Von Sarah-Janine Flocke
Deutschland schrumpft: Es gibt weniger Kinder, aber immer mehr Alte. Politik und Wirtschaft warnen vor einer nicht mehr finanzierbaren, kinderarmen, vergreisenden Gesellschaft und bauen vorsichtshalber die bestehenden Sozialsysteme um. Ist die Lage wirklich so dramatisch?
"Wir sind jedenfalls kein aussterbendes Volk", sagt Professor Gerd Bosbach, Wirtschafts- und Sozialstatistiker an der Fachhochschule Remagen. Er beobachtet die Debatte um den demografischen Wandel und hat die Daten, mit denen das Bild vom vergreisenden Land gezeichnet wird, überprüft. "Die Diskussion wird mit falschen oder völlig aus dem Zusammenhang gerissenen Zahlen geführt. Es ist zwar richtig, dass die Bevölkerungszahl sinkt und die Menschen gleichzeitig immer älter werden. Aber das ist keine neue Entwicklung, sondern mindestens schon seit 1900 zu beobachten", sagt Bosbach.
Die sozialen Sicherungssysteme werden den demografischen Wandel verkraften, glaubt Bosbach und verweist auf bisherige Entwicklungen: In den vergangenen 100 Jahren ist die durchschnittliche Lebenserwartung um 30 Jahre gestiegen, gleichzeitig ist der Anteil der Kinder an der Bevölkerung um 24 Prozent gesunken. "Verglichen damit ist das, was uns in den nächsten 50 Jahren erwartet, harmlos. Die Menschen werden höchstens sechs Jahre älter als heute werden", sagt Bosbach.
Geburtenraten in Europa
Die deutsche AlterspyramideNeben der Überalterung beklagen Politiker und Demografen die niedrige Geburtenrate in Deutschland, die derzeit bei rund 1,4 Kindern pro Frau liegt. Dies sei die geringste Geburtenrate der Welt, vermeldete ein demografisches Institut im März und sorgte damit für dramatische Schlagzeilen in allen überregionalen Zeitungen. Denn Kinder, die heute nicht geboren werden, fehlen morgen als Arbeitskräfte. Und wer soll dann all die Menschen versorgen, die spätestens ab 2030 scharenweise in Rente gehen werden?
Bosbach widerspricht: "Die Meldung ist eine glatte Lüge. Erstens haben allein zehn europäische Länder eine niedrigere Geburtenrate als Deutschland, und zweitens ist diese Zahl bei weitem nicht neu. Bereits seit 1970 stagniert die Geburtenrate in Deutschland." Die Berechnung der zukünftigen Belastungen hält er zudem für falsch oder zumindest ungenau: "Dabei wird häufig übersehen, dass nicht nur Alte sondern auch Arbeitslose und Kinder versorgt werden müssen. Wenn es zukünftig aber weniger Kinder und weniger Arbeitslose gibt, ist die Belastung durch mehr Rentner nur noch halb so dramatisch." Allerdings geht diese Rechnung nur auf, wenn dann alle Berufstätigen sehr gut ausgebildet und damit produktiver sind. Auch längere Lebensarbeitszeiten könnten den befürchteten Fachkräftemangel vorerst mildern.
Möglicherweise birgt der demografische Wandel in Deutschland auch neue Chancen für Wirtschaft und Gesellschaft. Professor Gerhard Bosch vom Institut für Arbeit und Technik in Gelsenkirchen glaubt, "dass durch die Alterung der Gesellschaft neue Märkte entstehen. Die 'Generation 50+' ist als kaufkräftige, stetig wachsende Käuferschar ein wichtiger Wirtschaftsfaktor." Ganz besonders im Wellness- und Gesundheitssektor, einem der am schnellsten wachsenden Wirtschaftszweige in Nordrhein-Westfalen, sieht er Potenzial.
Andererseits dürften die Rentner von morgen nicht nur als Konsumenten verstanden werden. Stattdessen müssten ältere Menschen mit ihrem Wissen so lange wie möglich berufstätig bleiben können. "Im Ruhrgebiet gibt es eine ausgeprägte Tradition der Frühpensionierung. Diese Personalpolitik ist nicht zukunftsfähig und muss dringend verändert und durch eine Kultur des lebenslangen Lernens ersetzt werden", sagt Bosch Gleichzeitig müssten die Betriebe mehr Jugendliche ausbilden. Idealerweise könnte so die Arbeitslosigkeit sowohl bei älteren Menschen als auch bei Berufseinsteigern gesenkt werden. Eine Meinung, der sich Gerd Bosbach anschließt: "Wenn die Renten- und Gesundheitskassen zukünftig leer sein werden, dann nicht deshalb, weil wir zu wenig Kinder haben, sondern weil die, die wir haben, nicht gut genug ausgebildet sind und dann keine Arbeit finden."
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Bevölkerungs-Vorausberechnung für Nordrhein-WestfalenStand: 24.05.2006, 06:00 Uhr
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