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Kopftuch erwünscht

Milli Görüs vergibt Studienstipendien

Frauen, die darauf bestehen, an der Uni ihr Kopftuch zu tragen, haben gute Chancen, ein Stipendium von Milli Görüs zu erhalten. Die umstrittene Organisation hat 1.500 islamische Studenten für Samstag (31.03.07) nach Hagen eingeladen.

Studentin mit Kopftuch sitzt im Hörsaal; Rechte: dpaBild vergrößern

Mit Kopftuch im Hörsaal

Der Studententag der "Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs" (IGMG) steht unter dem Motto "Zukunft in der Tradition". Zur Veranstaltung in der Stadthalle Hagen werden rund 1.500 Studenten und Abiturienten aus ganz Europa erwartet. Darunter sind viele strengreligiöse Türkinnen, die wegen des Kopftuchverbots in ihrer Heimat in Deutschland studieren wollen. Mit 250 Studienstipendien von monatlich 400 Euro will Milli Görüs ihr Studium an deutschen Hochschulen unterstützen. Bei dem Treffen in Hagen werde es unter anderem "um die Eigenschaften gehen, die in Europa lebende muslimische Studenten besitzen sollten" - heißt es auf der Homepage der IGMG, die ihren Sitz in Kerpen hat.

Der WDR-Journalist Ahmet Senyurt verfolgt die Aktivitäten von islamischen Organisationen und Islamisten seit Jahren. Im Gespräch mit WDR.de gibt er Auskunft über die Bedeutung der IGMG-Konferenz.

WDR.de: Was steht am IGMG-Studententag in Hagen auf dem Programm?

Ahmet Senyurt: Das Treffen besteht aus verschiedenen Teilen. Zum einen gibt es ein kulturelles Rahmenprogramm mit Musik und einer Kunstausstellung. Zum anderen werden Reden gehalten. Dazu sind zwei Gäste eingeladen. Einer von ihnen ist der türkische Professor Numan Kurtulmus. Er tritt in Hagen in der Rolle des Akademikers auf. Was in der Einladung aber nicht erwähnt wird, ist seine politische Funktion. Er ist nämlich auch Mitglied in der islamistischen Saadet-Partei, der türkischen "Glückseligkeitspartei" und Kolumnist in der türkischen Tageszeitung "Milli Gazete". Kurtulmus gilt als einer der Kronprinzen von Necmettin Erbakan, dem Gründer der türkischen Milli-Görüs-Bewegung. Das ist eine islamistische Organisation und Teil der Saadet-Partei von Erbakan.

Kurtulmus war einer der Hauptorganisatoren der Anti-Papst-Demonstration in Istanbul, als Papst Benedikt XVI. dort zu Gast war. Mit von der Partie war damals auch ein weiterer Abgeordneter der Saadet-Partei: Osman Yukmakogullari. Er war bis Mitte der 1990er Chef der deutschen Milli Görüs.

WDR.de: Unter den 1.500 eingeladenen Studenten sollen 250 Stipendien verteilt werden. Wissen Sie nach welche Kriterien das geschieht?

Senyurt: Nein, das ist mir nicht bekannt. Aber ich bin gespannt, ob tatsächlich 1.500 Studenten nach Hagen kommen. Denn 2003 hatte der deutsche Milli-Görüs-Ableger IGMG nach eigenen Angaben noch 800 studentische Mitglieder. Das würde eine enorme Steigerung bedeuten. Milli Görüs verzeichnet seit einigen Jahren auf allen Ebenen einen Mitgliederschwund. Es hatte einen Wirtschaftsskandal gegeben, bei dem in Moscheen von Milli Görüs Geld von den Gläubigen abgezockt wurde. Das hatte natürlich zu einem Imageschaden geführt. Außerdem kann die Mehrheit der jungen Muslime mit den Wohlfahrtsangeboten des politischen Islams nicht viel anfangen. Denn wer zum Beispiel in Deutschland Abitur gemacht hat, der braucht im Studium keine sprachliche Unterstützung mehr.

Seit Anfang des Jahres war ich persönlich auf verschiedenen lokalen Veranstaltungen von Milli Görüs. Dabei habe ich festgestellt, dass dort, wo Milli Görüs früher vor 1.000 oder 1.200 Leuten aufgetreten ist, heute noch 300 Personen sitzen.

WDR.de: Ist die IGMG-Konferenz in Hagen ein Novum?

Senyurt: Das ist nichts Neues. Solche Veranstaltungen macht Milli Görüs schon seit Jahren erfolgreich - etwa in Österreich und in den Niederlanden. Auch die Studentenabteilung, die in Hagen als Organisator auftritt, gibt es schon seit rund zehn Jahren.

WDR.de: Welches Ziel verfolgt Milli Görüs mit dem Treffen?

Necmettin Erbakan; Rechte: dpaBild vergrößern

Umstritten: Necmettin Erbakan

Senyurt: Hinter der Fassade des Studententages geht es um knallharte Interessenspolitik. In Hagen weisen die Spuren eindeutig in die Türkei. Wir haben in der Türkei Wahlkampf. Die 250 Stipendien bieten Necmettin Erbakan eine Propagandamöglichkeit. Seine Saadet-Partei steht in Konkurrenz zur Regierungspartei AKP. Diese ist mit dem politischen Ziel angetreten, das Kopftuchverbot an den türkischen Universitäten aufzuheben. Aber die AKP hat sich damit bis heute nicht durchgesetzt. Auch die Töchter von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan studieren nicht in der Türkei, sondern im Ausland. Jetzt kann Erbakan im Wahlkampf mit der Aussage punkten: Wir vergeben Stipendien an Frauen, die in der Türkei nicht studieren dürfen, weil sie das Kopftuch nicht abnehmen. Wir holen unsere Schwestern nach Europa und lassen sie dort studieren.

WDR.de: Der NRW-Verfassungsschutz beobachtet Milli Görüs. Ist die Organisation gefährlich?

Senyurt: Gefährlichkeit ist immer relativ. Milli-Görüs vertritt zwar eine ultraorthodoxe Tradition des Islam, aber sie macht keine islamistischen Terroranschläge. Sie betreibt hingegen durch ihre Abschottungspolitik eine Teilung der deutschen Gesellschaft. Sie versuchen sich in Stadtteilen Inseln aufzubauen, um dort mit ihren Regeln zu dominieren. Sie sagen zu den türkischen Frauen nicht, du musst jetzt ein Kopftuch tragen. Aber es entsteht ein Klima, in dem eine solche Erwartungshaltung entsteht.

Necmettin Erbakans Milli Görüs vertritt eine Überlegenheitsideologie, die die Welt in muslimisch und nichtmuslimisch einteilt. Das Nichtmuslimische gilt es zu bekämpfen, umzuwandeln, zu transformieren. Das ist eine Aufgabe. Der Hauptfeind ist ein wirres antisemitisches Zerrbild von dem Juden. Die Milli Görüs Ideologie wird nicht mit Waffengewalt durchgesetzt, sondern in einem Kampf um die Köpfe. Die Milli Görüs Bewegung versucht, eine Parallelgesellschaft aufzubauen und diese zu dominieren, um daraus politische Macht abzuleiten. Die Islamische Gemeinschaft Milli Görüs ist Teil der erbakanischen Bewegung. Bisher haben sich ihre Funktionäre nicht von der türkischen Mutterorganisation emanzipieren können - oder wollen.

Das Interview führte Dominik Reinle.

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Stand: 31.03.2007, 00:00 Uhr


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