Von Volker Schulte
Hagen ist eine Hochburg für asiatischen Volkssport: Dort gibt es deutschlandweit die meisten Vereine für Federfußball. Von einer Chinareise brachte ein Hagener die akrobatische Sportart vor knapp 25 Jahren in seine Heimat mit.
In einer Höhe, wo andere kaum mit der Hand hinkommen, kickt David Zentarra mit dem rechten Fuß nach der Feder - und trifft sie präzise. Eine nach der anderen peitscht er so übers Netz. Als Elfjähriger hat Zentarra zum ersten Mal Federfußballer in Aktion gesehen, als Hagen die Weltmeisterschaft 2002 ausrichtete. Er war so fasziniert vom Tempo und der Akrobatik der asiatischen Spieler, dass er beim FFC Hagen ins Training einstieg. Heute ist der 18-Jährige Deutschlands bester Federfußballer und frisch gekürter Deutscher Einzelmeister.
Hierzulande kennen Federfußball nur die Insider, aber in vielen asiatischen Ländern ist er ein Volkssport. Fast jeder Chinese hat in seinem Leben schon einmal gegen einen Federfußball getreten. "Besonders bei älteren Menschen ist das Spiel dort ein beliebter Zeitvertreib im Park", erzählt Olaf Völzmann. Der 40-Jährige ist Teamkollege von Zentarra und hat mit dem FFC Hagen kürzlich zum fünften Mal in Folge die Deutsche Mannschaftsmeisterschaft gefeiert. "Ich habe in Asien einmal eine Seniorin spielen sehen, die Bewegungen drauf hatte, die ich mir niemals zutrauen würde."
Aus dem Freizeitspiel wurde in China nach und nach eine ernstzunehmende Sportart, eine Mischung aus Badminton, Volleyball und Fußball. Aus dem Badminton stammen das Spielfeld, das Netz und zumindest annähernd auch die Feder. Volleyball-ähnlich ist die Regel, dass sich die Spieler die Feder in den eigenen Reihen zuspielen können und versuchen, sie am Ende über das Netz zu schmettern. Bei Mannschaftsspielen, der Königsdisziplin, spielen Drei gegen Drei. Viermal darf ein Team die Feder pro Spielzug berühren, ein einzelner Spieler darf maximal zwei Federkontakte nacheinander haben. Diese Regeln gelten auch beim Doppel (Zwei gegen Zwei) und Einzel. Aus dem Fußball stammt die Vorschrift, dass die Feder mit allen Körperteilen berührt werden darf - außer mit den Händen und Armen. Diese Feinheit macht die Sportart zu einer großen Herausforderung.
Wenn David Zentarra spielt, wirkt alles ganz einfach. Mit dem ersten Kontakt befördert er die Feder zentimetergenau vors Netz, mit dem zweiten schmettert er ins Feld. "Ich spiele gern Einzel, weil ich mich dabei gut auspowern kann", sagt der angehende Industriemechaniker. Er trägt spezielle Federfußballschuhe, die aussehen wie Pantoffeln, die mehrere Nummern zu groß und vor allem zu breit sind. "Die Schuhe sind ein großer Vorteil", erklärt Zentarra, "weil sie eine flachere Kontaktfläche als normale Turnschuhe haben. Dadurch kann ich die Feder besser kontrollieren."
Problematisch ist allerdings die Beschaffung. "Wir bestellen die Schuhe aus China, wo alte Autoreifen für die Sohlen verwendet werden." Weil diese aber bei jeder Bewegung Streifen hinterlassen, bringt Zentarra seine chinesischen Schuhe immer erst zum Schuster. Dort bekommen sie eine Sohle, die sogar deutsche Hallenwarte ruhig schlafen lässt. Die Federfußball-Federn, die natürlich ebenfalls aus China stammen, sind etwas größer als die Badminton-Version und haben einen flachen Gummifuß.
Mehrere hundert Federfußballer gibt es mittlerweile in Deutschland, die meisten in Hagen und Umgebung, einige andere etwa im nördlichen Gifhorn und im südlichen Heidelberg. Auch in anderen europäischen Ländern hat die asiatische Sportart Fuß gefasst.
Hauptverantwortlich für die Verbreitung des Federfußballs in Deutschland ist der Hagener Peter von Rüden. Seit einem China-Urlaub im Jahr 1984, bei dem er auf die akrobatische Sportart aufmerksam wurde, ist er international als eine Art Federfußball-Botschafter unterwegs. In Ungarn, wo von Rüden oft Urlaub macht, "ist Federfußball mancherorts zur beliebtesten Sportart geworden", sagt David Zentarra.
Der deutsche Meister hat in Europa also starke Konkurrenz, in Asien sogar übermächtige. "Die Chinesen zeigen bei den Schmetterbällen Drehungen in Serie, die mir mit viel Glück ab und zu beim Training gelingen", gesteht Zentarra. Er selber schmettert die Feder meist mit der Sohle übers Netz, was auch schon enorme Akrobatik und Dehnfähigkeit erfordert. Viele Asiaten stellen sich dagegen vor dem Schmettern mit dem Rücken zum Netz und treffen dann die Feder in einer eingesprungenen Mischung aus Rück- und Seitfallzieher. Olaf Völzmann hat das schon live gesehen. "Das ist wie Zirkus."
Stand: 13.10.2009, 09:00 Uhr
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