiturient, der im nächsten Jahr ein Lehramtsstudium beginnen will. Die Altenpflegerinnen haben ihm viele Vorbehalte genommen, die er in den ersten Tagen hatte. "So habe ich gelernt, locker und freundschaftlich, aber höflich auf unsere Gäste zuzugehen", erzählt Worring. Heute weiß er, dass man einen Gast der Tagespflege, der einen schlechten Tag hat, ganz sanft ansprechen sollte. Auch bei den gemeinsamen Mahlzeiten hat der junge Mann mittlerweile viel mehr Geduld, wenn ein Gast etwas länger fürs Essen braucht.
Nach fünf Monaten hat sich Worring in seiner Einsatzstelle eingelebt, ein Zeitraum, der fast so lang ist, wie 2011 der gesamte Zivildienst dauern soll. Deshalb teilt Worring die Einstellung seiner hauptamtlichen Kollegen. "Das wäre viel zu kurz." Altenpflegerin Oster befürchtet vor allem, dass sich bei der kurzen Dienstzeit Zivis und Betreute fremd bleiben. "Die werden dann nur noch arbeiten." Ein Nachteil für beide Seiten, denn die jungen Männer hätten weniger Chancen, etwas fürs Leben zu lernen und den Älteren fehle der intensive Kontakt zur jüngeren Generation.
Zu den emotionalen Gründen kommt für Martina Kopplow, Assistentin der Geschäftsführung, noch ein betriebswirtschaftlicher Aspekt hinzu, der gegen einen kürzeren Zivildienst spricht. "Effektiv bleiben noch etwas mehr als drei Monate", kalkuliert Kopplow, denn neben dem Urlaub verbringen die Zivis noch mehrere Wochen außerhalb der Einrichtung, um die Grundlagen ihrer Arbeit zu lernen. Andererseits investieren die Mitarbeiter viel Zeit in die Einarbeitung vor Ort, um dem Anspruch einer attraktiven Einsatzstelle gerecht zu werden. "Für die kurze Zeit lohnt das nicht mehr." Vor Ort in Solingen teilen die Mitarbeiter des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes die Einstellung ihres Bundesgeschäftsführers, Ulrich Schneider, ganz aus dem Zivildienst auszusteigen - auch wenn sie sich diese Situation noch nicht wirklich vorstellen können. "Das wäre schon ein riesiger Verlust", bringt es Kopplow auf den Punkt.
Stand: 03.11.2009, 17:00 Uhr
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