Timo Weß hätte auch Fußballspieler werden können. Gut, dass er sich anders entschieden hat, denn in seiner Sportart gewann er fast alles, was es zu gewinnen gibt. Im Rahmen der Serie
Siegertreppchen1 besuchte WDR.de den Kapitän der deutschen Hockey-Nationalmannschaft und sprach mit ihm über Ziele, Erfolge und Anerkennung.
WDR.de: Herr Weß, schon in den Jugend meinten Ihre Mitspieler, Sie seien der ideale Kapitän. Heute führen Sie Ihre Vereinsmannschaft und die Nationalmannschaft als Kapitän aufs Feld. Was ist ein idealer Kapitän, und was macht Sie dazu?
Timo Weß: Das können die Jungs, die das gesagt haben, vielleicht besser beantworten. Aber es stimmt schon, dass ich bereits in jungen Jahren Kapitän war, und es auch heute noch bin. Schwer zu sagen, warum das so ist. Man muss das Vertrauen der Mitspieler haben und auch ihren Respekt. Ein idealer Kapitän kann immer für die Mannschaft sprechen, sie in gewissen Augenblicken führen und auf den richtigen Weg zurückbringen. In der Nationalmannschaft bin ich außerdem Bindeglied zwischen Jung und Alt.
WDR.de: Als Kind haben Sie ziemlich gut Fußball gespielt. Dann aber entschieden Sie sich für den kleineren Ball und den Hockeyschläger. Warum?
Weß: Ich habe wirklich viel gekickt in der Jugend. Zeitweise hatte ich mich ganz für Fußball entschieden und mit dem Hockey aufgehört. Ich war sogar ziemlich erfolgreich. Aber die Hockey-Freunde haben mich immer wieder angerufen und wollten, dass ich zurückkomme. Hockey ist vielleicht nicht so lukrativ wie Fußball, aber ich denke trotzdem, dass ich die richtige Entscheidung getroffen habe. Ich habe viele Freunde gefunden, und ich weiß nicht, ob ich beim Fußball genauso erfolgreich gewesen wäre.
WDR.de: Den größten Erfolg feierten Sie 2006, als Sie mit der Nationalmannschaft Weltmeister im eigenen Land wurden. Wird das der emotionale Höhepunkt ihrer Karriere bleiben, oder können Sie sich noch was Besseres vorstellen?
Alles zur Hockey-WMWeß: Von der Atmosphäre im Stadion wird das wahrscheinlich nicht zu toppen sein. Es war einfach traumhaft, in Deutschland vor dieser Kulisse zu spielen und Weltmeister zu werden. Aber als Hockeyspieler träumt man eigentlich immer vom Olympischen Gold - ob als Kind, in den Jugendmannschaften oder jetzt als Erwachsener. Wenn wir das in Peking gewinnen können, ist das von der reinen Freude sicher gleichwertig.
WDR.de: Der WM-Titel wurde in Deutschland bejubelt. Auf einmal war Ihre Sportart im Fokus der Öffentlichkeit. Was ist von dieser Euphorie geblieben?
Weß: Die ist leider ganz schnell wieder verpufft. Der Boom, den man sich erhofft hatte, ist nicht eingetroffen. Ein Fehler war, dass wir erst sieben Monate nach der WM wieder das erste Länderspiel in Deutschland gespielt haben. Ich denke, das war einfach zu spät. So lange konnte man die Euphorie nicht aufrecht halten. Es kamen dann auch nur noch ein paar hundert Leute und nicht 12.000 wie bei der WM. Die Euphorie hat sich also nicht übertragen, das ist sehr schade.
WDR.de: Im Gegensatz zum Fußball wird beim Hockey nicht das große Geld verdient. Werden Sie etwas neidisch, wenn Sie sehen, dass Sie sportlich zwar den größeren Erfolg haben, dies sich finanziell aber nicht entsprechend auszahlt?
Weß: Auf der einen Seite ist man etwas neidisch oder würde sich freuen, wenn man ein bisschen mehr Anerkennung bekäme. Ich habe aber sehr viel Respekt vor dem, was die Fußballer leisten. Als Hockeyspieler hat man in der Regel seine Ruhe. Beim Fußball ist das ganz anders, da macht man alles immer mit der kompletten Nation im Rücken, hat überall die Medien dabei. Deshalb finde ich es in Ordnung, wenn Fußballer dafür gut bezahlt werden. Dennoch: Ein bisschen mehr Anerkennung und Entlohnung wünscht man sich als Hockeyspieler auch.
WDR.de: Hockey gilt noch immer als Sport der Oberschicht. Ist das ein Grund, warum der Sport bei der breiten Masse nicht so ankommt?
Weß: Das ist richtig. Hockey ist immer noch ein bisschen ein elitärer Sport, auch wenn er vor Jahren noch viel elitärer war und sich schon geöffnet hat. Früher waren es vor allem Tennis- und Golfclubs, die kombiniert waren mit Hockeyclubs. Dementsprechend war die Etikette sehr wichtig. Heute ist das alles entspannter. Das Image hat sich verändert, und der Hockeysport ist heute offen für alle Leute, egal welchen sozialen Hintergrund sie haben.
WDR.de: Sie feierten als Verteidiger mit dem Crefelder HTC große Erfolge, trotzdem wechseln Sie in der kommenden Saison zum Zweitligisten Rot-Weiss Köln. Das ist etwa so, als würde Phillip Lahm vom FC Bayern zum 1. FC Köln gehen.
Weß: Wenn ich Fußballspieler wäre, würde ich diesen Schritt so auch nicht machen. Beim Hockey ist man aber kein Profi, man kann nicht eingleisig fahren und sich nur auf den Sport konzentrieren. Ich muss zwei Sachen gleichzeitig hinkriegen - Hockey und Studium. In Köln wurde ein Weg gefunden, den Leistungssport optimal mit meiner beruflichen Perspektive, sprich Ausbildung, zu verbinden. Das ist der Hauptgrund, warum ich wechsle.
WDR.de: Mit 24 Jahren haben Sie in Ihrem Sport schon fast alles erreicht, sind mit dem Verein Deutscher Meister und Europapokalsieger, mit der Nationalmannschaft Europa- und Weltmeister geworden. Haben Sie eigentlich noch Ziele, oder ist alles, was jetzt kommt, nur noch eine Zugabe?
Weß: Ich bin noch nicht aufgestiegen. Das ist das nächste Ziel, das ich mit meinem neuen Club Rot-Weiss Köln habe. Vom sportlichen Stellenwert ist das vielleicht nicht so gewichtig wie die Titel, aber einen Aufstieg muss man auch erstmal schaffen. Mein ganz großes Ziel ist aber die Olympische Goldmedaille in Peking nächstes Jahr. Das ist der eigentliche Grund, warum ich noch Leistungs-Hockey spiele.
Das Interview führte Markus Wessel
Hochleistungssport findet nicht nur dort statt, wo sich Fernsehkameras und Zuschauer drängeln. Nicht nur da wo Millionen verdient werden, findet man Sportlerinnen und Sportler, die täglich viele Stunden trainieren, um den einen Tick besser zu werden als ihre Konkurrenz. Aus dem Schatten der populären Sportarten wie Fußball, Handball oder Eishockey treten diese Athleten, wenn überhaupt, nur alle vier Jahre einmal hervor - bei Olympischen Spielen. Ansonsten nimmt die Öffentlichkeit kaum Notiz. WDR.de besucht diese Sportler in NRW und stellt sie in der Serie "Siegertreppchen" vor.
Die Karriere von Timo Weß im Überblick
Weß wird Zweiter bei der Wahl zum Sportler des Jahres
Der Crefelder HTC
Rot-Weiss KölnStand: 07.06.2007, 06:00 Uhr
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