Einst war sie Kaderschmiede der NSDAP, nun soll die ehemalige NS-Ordensburg Vogelsang nach dem Willen der NRW-Landesregierung zum Touristenziel werden. Heftige Kritik an diesem Konzept kommt von den NS-Gedenkstätten in NRW.
"Wir wollen eine touristisch bedeutsame Zukunft für die Anlage, ohne die furchtbare Vergangenheit zu leugnen", sagte NRW-Wirtschaftsministerin Christa Thoben (CDU) am Dienstag (18.12.07). Die schwarz-gelbe Landesregierung hatte zuvor in einer so genannten Leitentscheidung ein Entwicklungskonzept für die einstige Nazi-Ordensburg im Nationalpark Eifel beschlossen. Mit den Beschlüssen der Landesregierung sei "eine sensible, seriöse und solide Grundlage für die weitere Nutzung der Anlage" gefunden worden, so Thoben.
Für die erste Entwicklungsstufe werden insgesamt 27 Millionen Euro zur Verfügung gestellt: Zehn Millionen Euro kommen vom Bund sowie 17 Millionen Euro von Land und EU. Die Region beteiligt sich zu zehn Prozent.
Anfang 2008 soll eine Rahmenvereinbarung zwischen dem Bund, dem Land NRW, den beteiligten Eifel-Kreisen, der Stadt Schleiden und dem Landschaftsverband Rheinland unterzeichnet werden. In der ersten Umbaustufe von 2008 an bis 2012 sollen unter anderem das Dokumentationszentrum zur NS-Geschichte und eine Jugendherberge entstehen. Seit der Freigabe der lange vom belgischen Militär genutzten früheren Ordensburg zu Jahresbeginn 2006 für Besucher kamen bislang mehr als 300.000 Interessierte zu der Anlage.
Heftig kritisiert wird die Entscheidung der Landesregierung vom Arbeitskreis NS-Gedenkstätten NRW. "Damit haben wir nichts zu tun", sagte der Vorsitzende des Arbeitskreises, Prof. Alfons Kenkmann, zu WDR.de. "Das nun beschlossene Konzept ist mit Historikern weder breit diskutiert noch abgestimmt worden." Von den 27 Millionen Euro werde "nur ein Bruchteil" für die versprochene NS-Dokumentation verwendet. "Statt einer Fokussierung auf die NS-Geschichte steht nun der Event-Tourismus im Vordergrund", sagt Kenkmann.
Der Wunsch der
Standortentwicklungsgesellschaft1 Vogelsang (SEV), Mitglied im Arbeitskreis NS-Gedenkstätten NRW zu werden, wurde Mitte November vom Arbeitskreis abgelehnt. "Es gab erheblichen Widerstand in der Sitzung", sagte der Vorsitzende Kenkmann. Wer ein Konzept vertrete, bei dem der Event-Charakter die Hauptrolle spiele und die NS-Vergangenheit als Anhängsel behandelt werde, könne nicht aufgenommen werden. Das "Dachmarkenkonzept Vogelsang ip" der SEV sei "noch nicht ausgereift" und verfüge über "eine völlig falsche Gewichtung", so Kenkmann.
Vogelsang entstand ab 1934 im Auftrag der NSDAP als
Schulungsstätte2 für den nationalsozialistischen Parteikader. Architekt war der Kölner Clemens Klotz, der auch das gigantische Erholungsheim in Prora auf der Insel Rügen plante. Die Burg Vogelsang war eine von insgesamt drei sogenannten Ordensburgen in Deutschland. Insgesamt 2.000 junge Männer sollen hier zwischen 1936 und 1939 einen jeweils einjährigen Lehrgang absolviert haben. Ziel war die Erziehung eines "neuen Menschen" im Geist der menschenverachtenden NS-Ideologie. Neben dem zentralen Gemeinschaftshaus mit seinem 42 Meter hohen Turm gab es Schlaf- und Arbeitshäuser sowie "Feierstätten", Sportplätze und ein Schwimmbad.
Die Standortentwicklungsgesellschaft Vogelsang GmbH (SEV) wurde am 9. Mai 2005 gegründet. Sie soll die Weichen für die Zeit nach dem Abzug des belgischen Militärs Ende 2005 stellen. Die Gesellschaft ist auf zwei Jahre angelegt. Gesellschafter sind die Landesentwicklungsgesellschaft (LEG) für das Land NRW, die Kreise Aachen, Düren und Euskirchen, die Stadt Schleiden sowie der Förderverein Nationalpark. Im Aufsichtrat ist das Land durch das Wirtschafts-, das Städtebau- und das Umweltministerium vertreten.
Aufgabe der SEV ist es, "verwertbare Grundstücke für Nachnutzer vorzubereiten und ein entsprechendes Planungs-, Nutzungs- und Trägerkonzept zu erarbeiten". Das Projektmanagement liegt bei der LEG, die auch den Geschäftsführer stellt. Die SEV verfügt über ein jährliches Budget von 400.000 Euro. 60 Prozent der Summe zahlt das Land NRW, 30 Prozent kommen vom Bund, zehn Prozent bringen die Gesellschafter aus der Region auf.
Neben der Ordensburg Vogelsang in der Eifel bauen die Nazis ab 1934 zwei weitere: eine in Crössinsee in Pommern und eine in Sonthofen im Allgäu. Eine vierte geplante Burg in der Nähe der historischen Marienburg in Ostpreußen wird nicht mehr errichtet. Im "Neuen Brockhaus 1937" steht: Die Ordensburgen dienen "der Sicherung des Führernachwuchses der NSDAP. Der Name weist hin auf den Ordenscharakter der Partei".
Die Burgen bilden die vorletzte Station in der geplanten Elite-Ausbildung: Zunächst sollen die Jungen in die "Adolf-Hitler-Schule" eingezogen werden. Nach dem Militärdienst und einer Berufsausbildung werden die Besten zur weiteren Auslese für drei Jahre in den Ordensburgen geschult - je ein Jahr auf jeder der Burgen. Am Ende ist ein Aufenthalt in der geplanten Parteihochschule in Bayern vorgesehen. Deren Absolventen sollen für jede Führungsposition im Deutschen Reich geeignet sein.
Am 4. Mai 1936 ziehen die ersten 500 "Junker" auf der Burg ein. Die Anforderungen: Parteimitglied vor 1933, zwischen 24 und 26 Jahren alt, "erbgesund". Ziel der Schulung ist "eine neue Form der Charakterbildung". Hitler spricht 1937 von "blindem Gehorsam und absoluter Autorität" als oberstem Lebensgesetz des politischen Führers. Neben Sport steht vor allem rassistische Indoktrination auf dem Lehrplan.
Nazi-Burg ohne Kommentar
"Nett entnazifiziert": Die Belgier und Vogelsang
NS-Ordensburg: Bald Neonazi-Treff?
"Dachmarkenkonzept Vogelsang ip"
Vogelsang ip
Förderverein Nationalpark Eifel
Vogelsang gestern - heute - morgen
NS-Gedenkstätten und Dokumentationszentren in NRWStand: 18.12.2007, 20:12 Uhr
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