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Dienstag, 09.02.2010

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Sie befinden sich hier: > WDR.de > Politik > Vor 50 Jahren versbschiedet die SPD ihr Godesberger Parteiprogramm


Wendepunkt der Sozialdemokratie

Erinnerungen an den Godesberger Parteitag der SPD

Von Robert Franz

Vor 50 Jahren verabschiedete die SPD auf einem Sonderparteitag eine neues Grundsatzprogramm. Im Godesberger Programm bekannte sie sich zur Marktwirtschaft und wurde Volkspartei. Einer der Delegierten war Franz-Josef Antwerpes.

Vorstand der SPD sitzt an einer Tischreihe auf der Bühne der Stadthalle von Bad Godesberg; Rechte: dpaBild vergrößern

SPD-Parteivorstand 1959 mit Herbert Wehner

"Vom Bahnhof bin ich damals zu Fuß zur Stadthalle von Godesberg gelaufen", erinnert sich der frühere Kölner Regierungspräsident. Als 24-Jähriger war er 1959 von seinem Unterbezirk Viersen zu dem Parteitag entsendet worden, der zur Wendemarke der Sozialdemokratischen Partei wurde. Heute erinnert sich Franz-Josef Antwerpes vor allem an die drangvolle Enge des eigentlich viel zu kleines Festsaales. "Wir saßen ja da, wie die Sardinen in einer Dose." Zu seinem Glück fand der jüngste Delegierte einen Platz ziemlich weit vorne, wo er einen guten Blick auf das Podium hatte. "Die Großkopferten der Partei kannte ich damals nur aus der Zeitung oder dem Rundfunk", erinnert sich Antwerpes, denn das Fernsehen habe damals noch keine Bedeutung gehabt.

Beeindruckt von der Parteiführung

Erich Ollenhauer; Rechte: dpaBild vergrößern

SPD-Chef der 1950er: Erich Ollenhauer

Vor allem die Reden von Parteioberen, wie Willi Eichler, Fritz Erler und Heinrich Deist hinterließen bei ihm Eindruck. Nur mit dem damaligen Parteivorsitzenden Erich Ollenhauer hatte er seine Schwierigkeiten: "Der sagte alles mit der gleichen Lautstärke und machte keine Pausen." Zu einem weiteren misslichen Umstand während des Sonderparteitages trug Antwerpes, als Pfeifenrauchen selbst mit bei. "Die Luft hing voller Rauchschwaden, das kann man sich heute nicht mehr vorstellen."

Politisch lagen die Beschlüsse des Godesberger Parteitags ganz auf der Linie des jungen Sozialdemokraten, der selbst gerade Volkswirtschaft studierte. "Ich war der erste im Unterbezirk, der Abitur gemacht hatte." Die Abkehr vom marxistisch geprägten Sozialismus und das Bekenntnis zur Marktwirtschaft waren auch für Antwerpes wichtige Entscheidungen, denen er unumwunden zustimmte. "Der Parteitag markierte die Wende von der Arbeiterpartei zur Volkpartei."

Zustimmung mit einer Ausnahme

Franz-Josef Antwerpes; Rechte: dpaBild vergrößern

Franz-Josef Antwerpes

Nur in einem Punkt hätte Antwerpes gerne ein anderes Ziel durchgesetzt: bei der Frage nach der Verstaatlichung der Banken. "Dafür wäre ich kurze Zeit drauf aus der Partei geflogen", erzählt der 74-Jährige im Gespräch mit WDR.de. In Godesberg ergriff er damals noch nicht das Wort, denn dafür hielt er sich noch für zu jung. Ebenso wichtig wie die neue Programmatik der SPD erschienen Antwerpes 1959 auch die Veränderungen in den Strukturen: "Der Partei wurde der Geruch des Proletarismus genommen." So seien die Voraussetzungen geschaffen worden, zehn Jahre später mit Willy Brandt auch Regierungsverantwortung zu übernehmen, ist sich Antwerpes sicher.

Gipfelpunkt einer Entwicklung

Prof. Peter Lösche; Rechte: dpaBild vergrößern

Politik-Professor Lösche

Diese Auffassung teilt auch Peter Lösche. Der Professor für Politikwissenschaft hat über Jahrzehnte die Entwicklung der SPD verfolgt. In dem Parteitag von Godesberg und dem dort verabschiedeten Grundsatzprogramm sieht er den Gipfelpunkt einer längeren Entwicklung: "Der Abschied der SPD vom Marxismus aber auch die weltanschauliche Öffnung gegenüber der gesellschaftlichen Mitte." Ein Prozess, der nach Ansicht des Politikwissenschaftlers allerdings schon früher begonnen hatte und nach Godesberg anhielt. So habe die Entwicklung zur Volkspartei schon einige Jahre zuvor ihren Anfang genommen, etwa als die SPD ihren hauptamtlichen, also angestellten Vorstand abgeschafft habe, meint Lösche. Auch die Idee der Volkspartei war nicht neu. Bereits in den Jahren nach dem ersten Weltkrieg sei dies Thema in der SPD gewesen, so der Parteienforscher.

Nach dem zweiten Weltkrieg wurde die Erneuerung der SPD mehr und mehr eine Überlebensfrage. Während die CDU bei den Bundestagswahlen 1957 mit Konrad Adenauer sogar die absolute Mehrheit holte, kamen die Sozialdemokraten nur auf einen Stimmenanteil von knapp über 30 Prozent. Ein Weckruf für die Parteizentrale in Bonn, die nun die Arbeit am Grundsatzprogramm verstärkte. "Mit anderen gesellschaftlichen Gruppen ins Gespräch zu kommen war für die SPD unerlässlich", ist sich Lösche sicher. Damit habe die Partei zunächst innerparteilich gezeigt, was Willy Brandt später unter dem Motto 'Mehr Demokratie wagen' gemeint habe. Mit offenen Diskussionen habe sich die SPD zur Partei der Modernisierung gemacht und die Wahlerfolge späterer Jahre vorbereitet.

Neuen Stil der Partei genutzt

Parteidelegierte sitzen an mehreren langen Tischreihen in einem Saal; Rechte: dpaBild vergrößern

Neue Parteiära beginnt in stickiger Luft

Am neuen Politikstil der SPD nach Godesberg erfreute sich auch Franz-Josef Antwerpes. War er beim Parteitag noch "voller Respekt" vor der Parteiführung, entwickelte er sich zu einem kritischen Genossen. "Ich war keiner, der sich wegduckt." Die Entwicklung seiner Partei in den vergangenen Jahren sieht er entsprechend kritisch. So habe die Partei in der großen Koalition ihre Konturen verwischen lassen. "Da muss man auch mal auf den Putz hauen." Antwerpes wünscht sich wieder mehr innerparteiliche Demokratie und Diskussionen. Inhaltlich hingegen sieht er seine Sozialdemokratische Partei gut aufgestellt. Bis auf die Ökologie, der er als grüner Roter - wie er sich selbst bezeichnet - mehr Gewicht geben würde. So kommt er auch zu einem klaren Fazit: "Die SPD braucht kein neues Godesberg."

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Stand: 15.11.2009, 00:00 Uhr


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