Europawahl
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Europawahl
Porträt des FDP-Europakandidaten Alexander Graf Lambsdorff
Von Marion Kretz-Mangold
Um es vorweg zu sagen: Ja, Alexander Graf Lambsdorff ist mit Otto verwandt. Aber der FDP-Abgeordnete hat sich unter Europäern längst selbst einen Namen gemacht - mit Ehrgeiz, Pflichtgefühl und ganz eigenen Ansichten.
Alexander Graf Lambsdorff fliegt fast zur Tür herein. Gerade ist er aus Wachtberg gekommen, einer Gemeinde südlich von Bonn, und gleich muss er auf die andere Rheinseite, nach Bad Honnef. Es ist Europawahlkampf, und sein Terminkalender ist mehr als voll: Begegnungen mit Bürgermeistern, Reden vor Ortsvereinen, Podiumsdiskussionen, das ganze Programm eben. Aber jetzt hat er eine Dreiviertelstunde Luft. Und so setzt er sich in den roten Sessel, der in seinem Bonner Wahlkreisbüro steht und offensichtlich schon einige Wahlkämpfe hinter sich hat, und erzählt - lebhaft, konzentriert, manchmal salopp, aber immer auf den Punkt. Trotzdem: Die Zeit reicht bei Weitem nicht.
Lambsdorff ist gerade mal 42 Jahre alt, hat aber schon vor der Ausbildung zum Diplomaten eine Menge erlebt: Sohn eines Botschafters, Student in Bonn und den USA, Berater in Estland. Das öffnet den Blick für die Welt. Das Liberale hat er von der Familie mitbekommen; sein Onkel Otto ist bisher der prominenteste, aber nicht der einzige Lambsdorff, der sich engagiert. Für ihn, sagt Alexander, war es vor fünf Jahren logisch, für das Europaparlament zu kandidieren, obwohl er im Auswärtigen Amt für die russische Außenpolitik zuständig war: "Noch spannender konnte es gar nicht mehr werden. Aber ich dachte: Erstens macht es dir vielleicht selber Spaß. Und zweitens kannst du was für die Partei erreichen."
Das klingt nach Pflichtgefühl. "Stimmt", sagt er. Vier Jahre zuvor hatte er für den Landtag kandidiert, ohne eine Chance, nur, um der FDP ein Gesicht zu geben. Er meldete sich wieder, als die Partei auf der Suche nach einem Kandidaten für die Europawahl 2004 war. "Das war ein Himmelfahrtskommando", sagt er, "die Leute haben gesagt, du hast einen Knall." Die FDP war zehn Jahre zuvor aus dem Parlament geflogen, und an eine Rückkehr glaubte eigentlich niemand. Aber Lambsdorff war überzeugt, dass die deutschen Liberalen nach Straßburg gehörten. "Also haben wir Nordrhein-Westfalen durchpflügt und Wahlkampf gemacht bis zur Stimmbandentzündung", sagt er lachend. Der Lohn: 6,1 Prozent bundesweit und "ein Supergefühl", weil die FDP wieder ins Parlament einzog. Und Lambsdorff selbst konnte internationale Politik mit liberaler Politik verbinden. "Ein Volltreffer", sagt er. "Und daran hat sich nichts geändert."
Seitdem streitet er als einer von 99 liberalen Abgeordneten für ein starkes, aber schlankes Europa, für die Marktwirtschaft auch in Zeiten der Wirtschaftskrise und gegen zuviel Bürokratie. Er sei ein angenehmer Diskussionspartner mit hoher Sachkunde, sagen Mit-Parlamentarier, "kein junger Wilder". Manchmal bewegt er sich auch quer zur offiziellen Parteilinie, etwa, wenn es um den EU-Beitritt der Türkei geht: Es sei ein Fehler gewesen, die Verhandlungen aufzunehmen. Aber "das kriegen wir nicht dadurch korrigiert, dass wir plump erklären, wir machen jetzt die Tür zu." Da ist Lambsdorff ganz Diplomat.
Das Denken in großen Zusammenhängen liegt Lambsdorff: Er schreibt Bücher über das ewige EU-Thema "Verfassung" und über liberale Werte in der heutigen Zeit. Die praktische Politik betreibt er in den Ausschüssen und Delegationen, für den Binnenmarkt, für auswärtige Angelegenheiten und für die Beziehungen zu den Vereinigten Staaten, um nur einige zu nennen. Und manchmal trägt es ihn tatsächlich ins Ausland, etwa als EU-Wahlbeobachter in Kenia im Dezember 2007. Eine schwierige Mission, an die er sich mit gemischten Gefühlen erinnert, weil es Unregelmäßigkeiten gab und danach blutige Unruhen ausbrachen. Aber er konnte die anderen Staaten davon überzeugen, dass es nicht mit rechten Dingen zugegangen war: Auch das, sagt er, sei wichtig gewesen.
So nahe am Weltgeschehen ist er aber eher selten. Arbeit für Europa, das ist Arbeiten im ganz Kleinen. Was sind Monomere und Polymere? Der Historiker musste sich die Struktur der Moleküle erst mal erklären lassen, als es um die neue EU-Chemikalienverordnung REACH ging. Oder auch: Warum ticken die Letten im Parlament so viel anders als die Franzosen oder Portugiesen? Das herauszufinden, sagt Lambsdorff, "macht Spaß. Aber es dauert sehr lange".
Manchmal dauert die Detailarbeit sogar Monate und Jahre - so lange hat Lambsdorff an einer Richtlinie zum "Binnenmarkt für Verteidigungsgüter" gefeilt. Auch auf dem Markt für Rüstungsgüter sollte Wettbewerb herrschen, lautete die Vorgabe der EU: Ein Mitgliedsstaat sollte beim besten Anbieter kaufen, nicht unbedingt beim heimischen. "Wir haben eine Riesenzahl von Rüstungsprogrammen in Europa", erklärt Lambsdorff. "Das heißt, wir verschwenden Steuergelder in Milliardenhöhe, wir geben unseren Soldaten nicht die beste Ausrüstung, weil wir noch diese Kleinstaaterei haben."
Das ist kein Thema, mit dem man punkten kann, und auch noch "brutal viel Arbeit", wie er heute sagt. Aber es lag ihm am Herzen. Und er war offizieller Berichterstatter, also ein Vertreter des Parlaments, der auf Augenhöhe mit den europäischen Regierungen verhandeln konnte. "Fürst auf Zeit" zu sein, wie die Berichterstatter schon mal genannt werden, hat ihm schon gefallen. Dass das Papier, das schließlich mit großer Mehrheit vom Parlament abgesegnet wurde, als "Lambsdorff-Bericht" in die Annalen Europas einging, auch.
Er könnte noch viel mehr erzählen, von krummen Gurken und anderen europäischen Legenden, vom Wahlkampf mit NRW-Promis und von seiner Familie, mit der er in Brüssel lebt. Aber sein Mitarbeiter drängelt: Die Parteifreunde in Bad Honnef warten schon. Dort wird er anderthalb Stunden in einem stickigen Gastraum sitzen, ein bisschen gegen die politischen Gegner sticheln und viel erklären: warum Europa gut für Deutschland, die Glühbirnen-Richtlinie "Kokolores" und Sarkozys Auto-Protektionismus gefährlich ist. Eine Frage noch, ehe er aufbricht: Wo er wohl in zehn Jahren sein wird? Zurück im Auswärtigen Amt? Im Bundestag? "Keine Ahnung. Ich bin happy - im Moment kann ich mir nichts anderes vorstellen." Und ist schon wieder zur Tür hinaus.
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Ein europäischer Markt für VerteidigungsgüterStand: 03.06.2009, 02:00 Uhr
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